Die Übereltern

Übereltern

Auf die Anregung einer Freundin hin, möchte ich mich heute einer ganz besonderen Spezies widmen. Sie machen alles richtig und sind über jegliche Kritik erhaben: die Übereltern. Wer kennt sie nicht. Brüllend wie Affen, stehen sie am Rande von Fußballplätzen, Tennisplätzen und in Eisstadien, mit eisigen Blicken lungern sie in Musikschulen und auf Schwimmwettbewerben herum. Während andere einer regulären Arbeit nachgehen, bringen sie ihre Kinder zur Schule und holen sie wieder ab. Natürlich standesgemäß mit dem SUV, mit welchem gerne mal Bushaltestellen, Behindertenparkplätze oder gleich die ganze Straße blockiert werden. Schließlich will man dem armen Nachwuchs ja nicht zumuten, die ihm angeborenen Beine über die gegebene Notwendigkeit hinaus strapazieren zu müssen.

Diese werden für andere Dinge gebraucht, wie zum Beispiel die körperliche Ertüchtigung im Leistungssport, um Träumen gerecht zu werden, welche die Erzeuger selbst nie erreicht haben. Zudem hat man täglich einen straffen Zeitplan zu bewältigen, da bleibt für lange Heimwege oder das Spielen mit Gleichaltrigen kaum Zeit. Das Kind wird zum Avatar herangezüchtet, der Befriedigung der eigenen Unerfülltheit Willen und gerne auch zur Profilierung der vermeintlich wohlwollenden Erziehungsmethoden. In dem Wahn, die bedauernswerten Abkömmlinge zu immer neuen Höchstleistungen treiben zu müssen, verkennen die stets perfekten Übereltern ihre eigene Geisteskrankheit. Mit purem Egoismus als Triebfeder, verwehren sie ihren Nachkommen gewissenlos eine kindgerechte Kindheit. Natürlich wissen ausschließlich sie selbst, was das Beste für ihre Kleinen ist.

Übereltern erkennt man meist schnell an ihrem neurotischen Geltungsdrang

Deshalb sitzen sie auch mit pathologischer Zwanghaftigkeit in Elternbeiräten und Vereinsvorständen, sich wie die Holzböcke im Fleisch eines geprügelten Zirkusbären an ihrer fabulierten Wichtigkeit labend. Selbst für das ungeschulte Auge sind sie sofort am krankhaften Geltungstrieb erkennbar. Dass sie dabei mit ihrer vorlauten Aufgeblasenheit nur die Nerven der Menschen um sie herum strapazieren, spielt im Universum der Idiotie selbsterklärend keine Rolle. Für voll nehmen kann man sie nicht und in der verzweifelten Hoffnung, sie so endlich zum Schweigen zu bringen, gibt man als Klügerer schließlich designiert ihrem Willen nach. Die Intention dessen, dem von Dummgeschwätz gepeinigten Verstand Erlösung zu verschaffen, ist zwar nachvollziehbar, im Ergebnis jedoch nicht zielführend.

Denn wenn die Klugen immer nachgeben, gewinnen automatisch die Dummen. Das ermöglicht es diesen erst, ihre durch Perfidie erschlichenen Posten innezuhalten und sich somit in ihrer unfehlbaren Selbstherrlichkeit bestätigt zu fühlen. Voller Stolz, mit steiniger Mine und ohne den Hauch eines Gewissens, rühmen sie sich mit den Trophäen, die sie aus dem Blute ihrer Jünglinge gegossenen haben. Wie die Vampire saugen sie ihren Nachwuchs körperlich und mental aus, die altersgerechte Entwicklung der Kinder wird hingegen unbarmherzig konterkariert. Leistung gibt es nur für Gegenleistung, das scheint auch für Liebe, Zuneigung und Geborgenheit zu gelten. Wie die Häftlinge eines Gulags, müssen sich die Sprösslinge ihre Vergünstigungen unter dem Vollbringen von körperlicher und geistiger Marter verdienen.

Die Übereltern oktroyieren ihren Kindern das Erreichen der eigenen verfehlten Träume auf

Während die anderen Kinder draußen spielen, wird klein Hanselmann unter der dosierten Anwendung von verkappter verbaler Gewalt und emotionaler Erpressung ans Piano gezwungen. Amelie hingegen wird täglich mehrere Stunden über das Eis getrieben. Ihre Mutter frönte einst dem Traum, selbst eine große Eiskunstläuferin zu werden, welchen sie ungelenk, krummbeinig und mangels Disziplin natürlich nie erreichte. So lässt man das Töchterlein für dieses Versagen büßen bis die letzte Muskelfaser brennt, während man die weniger grausamen Eltern mit geringschätzigen Blicken bedenkt. Jonas soll einmal Profifußballer werden, um den trivialen Herzenswunsch seines Vaters zu erfüllen, der seinen Sohn ebenso anschreit, wie die Spieler der Nationalmannschaft hinter der Mattscheibe des Flachbildfernsehers.

Besagtes Verhalten dehnt sich auf alle Bereiche des Lebens aus, und so bestimmen Gängelung und Kontrollzwang den Alltag dieser bemitleidenswürdigen Kinder. Ohne jeden Skrupel lassen die Übereltern den Nachwuchs die eigene emotionale Behinderung ausbaden und züchten so eine neue Generation von psychischen Wracks heran. Bei alldem dürfen selbstverständlich auch die schulischen Leistungen nicht zu kurz kommen und so kann die solide Drei aus der Mathematik-Schulaufgabe, das traumatisierte und am Leistungsdruck zerbrechende Kindherz schon mal zu Tränen rühren. Das Individuum wird erst gebrochen und dann gnadenlos unterjocht. So tragen diese unmenschlichen Übereltern ihren Teil zum Erhalt einer Gesellschaft bei, in der einzig Leistung zählt. Aufgezwungener Perfektionismus als Mittel der Wahl, zur Kompensation der eigenen Unzulänglichkeit.

Der jahrelange Leistungsdruck hat oftmals fatale Folgen

Das alles findet unter dem Deckmäntelchen einer heuchlerischen Moral statt, die gegenüber anderen Eltern, auf belehrende Weise als die einzig wahre Erziehungsmethode stilisiert wird. Andersmeinende werden mit strengen Gesichtern sowie abschätzigen Gesten bedacht und es wird süffisant die Frage in den Raum geworfen, was aus deren Kindern nur mal werden solle. Natürlich geht das nicht ewig gut, denn irgendwann regt sich Widerstand in der gepeinigten Seele und das, was die Übereltern eigentlich erreichen wollten, schlägt ins Gegenteil um. Die Folgen sind oft verheerend. Mit dem Gefühl ausgestattet, den Ansprüchen nie zu genügen und niemals frei sein zu dürfen, werden diese jungen Menschen durch den Gefühlsautismus ihrer Erzeuger auf die schiefe Bahn oder bis in den Suizid getrieben.

Während Hanselmann im Speicher seines Elternhauses am Strick baumelt, rutscht Kevin nach abgebrochener Schule in die Drogensucht und Kriminalität ab. Nach ein paar Jahren Knast gibt es für ihn zumindest noch die Perspektive, nach einem Wochenendkurs eine steile Karriere als Tätowierer hinzulegen. Nun kann er endlich mittels zweifelhafter Kreativität sein Trauma verarbeiten, in dem er anderen Soziopathen giftige Tinte unter die Haut jagt und sie somit von ihrer fehlenden Individualität erlöst. Für Jonas hingegen stellt sich diese Frage nicht. Er wird wohl für länger einsitzen, nachdem die Polizei in seiner Gefriertruhe unter anderem die zerstückelten Leichen seiner Eltern fand. Die Nachbarn sagten, so habe er gar nicht gewirkt und er hätte doch immer so freundlich gegrüßt. Man könne sich gar nicht erklären, wie nebenan ein derartiges Monster unbemerkt gewohnt haben konnte. Nein, so wäre er vielleicht auch nicht geworden, hätte man ihn doch einfach nur Kind sein lassen.

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