Kein Bock auf Ü-30

Ü-30

Für gewöhnlich verbringe ich einen Samstagabend gediegen, mit sinnvollen Dingen wie Schreiben, dem Erlernen einer Fremdsprache oder Netflix. Dazu bietet sich eine Tasse Tee, ein kühles Bier oder ein Schluck hochwertiger Wodka (nicht dieser billige Industriefusel) an. Heute aber macht sich das Gefühl bemerkbar, dass es meinen Geist nach etwas Abwechslung dürstet. Das kommt vor und ist auch völlig in Ordnung. Ich beschließe, an diesem Abend mal vor die Tür zu gehen. Also nicht zum Stammitaliener auf einen Cappuccino, sondern mal so »richtig« raus. Nach kurzer Internetrecherche bin ich darüber im Bilde, was heute so abgeht. In einem nahegelegenen Kaff steigt eine Ü-30-Party. Da ich keine Lust habe, alleine dort aufzukreuzen und es mich zudem nach intellektueller Unterhaltung gelüstet, zücke ich mein Smartphone und versuche ein paar meiner Kontakte als Begleiter zu aktivieren.

Ein durchaus bemerkenswertes Phänomen ist, dass die meisten Menschen grundsätzlich mit höchstwichtigen Terminen verplant sind, selbst abends und am Wochenende. Das gibt wenig Raum für Spontanität. Erschwerend hinzu kommt, dass viele Gleichaltrige in einer Beziehung leben, verheiratet sind oder Familie haben und somit eher weniger zugänglich für derartige Veranstaltungen sind. Das finde ich auch ok, denn bekanntlich ist jeder seines Glückes Schmied; oder seines Unterganges Schmied, je nach Betrachtungsweise. Nach wenigen Minuten hat sich ein tauglicher Begleiter gefunden. Gesprächstechnisch auf meiner Wellenlänge, Mitte dreißig, Single, gebrandmarkt durch zahlreiche Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht und zu allem bereit. Ich erhalte seine Zusage, unter der Prämisse, dass er sich dem Genuss des Alkohols hingeben dürfe.

Die erste Analyse der Ü-30-Besucher erfolgt auf dem Parkplatz

Das ist kein Problem für mich, da ich mir nach dem letzten Rausch geschworen habe, nie wieder Alkohol zu trinken. Natürlich halten derartige Schwüre nie besonders lange, aber aus sportlichen Gründen bin ich dem Alkohol ohnehin gerade nicht zugetan. Also sage ich bereitwillig zu, ihn abzuholen und den Fahrer zu spielen. Unser Zielort ist eine Diskothek in einem kleinen Gewerbegebiet. Dort angelangt, lasse ich meine Rostlaube über den großen und gefüllten Parkplatz rollen. Die geparkten Fahrzeuge gewähren bereits einen ersten Überblick über die Klientel, welche hier überwiegend zu Gange zu sein scheint. Da gibt es die Normalos, die ganz normale Autos fahren und zu denen ich mich ebenfalls zähle. Dann gibt es die, die mit aufpolierten und kreditfinanzierten Protzkisten ihn Form von Stadtgeländewagen aufwarten und somit ihr ökonomisches Unvermögen zur Schau stellen.

Die Sinnhaftigkeit solcher Fahrzeuge stelle ich schon lange infrage. Die Palette an erdachten Begründungen für die Anschaffung eines solchen Fortbewegungsmittels ist lang. Die Majorität dieser Begründungen halte ich jedoch für ausgemachten Bullshit. Kein Mensch benutzt einen BMW X6 mit dreifach aufgeladenem Turbobenziner als Zugmaschine. Das Problem ist tief greifender Natur, denn wer ein solch geartetes Statussymbol sein Eigen nennt, möchte damit für gewöhnlich etwas kompensieren. Was auch immer das sein mag. Und sei es nur, seine Überlebenschancen steigern, während man auf der Landstraße whatsappend in den Gegenverkehr kracht. Natürlich möchte der eine oder andere an dieser Stelle geneigt sein, mir Neid zu unterstellen. Das liegt allerdings darin begründet, dass die Betroffenen meist Probleme damit haben, Neid von Mitleid zu unterscheiden.

Manche Ü-30-Besucher befinden sich geistig auf dem Stand eines 18-Jährigen

Dann gibt es die mit den Sportwagen. Damit meine ich die richtigen Sportwagen. Fahrzeuge in einer Preisklasse, die so hoch ist, dass selbst die wohlwollend geneigte Hausbank eine Finanzierung dankend ablehnt. Deren Fahrer sind meist graue Wölfe, Sugardaddys oder die Söhnchen von irgendwelchen Großindustriellen. Eines kann man sich immerhin gewiss sein; die Kisten sind entweder gestohlen oder mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bar bezahlt. Was mich zu einer weiteren Spezies führt, die hier nicht fehlen darf. Die, die gerne einen richtigen Sportwagen fahren würden, es sich aber nicht leisten können. Diesen Mangel versuchen sie auszugleichen, in dem sie allerlei Plastik, Aufkleber und überdimensionale Heckspoiler an ihren billigen Kisten anbringen. Breite reifen, die Stoßstange am Boden kratzend und die fette Bassbox im Kofferraum.

Tiefer, breiter, härter in allen Lebenslagen. Die Karre muss röhren wie ein Panzer, nur unter der Haube und an Gehirnmasse fehlt es. Eigentlich war ich geneigt zu glauben, dass man als Besucher von Ü-30-Events, dieses Entwicklungsstadium bereits überschritten haben sollte und fühle mich nun eines besseren belehrt. Ich parke den Wagen kurzerhand auf Poleposition. Eigentlich ist es kein ausgewiesener Parkplatz, doch das ist mir vollkommen gleichgültig. Dreistigkeit siegt und so wie meine Rostlaube aussieht, kommt ihr sicher niemand zu nahe. Guter Dinge nähern wir uns dem Eingang. Die Jacken bleiben im Auto; Geld für Garderobe zahlen? – Soweit kommts noch. Immer hin beträgt die Außentemperatur zehn Grad Celsius, was man hier schon als außergewöhnlich warm empfinden kann. Wir passieren die beiden Securitys am Eingang, die uns kurz mustern und wohl für eintrittswürdig erachten. Ein innerliches Lachen kann ich mir nicht verkneifen.

Auch bei der Security zählen nur die inneren Werte

Früher waren Türsteher muskelbepackte und eindrucksvolle Gestalten. Typen, mit denen man sich lieber nicht anlegt, zumindest nicht in nüchternem Zustand. Heutzutage kann jeder ein Discopförtner werden. Wampe, tätowierter Hals und grimmiges Dreinblicken reichen als Qualifikation. Im Zweifelsfall reicht auch eine der genannten Eigenschaften. Eine Bomberjacke drüber und fertig ist der Security. Aber vermutlich zählen hier die inneren Werte mehr, als man denkt. Nach kurzem Stehen in der Warteschlange dürfen wir den Eintritt abdrücken und bekommen von einer mäßig freundlichen Dame, lieblos einen Stempel auf das Handgelenk gedrückt. Natürlich ist die Gebühr maßlos überteuert, aber da ich schon mal hier bin, bezahle ich zähneknirschend. Die Empfangsdame, der DJ und das beeindruckende Sicherheitsteam müssen ja schließlich irgendwie bezahlt werden. Von oben dröhnt bereits die Musik, verheißungsvoll und verlockend.

Wir betreten die Arena und verschaffen uns einen ersten Eindruck. Die nebelverhangene Tanzfläche ist voll und die Stimmung scheint gut zu sein. Gleich auffallend: der für diese Region übliche latente Männerüberschuss. Anfangs noch etwas orientierungslos, führt uns unser Weg zu einer der Bars, immer eine gute Anlaufstelle. Dort angelangt, werfe ich einen Blick auf die Getränkekarte und stelle fest: Es scheint Unhappy-Hour zu sein. Ein Bier gibt es zum Preis von zwei. Aber da ich sowieso Chauffeur bin, bestelle ich mir eine Cola, die mein Begleiter bezahlt. Er selbst genehmigt sich ein Glas gepanschtes Hochprozentiges und als der Barkeeper den Wucherpreis dafür nennt, bin ich froh, dass ich nicht saufen muss.

Die strategische Wahl des Standortes kann entscheidend sein

Normalerweise trinke ich keine Cola und nach dem ersten Schluck weiß ich auch wieder warum. Bedächtig nippe ich an dem pappsüßen Zuckerwasser und es ist absehbar, dass mich dieses erbärmlich schmeckende Gesöff wohl über den Abend bringen wird. Zeit, sich einen geeigneten Platz zu suchen und die anwesende Menschenmenge näher zu analysieren. Wer bis hierhin dachte, ich würde mich auf eine Ü-30-Party begeben, um eine Frau kennenzulernen, der hat weit gefehlt. Beobachten und gepflegte Unterhaltung sind das angestrebte Ziel. Vergleichen kann man das mit einem Zoobesuch und anschließendem Plausch in der Cafeteria. Taktisch klug wählen wir einen Platz im Durchgangsbereich, in der Nähe der Toiletten. Strategisch gesehen ist dieser Standort ausgezeichnet, da hier früher oder später jeder vorbei muss.

Die amtierende Klofrau bietet die bislang sympathischste Erscheinung des Abends. Zu meiner Erleichterung habe ich noch niemanden gesehen oder getroffen, den ich kenne. Die Ü-30-Teilnehmerinnen haben von unserer Anwesenheit bisher kaum Kenntnis genommen. Die Besseraussehenden sehen uns überhaupt nicht, da wir uns trotz Körpergrößen jenseits der 1,80 außerhalb ihres Sichtfeldes bewegen. Ihre Nasen sind streng gen Himmel gerichtet und sie laufen Gefahr, dass ihnen das von der Discokugel reflektierte Lichtspiel die hübschen Augen verblitzt. Das scheint jedoch eine untergeordnete Rolle zu spielen, da sich bereits genügend Paarungswillige um sie scharen und um ihre Gunst buhlen. Wie durch eine imaginäre Panzerglasscheibe beobachte ich das Geschehen amüsiert, während ich mich angeregt mit meinem Compagnon unterhalte, der sich zwischenzeitlich mit dem zweiten Glas überteuerter Mischpoke versorgt hat.

Der Jäger erspäht seine Beute

Er hat eine Dame in der Menge erspäht, die ihm aufgrund ihres rassigen Typs und dem überproportional großen Vorbau besonders gut gefällt, wie er mit einem Hauch von überschwänglicher Begeisterung zum Ausdruck bringt. Der Alkohol scheint bereits seine Wirkung zu entfalten. Sich Mut anzutrinken scheint gemeinhin ein probates Mittel zu sein. Während mein Begleiter sich das dritte Glas zu Gemüte führt, wanken bereits die ersten tapferen Männer mit motorischen Schwierigkeiten in Richtung der Toiletten. Wir philosophieren weiterhin über schöne Autos, die Schwierigkeiten heterogener Beziehungen und die Vorzüge der absoluten Freiheit. Und natürlich über die umherwandelnden Gestalten. Schnell kristallisieren sich einschlägige Stereotypen heraus. Hier die häufigsten des Abends:

Der Schönling

Der Klassiker unter den Ü-30-Besuchern. Mit einer gesunden Portion Selbstvertrauen und dem Vorsatz, sich etwas aufzureißen, geht er auf die Pirsch. Ein Pfund Gel in den Haaren, heterogerechte Ohrringe und ein straff sitzendes Armanihemd sind seine Erkennungszeichen. Natürlich verlässt er das Haus nicht, ohne vorher ein ausgiebiges Bad in Parfüm oder Deo genommen zu haben, deshalb riecht man ihn noch immer, wenn er bereits vor zehn Minuten an einem vorbeigegangen ist. Die etwas zu klein geratenen Exemplare tragen gerne Plateauschuhe. Viel zu erzählen hat er allerdings nicht, außer vielleicht, wie toll sich sein neuer Jahreswagen fährt oder wie viel Spaß ihm sein Job als Filialleiter im Baumarkt macht. Auch der letzte Urlaub am Ballermann war schön, wie schon die Jahre zuvor.

Der Langweiler

Wie der Name bereits vermuten lässt, ist der Langweiler vor allem eines: langweilig. Oft zu erkennen an spärlichem Haarwuchs, Bauchansatz und einem betrübten Gesichtsausdruck. Gerne trägt er einen langweiligen Pullover mit Hemdkragen über dem V-Ausschnitt. Meist lungert er in Ecken oder an der Bar herum und lässt seine sehnsüchtigen Blicke ungeniert über die weiblichen Objekte der Begierde streifen. Im Grunde sieht er aus, wie jemand, der mit Vierzig noch bei Mutti wohnt, was meist auch zutrifft. Besonders schweren Fällen haftet der penetrante Geruch von abgestandenem Schweiß an. Durch sein mäßiges Selbstvertrauen ist er zum ewigen Beobachter verdammt, denn ansprechen wird ihn nie eine. Der mitleidige Blick einer kurzhaarigen Emanze ist sein größtes Erfolgserlebnis, denn wenig Aufmerksamkeit ist immerhin besser als gar keine.

Der Discopumper

Er verbringt viel Zeit im Fitnessstudio und ein Buch hat er noch nie gelesen. Die dicken Oberarme sind sein ganzer Stolz. Um die optische Wirkung voll zu entfalten, macht er auf dem Parkplatz vor der Disco gerne noch ein paar Extra-Liegestütze. Unberührt von der eigenen Peinlichkeit ist die zyklische Selbstkontrolle im Toilettenspiegel Pflicht. Muskelshirt und Goldkette gehören zum guten Ton und auch die Tätowierung darf nicht fehlen, wie es sich für einen harten Kerl gehört. Je geringer der Intellekt, desto größer sein Selbstvertrauen. Erstaunlicherweise liegt seine Erfolgsquote relativ hoch und beweist, dass sich das schlichte Gemüt einer Ü-30-Besucherin selbst mit einem geringen Wortschatz beeindrucken lässt.

Der Unscheinbare

Meist ist er klein, blass und schmächtig. Wenn man mit ihm interagiert, gibt er sich stets freundlich und gesprächig. Er kann sich nahezu unsichtbar durch den Raum bewegen. Gut getarnt schiebt er sich an den Wänden entlang und rückt so geschickt in die Nähe seiner anvisierten Beute. Dort bleibt er allerdings für den Rest des Abends unbemerkt stehen. Einige Angehörige dieser Gattung tragen selbst bei den hohen Innentemperaturen ihre mit Schulterpolstern ausgestatteten Jacken, vermutlich um bulliger zu wirken und mit den Discopumpern zu konkurrieren.

Der fidele Alte

Mehr Ü-70 als Ü-30 steht er voll im Saft und gibt alles. Er tanzt, was das Zeug hält und das notfalls den ganzen Abend. Hat er sich im Arbeitsleben doch geschont, profitiert er nun davon. Der Schweiß trieft aus allen Poren und selbst wenn der Saft bis in die Cordhose tropft, tut das dem Spaß keinen Abbruch. Jüngere Männer finden ihn cool und bewundern seine Ausdauer. Die Aufmerksamkeit aller ist im gewiss, denn er weiß sich zu inszenieren. Gerne bringt er seine Einlagen auf Podesten und das stundenlang. Hat er sich erst mal in Stimmung getanzt, dann gibt es kein Halten mehr. Wenn der DJ jetzt noch den richtigen Schlager auflegt, drohen Dehydration und Herzkasper.

Der Partylöwe

Gesetzteres Alter jenseits der Ü-30, silbrig-graue bis weiße Haarpracht, leger gekleidet, gemachte Zähne und immer gut drauf. Der Partylöwe hat einen echten Sportwagen vor der Tür stehen und das sieht man ihm an. Er lässt sich nicht lumpen und weiß, was er will. Mit seinem dicken Geldbeutel sticht er die Konkurrenz gnadenlos aus und die Frauen liegen ihm zu Füßen. Standesgemäß wird an der Bar erst mal ein Eimer Wodka und reichlich Prosecco bestellt und mit mindestens einem grünen Schein und saftigem Trinkgeld bezahlt. Er trägt Verantwortung, schließlich will die Gefolgschaft, die er um sich schart, auch gut versorgt werden. Er ist der wahre Gewinner des Abends, denn gegen die Macht des Geldes sind selbst Muskeln, Haargel und Schulterpolster chancenlos.

Das Discohäschen

Das weibliche Pendant zum Discopumper darf auf keiner Party fehlen. Jung, schön, femininer Auftritt, lange Haare und meist ein perfekter Körper. Selbsterklärend bleibt da der Charakter auf der Strecke, aber man kann schließlich nicht alles haben. Ein fleischgewordener feuchter Traum, der das Blut in Wallung bringt. Ein wahrer Augenschmaus und meist schwer auszumachen, da von einer Männerschar umringt. Einbildung ist ihre einzige Bildung, dafür hat sie jede Menge davon. Mit anspruchsvoller Konversation kann man einer solchen Dame nicht beikommen. Selbst Typen wie der Schöne werden verschmäht. Da muss schon ein heiße Luft stammelnder Discopumper aufwarten oder ein Partylöwe ein paar Scheine springen lassen. Ein echtes Discohäschen geht nie alleine nach Hause und kostet die Vorteile einer hormongesteuerten Welt in vollen Zügen aus.

Die Verzweifelte

Etliche Männer hat sie in ihrem Leben bereits entsorgt, immer in dem Ansinnen, es möge noch ein besserer folgen. Dummerweise hat sie dabei die Zeit übersehen und wurde vom Alter überholt. Mit unzufriedenem Gesichtsausdruck streift sie umher, in der Hoffnung bemerkt zu werden. Doch leider interessiert sich niemand für sie und ebenso wenig für die, sich in ihrem Schlepptau befindlichen Schicksalsgenossinnen. In besonderen Härtefällen gesellt sich zur allgemeinen Tristesse noch ein unerfüllter Kinderwunsch. Im besten Fall findet sich noch ein Schöner, der im Angesicht von unstillbarer Notgeilheit ein paar Drinks spendiert.

Die Emanze

Ein in unseren Gefilden mittlerweile häufig anzutreffender Typ. Raspelkurze gefärbte Haare, maskuline Statur und die Ausstrahlung eines Sack Kartoffeln. Ein geistig gesunder Mann mit halbwegs funktionierendem Selbsterhaltungstrieb wendet hier sofort den Blick ab oder ergreift die Flucht. Die Topmodelle dieser Gattung erkennt man an der exzessiven Nikotinabhängigkeit. Oft leiden diese Frauen, die eigentlich keine sein wollen, an völlig übersteigertem Selbstbewusstsein. Eine mögliche Ursache liegt darin begründet, dass es aufgrund des gravierenden Männerüberschusses in Verbindung mit lebensbedrohlichem Notstand tatsächlich dazu kommen kann, dass derartige Exemplare männliche Aufmerksamkeit erfahren. Als weitere plausible Erklärung könnte man anführen, dass es sich bei den vermeintlichen Interessenten um fehlgeleitete oder betrunkene homosexuelle Männer handelt.

Das Mauerblümchen

Auch der Langweiler verfügt über ein passendes Gegenstück. Da beide jedoch nicht zu besonderer Interaktion fähig sind, werden sie niemals zusammenfinden. Falls sie über weibliche Reize verfügt, weiß sie diese keinesfalls einzusetzen. Die knochigen Hände um ein Glas Cola gekrampft, wartet das Mauerblümchen verschüchtert darauf, gepflückt zu werden. Die wenigsten Männer werden sie jedoch bemerken. Die besten Chancen hat sie, wenn sich ein aufmerksamer Unscheinbarer nahe genug an sie heranpirscht und tatsächlich den Mut aufbringt, sie anzusprechen. Dann steht der großen Liebe nichts mehr im Wege.

Die Nette

Wohl die Einzige, mit der man auf verbaler Ebene wirklich etwas anfangen könnte. Leider ist sie optisch nicht gerade der Bringer – gelinde gesagt. Immerhin sticht sie aufgrund adipöser Ausmaße sofort aus der Masse hervor. Oft wird sie daher als Wirkungsverstärker im Gefolge eines Discohäschens eingesetzt. Für jemanden, der ausschließlich auf innere Werte baut, sicher eine gangbare Lösung. Für ein Augentier auf der Suche nach Spaß, jedoch gänzlich irrelevant.

Die Übergänge sind oft fließend

Natürlich lässt sich nicht jeder eindeutig einem Typen zuordnen und die Übergänge sind oft fließend. Dem besorgten Leser sei jedoch versichert: Ich selbst bewege mich außerhalb des beschriebenen Spektrums. Mein Kumpel ist mittlerweile beim fünften Glas angelangt und schwelgt zusehends in Fantasien betreffend der erspähten Traumfrau. Ich bot ihm an, sie für ihn anzusprechen, jedoch lehnte er dankend ab. Ein echter Mann müsse das selbst in die Hand nehmen. Das respektiere ich natürlich. Eine Gruppe, bestehend aus verzweifelt wirkenden Frauen, drückt sich an uns vorbei. Ich spüre ihre verstohlenen Blicke auf meiner Haut, gebe mir jedoch alle Mühe, sie mit Missachtung zu strafen. Auch die beiden Mauerblümchen zu meiner Linken ignoriere ich gekonnt und etwaige Emanzen werden sowieso vollständig ausgeblendet.

Wenn der Blick verschwimmt, ist es bereits zu spät

Mein Gesprächspartner ist inzwischen auf den Konsum von Wasser umgestiegen, nachdem er wohl selbst bemerkt hat, dass sein Hörverstehen und seine Artikulationsfähigkeit zusehends unter dem gemixten Gift leiden. Meines Erachtens zu spät, da die volle Wirkung Alkohols bekanntlich erst verzögert einsetzt. Immerhin beschließt er nun, dass es an der Zeit sei, sich in die Nähe seiner Angebeteten zu begeben. Genügend Mut sollte ja nun vorhanden sein und praktischerweise ist gerade ein Sitzplatz neben dem Häschen frei. Das Objekt der Begierde wendet sofort den Blick ab und ignoriert ihn demonstrativ. Währenddessen schiebt sich eine Unsympathin aus der Menge und redet auf den Sitzenden ein, aus Sorge um ihre Handtasche, die sie wohl ziemlich unvorteilhaft auf der Bank deponiert hat.

Ich reiche ihr die Tasche und versichere ihr, dass niemand von uns an ihren lumpigen Habseligkeiten interessiert sei. Natürlich ernte ich missbilligende und drohende Blicke, aber das ist mir gleichgültig. Auch die zu erwartende Schelte durch einen kokettierenden Discopumper bleibt aus. Kurze Zeit später meldet sich mein Begleiter zum obligatorischen Toilettengang ab, nachdem ich ihm noch zwei weitere Fläschchen Wasser organisiert habe. An der Theke musste ich den offensichtlichen Anbaggerversuch einer Verzweifelten abwehren, was mir natürlich sehr erfolgreich gelang. Ich nutze die Wartezeit und widme mich dem Discohäschen und seinem mutmaßlichen Begleiter, den ich ausgemacht habe. Ein älterer Typ, der sich schon den ganzen Abend unauffällig in ihrer Nähe herumdrückt und gelegentlich mit ihr interagiert. Entweder, er ist ihr Vater, ihr Liebhaber oder ihr Zuhälter.

Jähes Ende einer Ü-30-Party

Möglicherweise treffen auch alle Optionen zu. Ich beschließe daher, es besser nicht herauszufinden, und warte auf die Rückkehr meines Compagnons. Nachdem dieser einige Zeit später noch immer nicht aufgetaucht ist, mache ich mich auf die Suche. Schließlich fühle ich mich als Initiator dieses Ausfluges für ihn verantwortlich. Ich finde ihn in dem stinkenden Siffloch von einer Toilette vor, den Folgen des Alkoholkonsums erlegen. Anstatt einer Umarmung mit der Angebeteten reicht es an diesem Abend lediglich für eine Umarmung mit der Kloschüssel. Nach ausgiebig erfolgter Entleerung seines Mageninhalts beschließe ich, ihn nach Hause zu fahren. Somit bahnt sich das glorreiche Ende eines vielversprechenden Abends an.

Nachdem ich den Leidenden zuhause abgeliefert habe, begebe ich mich selbst auf den Heimweg. Ganz ohne weibliche Begleitung, aber dafür frei und voller Zufriedenheit. Bock auf Ü-30 werde ich die nächste Zeit allerdings nicht mehr haben.

Ü-30-Parties

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