Ein wenig versprechender Arbeitstag

Arbeitstag

Teil 2 der Serie Alltag eines modernen Sklaven

Von allen morgendlich mies gelaunten Menschen kann ich mich stolz als der Übelste bezeichnen. Zum Glück begegne ich heute früh niemandem auf dem Flur, da ich das Gefühl nicht loswerde, ein freundliches »Guten Morgen« könnte mich an diesem Arbeitstag den letzten Nerv kosten. Ich betrete mein Büro, werfe die Jacke über die Stuhllehne und schalte die erbärmliche Gurke von einem Rechner ein, die sich mein Handwerkszeug schimpft. Ich schaue aus dem Fenster und blicke auf eine weiße Wand. Man sieht genau bis zum Gartenzaun, der nur wenige Meter entfernt steht. Davor sitzt ein großer eingeschneiter Hund und sieht mich mit seinen braunen Augen traurig an. Er erinnert mich daran, dass es Geschöpfe gibt, die es noch wesentlich schlechter getroffen haben als ich selbst. Doch es ist ein Hund und Hunde machen sich solche Gedanken nicht, also verwerfe ich das wieder.

Freiwillig würden mich keine zehn Pferde in dieses Schneeloch bringen, doch der latente Geldmangel hält meinen Fuß wie eine unsichtbare Kette fest umklammert. Manchmal, wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Arbeitstag und einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt; ich würde mich für Letzteres entscheiden. Das Klingeln des Telefons ignoriere ich gekonnt, zum Glück gibt es eine Lautlostaste. Bevor ich nicht meinen schwarzen Kaffee und meine Butterbreze hatte, braucht niemand etwas von mir zu wollen. Kaffee gibt es im Nebengebäude und der Weg dorthin würde mich erneut durch die Eiswüste führen, also verspüre ich in diesem Moment wenig Motivation dazu. Ich warte auf günstigere Witterungsbedingungen und widme mich der Post, die vor mir auf dem Schreibtisch liegt. Ganz oben ein Brief, adressiert an meinen Vorgänger, der das Unternehmen vor mittlerweile sechs Jahren verlassen hat. Ich öffne das Kuvert.

Der Arbeitstag nimmt seinen erdrückenden Lauf

Das Schriftstück stammt von einem Lieferanten, der mich, gespickt mit fadenscheinigen Begründungen, darüber informiert, im neuen Jahr die Preise erhöhen zu müssen. Die verwendeten Floskeln in dem Schreiben wären im besten Fall dafür geeignet, einen Wettbewerb im Bullshit-Bingo zu gewinnen. Ich wende mich dem Computer zu, der zwischenzeitlich hochgefahren ist und starte das E-Mail-Programm. Der Ansammlung von digitalem Müll in meinem Posteingang schenke ich keine weitere Beachtung, denn ich habe Wichtigeres zu tun. Ich setzte ein erbostes Schreiben auf und weise den Absender des Briefes darauf hin, dass es wohl klüger wäre, die Energie, anstatt sie in Preiserhöhungen zu stecken, lieber mal in Stammdatenpflege zu investieren. Somit habe ich meinem Ärger Luft gemacht und kann das Stück Papier guten Gewissens der großen runden Ablage zuführen. Eine Antwort auf meine E-Mail erwarte ich nicht, denn für gewöhnlich, bleiben derartige Hinweise unbeantwortet.

In Zeiten der brummenden Konjunktur hat man es überhaupt nicht nötig, sich mit den unwichtigen Belangen irgendwelcher Kleinkunden auseinanderzusetzen. Bei diesen kommt man dann erst wieder angekrochen, wenn man kurz vor der Insolvenz steht. Der Chef streckt den Kopf zur Tür herein und erkundigt sich, ob alles in Ordnung sei. Bemüht freundlich zu wirken, beantworte ich die Frage mit »Ja« und lüge ihm glatt ins Gesicht. Einen Augenblick später ist er auch schon wieder verschwunden, am schlurfenden Schritt hörbar auf dem Weg zu den Kollegen im Nebenbüro, die sich nun mit seiner Anwesenheit herumschlagen müssen. Ich hingegen beschließe, erst einmal die Toilette aufzusuchen, denn eine Pause habe ich mir bereits verdient. Der regelmäßige Gang zur Toilette ist mir überaus wichtig.

Selten gibt es Lichtblicke

Zum einen zwingt er mich zur Bewegung, zum anderen ist es eine der wenigen Tätigkeiten, nach deren erfolgreichen Abschluss man das Gefühl hat, wirklich produktiv gewesen zu sein. So gereicht die körperliche Notdurft zum glänzenden Hoffnungsschimmer im Dunkel der geistigen Umnachtung. Da ich schon mal stehe, nehme ich nun doch den beschwerlichen Weg vom Bürokomplex zum Werksgebäude auf mich, um mich mit der lebenserhaltenden Tasse Kaffee zu versorgen. Dort angekommen stelle ich erstaunt fest, dass es tatsächlich Kollegen gibt, die versuchen, mir in puncto üble Laune Konkurrenz zu machen. Allerdings bleibt es beim Versuch, denn mit mir kann es wahrlich niemand aufnehmen. Dies mag unter anderem der Tatsache geschuldet sein, dass für den betreffenden Kollegen die Rente bereits in greifbarer Nähe ist; im Gegensatz zu mir.

Nachdem ich vor einigen weiteren Kollegen meinem Unmut über das Wetter und den beschissenen Verkehr Luft gemacht habe, ernte ich zustimmende Worte; ein erstes Erfolgserlebnis an diesem wenig versprechenden Tag. So trolle ich mich wieder, natürlich mit meiner gefüllten Tasse im Anschlag. Zurück in meinem Büro, stelle ich fest, dass irgendein Sparfuchs tatsächlich das Licht ausgeschaltet hat, vermutlich um während meiner Abwesenheit Strom zu sparen. Hier denkt man ökologisch, zumindest in diesem Punkt. Genau genommen nur in diesem Punkt. So sitze ich an meinem Schreibtisch und der Tag schreitet weiter voran. Durch die Wände dringen die Schreie von Kollegen, welche ich als Telefongespräche identifiziere und mich frage, wozu man überhaupt Telefone benötigt wenn das Fernsprechen offenbar auch ohne funktioniert.

Auch andere haben ihre persönlichen Leiden

Im weiteren Verlauf des Vormittags gehe ich gewissenhaft meiner bezahlten Tätigkeit nach und beginne damit, Friedhofsgärtner, Parkplatzwächter und Beamte um ihre vergleichsweise aufregenden Jobs zu beneiden. Müsste ich die astronomische Entfernung zwischen Spaß und meiner Arbeit benennen, so würde ich diese in Lichtjahren beziffern. Zum Glück fragt niemand ernsthaft danach. Etwaige Andeutungen in Personalgesprächen würde die Gegenseite ohnehin routiniert unter den Tisch fallen lassen. Schließlich will man sich die Mitarbeiter halten, wenn auch mit geringstmöglichem Aufwand. In der Mittagspause nutze ich eine Mitfahrgelegenheit zum örtlichen Discounter. Die größte Angst meines fahrenden Kollegen scheint zu sein, es könnte etwas von dem im Übermaß vorhandenen Schnee in seinem Auto landen.

Da ich ihn gut kenne, bemühe ich mich bereits im Vorfeld, mich an seine pedantischen Regeln zu halten und freue mich für ihn, da er offenbar keine bedeutenderen Probleme hat. Stattdessen trifft die Rüge einen weiteren Mitfahrer wie eine schallende Ohrfeige. Dieser ist noch nicht lange dabei und nichts ahnend in die Falle getappt. Nun hängt er im Netz der Spinne wie ein zappelndes Insekt. Schuldbewusst und mit irritiertem Blick scheint er in der Rücksitzbank versinken zu wollen. Trotz des Theaters bin ich froh, dass ich nicht selbst fahren muss. Im Discounter bietet sich das übliche schnöde Bild und ich frage mich, ob den Angestellten hier ihre Arbeit genauso gut gefällt wie mir meine. Schnell und gezielt sammle ich ein, was ich brauche. Zum Glück droht gerade kein Feiertag, sodass es mir erspart bleibt, mir meinen Weg durch Massen, bestehend aus akut hungerbedrohten und durchdrehenden Hamsterkäufern bahnen zu müssen.

Der Arbeitstag ist auch außerhalb gespickt mit Unannehmlichkeiten

An der Kasse bietet sich das gewohnte Szenario. Von vier Kassen hat genau eine geöffnet, an der Rentner und grimmig dreinblickende Hausfrauen mit gut gefüllten Einkaufswagen um die Poleposition buhlen. Manchmal hat man Glück und es wird eine zweite Kasse geöffnet, dann sollte man allerdings schnell sein. Ich bin jedes Mal aufs Neue überrascht, welche Reflexe so ein alterslahm wirkender Greis plötzlich entwickelt, wenn die Leuchttafel über einer leeren Kasse aufblinkt. Da sollte man tunlichst vermeiden im Wege zu stehen, andernfalls läuft man Gefahr, überrannt zu werden. Natürlich habe ich Verständnis für dieses Verhalten, da diese Menschen vermutlich einen Großteil ihres Lebens mit irgendeiner geisttötenden Arbeit zugebracht haben und die verbliebene Zeit nun möglichst effizient nutzen wollen.

Zu fortschreitender Stunde versiegt auch das verbliebene Tageslicht zusehends und aus dem tristen Grau wird schließlich ein Schwarz, das mich an meinen morgendlichen Kaffee erinnert. Nach gefühlt endlos langer Zeit fahre ich den Rechner herunter, schnappe mir meine Jacke und mache mich daran, auszustempeln. Der bisherige Höhepunkt dieses Tages. Als ich die Tür von außen schließe, überkommt mich das Gefühl, als hätte mich jemand in einen dunklen Gefrierschrank gesperrt. Mein Auto ist komplett mit einer bereits angefrorenen Schneeschicht bedeckt. Nun kommt mein finnischer Eiskratzer mit Besen zum Einsatz, den ich vor einiger Zeit im örtlichen Baumarkt erworben habe. Eines der wenigen Dinge aus dem Baumarkt, das wirklich etwas taugt. Mühelos zerstöre ich die bösartige Eisschicht und kehre ihre Überreste mit einem Hauch von Verachtung herunter.

Das Beste kommt zum Schluss

Auf der feindseligen Landstraße erinnern mich einige Gedenkkreuze am Wegesrand daran, dass hinter jeder Kurve der Tod lauert. Neben dem Sensenmann trifft man hier auch auf Blitzer, doch nicht an diesem Tag, denn die Strecke ist spiegelglatt. Nichteinmal die Besatzung eines Blitzerfahrzeugs wäre dumm genug, sich diesem Risiko unnötig auszusetzen. Sicher steuere ich den Wagen in Richtung Autobahnauffahrt. Als ich diese erreiche, werde ich von einem offensichtlich überladenen oder untermotorisierten Lastwagen ausgebremst. Vermutlich ist er beides, denn er fährt mit gefühlter Schrittgeschwindigkeit auf die Autobahn ein. Leuchtende Tafeln verkünden mir, dass die Geschwindigkeit auf achtzig beschränkt ist, was ich für einen ausgemachten Witz halte. Ich wäre froh darüber, diese Geschwindigkeit überhaupt zu erreichen. Eine Blechlawine diabolischen Ausmaßes wälzt sich in Richtung Tal und ich mittendrin. Ich bekomme den Eindruck, mich eher in der Rushhour einer Großstadt als auf einer Autobahn zu befinden.

Als ich schließlich meinen Wohnort erreiche, stehe ich kurz darauf an einer Ampel. Dumpf wummernd dringt ein Bassgeräusch zu mir durch, als dessen Quelle ich eines der Fahrzeuge hinter mir ausmache. Ein Profilneurotiker will mich und alle anderen daran teilhaben lassen, wie er sich das Gehör ruiniert. Natürlich schenke ich ihm keine Beachtung, aber er würde es ja ohnehin nicht bemerken. In seinem Auto ist jeder für sich und die Kommunikation beschränkt sich neben Bassgedröhne auf Hupen und eindeutige Handgesten. Endlich erreiche ich das Gebäude, in dem ich wohne und stelle das Auto auf meinem Parkplatz ab. Das erste an diesem Arbeitstag, auf das ich mich wirklich gefreut habe. Ich habe es geschafft; ab jetzt arbeitet die Zeit gegen mich.