Ein deutscher Samstag

Samstag

Nach einer langen durchzechten Nacht quäle ich mich aus dem Bett. Es ist Samstag und die Sonne steht bereits hoch am Himmel. Kurzerhand beschließe ich, ein nahegelegenes Café aufzusuchen. Dort beabsichtige ich, ein reichhaltiges Frühstück und einen starken Kaffee zu mir zu nehmen. Ein gediegener Spaziergang, frische Luft und Sonnenlicht können ja zudem keinesfalls schaden. Als ich das Haus verlasse, drängt sich unmittelbar der Lärm des deutschen Rasenmähergeschwaders in mein Gehör. Anstatt die wertvolle Freizeit etwas Sinnvollem zu widmen, scheint die Angst vor langen Grashalmen den Verstand einiger Leute vollständig zu dominieren. Des Deutschen Rasen darf nicht wachsen, deshalb muss er zwanghaft niedergemetzelt werden, bevor sein Wachstum überhaupt erst begonnen hat. Ist das Werk schließlich vollbracht, folgt neurotisch der zitternde Griff zur Heckenschere. Was sollte man auch sonst tun, an einem sonnigen Wochenende?

Na zum Beispiel auf einem Motorrad sitzend, seine maßlose Selbstüberschätzung gepaart mit einer ausgewachsenen Profilneurose zur Schau stellen. Es ist wieder die Zeit der Organspender. Wie die Affen auf dem Schleifstein wirkend, treiben sie ihre peinlichen Feuerstühle teils auf dem Hinterrad plärrend durch den Ort. Selbst wenn sie bereits drei Ortschaften weiter sind, hört man sie dank manipulierter Auspuffanlagen noch immer deutlich. Die evolutionär bedingte natürliche Selektion wäre ja auch nur halb so schön, könnte man seine Mitmenschen nicht mit penetrantem Getöse daran teilhaben lassen. Im Falle eines Aufpralls mit überhöhter Geschwindigkeit, dient die teure Lederkombi immerhin gleich als Leichensack, der die Gedärme und austretenden Körpersäfte bis zur endgültigen Verwertung in Form hält.

Nur für das abgetrennte und gut geschützt im Integralhelm lagernde Haupt gibt es keinen Nutzen mehr, war dieses doch vor dem Unfall bereits unbrauchbar. Zu bedauern sei lediglich derjenige, der für die Beseitigung dieser Sauerei aufzukommen hat. Endlich habe ich mein Ziel erreicht und ergattere sogleich einen bequemen Platz an der Sonne. Von dort aus bekomme ich einen guten Ausblick auf ein weiteres Elend, welches seine unsäglichen Auswüchse vor meinem empfindlichen Auge offenbart. Der Garten des Lokals ist an diesem schönen Samstag überwiegend von Pärchen belagert, die trotz des prächtigen Wetters weit davon entfernt sind, glücklich zu wirken. In der wohlwissenden Kenntnis, dass das deutsche Gemüt im internationalen Vergleich nicht gerade das sonnigste ist, wird mir klar, dass diese Männer einfach verloren haben.

Auch wenn sie redlichst bemüht zu sein scheinen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, reicht ein Blick auf die mitgeführten Partnerinnen um über die grausame Leidensgeschichte genauestens im Bilde zu sein. Vor Unzufriedenheit strotzend, sitzen die sogenannten Damen auf ihren adipösen Hinterteilen, während der sichtbare körperliche Verfall dem biologischen Alter um mindestens zehn Jahre voraus zu sein scheint. Diesen Mangel versuchen sie in der Regel über einen gefärbten Kurzhaarschnitt zu kompensieren, der sie noch unweiblicher wirken lässt, als sie es ohnehin schon sind. Anstatt glücklich darüber zu sein, dass ihnen überhaupt irgendeine humanoide Lebensform Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt, strahlen diese Frauen nichts aus, als schwärende Verdrießlichkeit. Die schwer gezeichneten männlichen Gegenstücke dieser qualmenden Papageienschädel kann man wirklich nur zutiefst bedauern.

Da nützt auch das polierte Porsche Cabrio nichts, welches stolz prunkend als Statussymbol auf dem Parkplatz des Lokals das Sonnenlicht reflektiert. In solchen Momenten wird mir wieder bewusst, wie gesegnet ich alleine schon dank der Tatsache bin, ein derartiges, vor Unästhetitik triefendens menschliches Anhängsel nicht mein Eigen zu nennen. Selbst Armut, Krankheit und seelisches Ödland auf einmal wären als deutlich bessere Alternative anzusehen. Auch Liebe vermag keine plausible Erklärung für ein solches Desaster zu liefern, denn sonst würde zumindest einer von beiden etwas frohgemut ausstrahlen. Bestürzt wende ich den Blick von der sich ergießenden Tristesse ab und konzentriere mich selig auf mein Frühstück. Sich das Leid anderer vor Augen zu führen, kann das eigene Wohlbefinden manchmal spürbar steigern.

Dazu bedarf es keinerlei Realitysoaps im Verblödungsfernsehen, sondern lediglich eines kleinen Ausflugs an einem lichtdurchfluteteten Samstag. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Wäre ich mit einem derartigen Leiden gepeinigt, würde ich vermutlich auch den ganzen Tag rasenmähen oder mit einer Heckenschere versuchen alles aufkeimende Leben abzuschlachten. Oder ich würde versuchen, auf einem Motorrad mit zweihundert Sachen einen Brückenpfeiler zu treffen, um Erlösung zu finden. Lachend in eine Kreissäge zu laufen, wäre ebenfalls noch eine gangbare Lösung. Mit derlei Gedanken im Kopf überkommt mich das Bedürfnis, diesen Ort möglichst schnell wieder zu verlassen, so bitte ich darum, mein Frühstück bezahlen zu dürfen. Für heute habe ich genug gesehen, denke ich, als sich ein weiteres Pärchen an meinem Tisch vorbeischiebt, dessen weiblicher Part einer anderen Form von verquerem Schönheitsideal verfallen zu sein scheint.

Oder besser gesagt zerfallen, denn genau so sieht sie aus. Die Haut gleicht aufgrund von mutmaßlich jahrelangem Missbrauch durch Nikotinkonsum und übermäßiger UV-Strahlung auf der Sonnenbank nurmehr einem fauligen Stück Leder. Mit schmerzenden Augen und unterdrücktem Brechreiz erhebe ich mich zügig und ziehe von dannen. An diesem Samstag wurde mir einmal mehr bewusst, zu welcher grausamen Selbstgeißelung des männlichen Daseins offenbar Notgeilheit und die blanke Angst vor der Einsamkeit führen können. Da fröne ich doch lieber der Onanie, angesichts einer derart untragbaren Alternative auch gerne bis ans Lebensende.

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