Tinderwahnsinn

Tinderwahnsinn

Gelegentlich dringt das Bedürfnis nach körperlicher Zweisamkeit zu mir durch. Meine Familienplanung ist längst abgeschlossen und ich bin ein viel beschäftigter Mann, charakterlich gefestigt und im besten Alter. Doch manchmal überkommt es mich, wie ein lästiges und unnachgiebiges Jucken. Außerdem sollte man sich ja hin und wieder etwas Spaß gönnen, was spricht schon dagegen? – So denke ich mir. Kein Problem im Smartphonezeitalter. Die Hürden des Kennenlernens sind inzwischen so tief gesunken, dass man hierfür nicht einmal mehr die Wohnung zu verlassen braucht. Gesagt – getan, so lade ich mir kurz entschlossen eine App namens Tinder auf das Telefon und hole mir somit den Tinderwahnsinn ins Haus. Innerhalb weniger Minuten erstelle ich ein Profil, eine akkurate Kurzbeschreibung und stelle einige Fotos ein, die mich in tageslichttauglicher Optik präsentieren.

Tiefgang? Nein Danke!

Mit der Intention, eine Frau mit identischem Ansinnen zu finden, mache ich mich sogleich an die Arbeit. Die Auswahl an potenziellen Gespielinnen ist groß und für jeden Geschmack ist etwas dabei. Bilder von Personen, die einem gefallen, wischt man nach rechts, die anderen nach links. Im Falle des gegenseitigen Wohlwollens gibt es ein sogenanntes Match und man kann sich schreiben. Einzig das Aussehen entscheidet, wer in Frage kommt und wer nicht. Ein Sinnbild an Oberflächlichkeit, über das auch die dürftigen Texte, die bisweilen unter vielen Fotos zu finden sind, nicht hinwegtäuschen können. Jedoch bin ich mir dessen bewusst und es ist absolut mit meinem Vorsatz vereinbar. Das Auge will ja schließlich auch etwas davon haben. Jedem Menschen, der nur über eine halbwegs funktionierende Auffassungsgabe verfügt, sollte sofort klar sein, worum es hier geht. So zumindest mein von Logik beseelter Denkansatz.

Den Tinderwahnsinn gibt es wirklich – aber anders als gedacht

Schnell überkommt mich Ernüchterung, als ich feststelle, dass die einst vielversprechende Plattform von einer Heerschar an weiblichen Wesen, die sich in kaum zu überbietender Naivität auf die Suche nach der großen Liebe begeben haben, regelrecht unterwandert wurde. Völlig unerwartet sehe ich mich mit grotesken Litaneien aus fabulierten Ansprüchen konfrontiert. Die Suche nach der schnellen Nummer, ist zum Spielfeld von verzweifelten Frauen degeneriert, die sich ihrer selbst nicht genüge zu sein scheinen. Mir drängt sich der Eindruck auf, als hätte die Infiltration bereits ungeahnte Ausmaße erreicht und das nette Programm für meine Zwecke somit unbrauchbar gemacht. Die überwiegend aufgeführten Selbstinszenierungen finden jenseits von Realität und gesunder Geisteskraft statt und lassen Dunkles erahnen.

Die Frauen wollen immer nur das Eine

Bei manchen wird der Eindruck geschürt, ein erstes Treffen käme einem Ehegelübde gleich. Andere definieren haarklein, welche Eigenschaften der etwaige Partner zu erfüllen und wie er keinesfalls zu sein habe. Exakt wird bereits im Vorfeld dargelegt, was männlicher Knecht zu tun und zu lassen hat. Frauen, die ganz offensichtlich nicht einmal mit sich selbst klarkommen, scheinen nur ein einziges Ziel zu verfolgen: Einen Mann zu besitzen, ihn nach ihren Vorstellungen zu formen und in das Joch der Unterdrückung zu treiben. Mit an Größenwahn grenzendem Selbstverständnis werden Attribute wie »Charakter«, »Bodenständigkeit« oder »Ehrlichkeit« gefordert, vermutlich um das Fehlen derselben bei sich selbst aufzuwiegen. Eine entartete Generation von emanzipierten Möchtegern-Prinzessinnen hat Männern wie mir den Krieg erklärt. Offenkundig feindselig wird gegen »Halbe Sachen«, »Spielchen« und Beziehungen rein körperlicher Natur schwadroniert.

Never Ending Love Story

Das aus meiner Sicht völlig legitime Ersuchen nach gediegenem Vergnügen ohne Verpflichtung wird unbarmherzig stigmatisiert und der Verwerflichkeit preisgegeben. Alles jenseits des auf einem weißen Schimmel anreitenden Prinzen, sieht sich unverhohlener Intoleranz ausgesetzt und wird verbissen bekämpft. Nur ein Mann, der sich auf ewig in Ketten legen lässt, scheint ein guter Mann zu sein. Die Never Ending Love Story avanciert zum einzig akzeptierten und stets glorifizierten Bestreben. Es gibt sogar Kandidatinnen, die sich auf einer Fickbörse darüber beklagen, dass diese zu einer Fickbörse verkommen sei. Ein Paradoxon, das seines Gleichen sucht und in welchem die eigentliche Perversion erst sichtbar wird. Die Zweckentfremderinnen einer Plattform, die ursprünglich dazu dienen sollte, unbeschwerte zwischengeschlechtliche Kontakte zu knüpfen, bedienen sich einer obskuren Moral als Legitimation.

Gezielte Diskriminierung andersdenkender Männer

Ein Mann, der sich dem nicht fügen will, wird zum Dorn im schwärenden Fleische des zerebralen Verfalls und hat mit neurotischen Anfeindungen, bis hin zu primitivsten Bekundungen der Abscheu zu rechnen. Augenscheinlich ist das ermattete weibliche Ego der Moderne, nur durch Sklavenhaltung in Form einer sogenannten »Partnerschaft« zu kompensieren. Sicher mag es Männer geben, die sich angesichts Unerfahrenheit, verzweifeltem Notstand oder masochistischer Neigungen auf Derartiges einlassen wollen. Für mich persönlich kann ich jedoch keinerlei Mehrwert in solch emotionaler Knechtschaft erkennen; im Gegenteil. Einen weiteren traurigen Höhepunkt bilden Mittvierzigerinnen, die auf einer App wie Tinder nach der Lösung für ihren unerfüllten Kinderwunsch streben. Hier offenbart sich auf erschreckende Weise der Auswuchs einer geistig völlig verkümmerten Emanzenriege und weckt in mir, neben Unverständnis, nur Mitleid.

Verzweiflung und finanzielle Motive als Triebfeder

Entweder ist der Weg zur Samenbank zu weit oder es ist eben doch erquicklicher, wenn sich noch eine verirrte Seele findet, die man für die nächsten drei Jahrzehnte finanziell an sich binden kann. Ebenfalls beliebt scheint die Suche nach Ersatzvätern für bereits vorhandenen Nachwuchs, die im Vorfeld jedoch als Motiv hartnäckig geleugnet wird. Eine Ersatzvaterschaft als Beziehungsgrundlage klingt in der Tat vielversprechend. An anderer Stelle wiederum werden sogenannte »Altlasten« als Ausschlusskriterium für ein Kennenlernen propagiert. Einer Person, die fremde Nachkommen mit einer solchen Bezeichnung bemisst, wünscht man bestenfalls die Bekanntschaft mit einer harten Rückhand, anstatt derer eines spendablen Geldbeutels.

Tinderwahnsinn jenseits der Grenzen des Erträglichen

Ein weiteres von Widersprüchlichkeit durchtränktes Muster, ist die Protzerei durch nuttige Posen in Verbindung mit tiefen Ausschnitten, zugleich geknüpft an die Forderung nach Tiefgang beim Gegenüber. Ganz sicher ist ein Mann in Anbetracht eines üppigen Dekolletés primär an hochgeistiger Unterhaltung interessiert. Die dargebotene Unbedarftheit des weiblichen Geschlechts scheint schier grenzenlos zu sein. Je mehr Profile jenseits der Debilitätsgrenze ich durchstöbere, desto stärker will ich daran glauben, dass ich es hier ausschließlich mit Satire zu tun habe. Doch sogar die Fachpresse hat in jüngster Vergangenheit mehrfach konstatiert, dass es um die Entwicklung der menschlichen Intelligenz alles andere als gut bestellt sei. In Dating-Apps scheinen sich die Geschwüre dessen verstärkt zu manifestieren. Es hat gar den Anschein, als würde die Dummheit ähnlich einem Virus auf diesem Wege versuchen, ihre Arterhaltung zu sichern.

Fazit zum Tinderwahnsinn

Im Angesicht solch erdrückender Geistlosigkeit, bleibt mir nur die Flucht und ich beschließe, doch lieber selbst Hand anzulegen. Die geforderten Aufwendungen scheinen in keinem Verhältnis zum erwartenden Erfolgserlebnis zu stehen. Die Freiheit, uneingeschränkter Herr über Lebensweise, Zeit und Geld zu sein, scheint mir ein zu hohes Pfand im Hinblick auf etwas Beglückung. Ganz aufgeben will ich die Suche nach der unverbindlichen Fleischeslust allerdings noch nicht. Als gangbare Alternative bleibt wohl doch nur der Weg vor die Haustür. Fazit: Selbst die schwerste Form von Rinderwahnsinn ist harmlos, verglichen mit dem Tinderwahnsinn.

Die Sache mit dem Tinderwahnsinn

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