Die große Verschwendung

Verschwendung

Laut einer aktuellen Studie würde die Menschheit drei Erden benötigen, würde jeder einen derart von exzessiver Verschwendung geprägten Lebensstil führen, wie die Deutschen. Natürlich ist das keine besonders neue oder überraschende Erkenntnis. Im Gegenteil. Dieser Tatsache wohlwissend, werden kostbare Ressourcen seit Jahrzehnten mit beiden Händen zum Fenster hinausgeworfen. Denn die konsumversiffte deutsche Erbengeneration ist nicht nur amtierender Weltmeister im Fußball, sondern auch im Verdrängen und Ignorieren. So landen hierzulande im Durchschnitt 82 kg an Lebensmitteln pro Person jährlich im Müll. Erschwerend hinzu kommt die von Besitztumswahn getriebene Maschinerie des grenzenlosen Wachstumskapitalismus. Man muss immer das Neueste und das Beste Smartphone haben, jeder Schritt wird mit dem Auto gefahren und der Kühlschrank wird vor den Feiertagen sicherheitshalber bis zum Anschlag vollgestopft, um dem stets drohenden Hungertod vorzubeugen.

Einzig die Amerikaner sind uns betreffend dieser krankhaften Marotten noch überlegen. Dabei bräuchte jeder nur bei sich selbst anzufangen. Ich will es anders machen und versuche mit gutem Beispiel voranzugehen, auch wenn mir das mit Sicherheit nicht immer gelingen mag. Alleine schon der Wille zählt. Man muss bei Leibe kein Minimalist sein, um verantwortungsvoll mit Ressourcen hauszuhalten und der massiven und gewissenlosen Verschwendung entgegenzuwirken. Das würde allerdings ein Minimum an Gehirnmasse, eine gewisse Planungsfähigkeit, vielleicht ein paar technische Kniffe und so etwas wie Verantwortungsbewusstsein erfordern, woran es beim Großteil der deutschen Konsumzombies bereits zu scheitern vermag. Am entscheidendsten ist jedoch die persönliche Grundeinstellung des Einzelnen.

Der Grundsatz „nach mir die Sintflut“ scheint zur neuen, immer gesellschaftsfähiger werdenden Tugend zu erstarken. Der Deutsche will auf nichts verzichten, da man sich ja schließlich von seinem hart erarbeiteten Geld etwas leisten will. Deshalb häuft man auf egoistische Weise dekadent Besitztümer an, von denen man sich einredet, man würde sie unbedingt benötigen. Aus der allgegenwärtigen Angst heraus, es könne einem jemand etwas davon wegnehmen, versucht jeder, seine Pfründe bis aufs Blut zu verteidigen und legitimiert sich im Zuge dessen noch weitere Prasserei. Nebenher bietet es sich an, permanent darüber zu lamentieren, wie schlecht es einem doch geht. Pathologischer Materialismus, Dummheit und Raffgier, sind das Wasser auf die Mühlen von populistischen Parteien wie beispielsweise der AfD. Oder sie spielen den narzisstischen Befürwortern der unvertretbaren jüngsten Gesetzesentwürfe der CSU in die Hände.

Das materielle Eigentum wird somit leichtfertig über Menschlichkeit und persönliche Freiheit gestellt, was in erschreckendem Maße zeigt, an welcher degenerativen Krankheit diese Gesellschaft leidet. Das erklärt auch, warum innerhalb dieser grassierenden Unkultur Statussymbole wie Götzenbilder verehrt werden. Wird versehentlich ein Kind mit dem SUV überrollt, prüft man nach dem unwilligen Aussteigen erst einmal mürrisch, ob das Heiligtum nicht einen Kratzer in der teuren Individuallackierung abbekommen hat. Am Rand stehen die Gaffer und testen ihre neuen 92-Megapixel-Smartphones mit optischem 8-fach-Zoom aus. Ein perverses Sinnbild des gegenwärtig aufkeimenden gemeinschaftlichen Stumpfsinns. Aber nicht nur in puncto Verschwendungssucht und Konsumwahn buhlt Deutschland um die Weltspitze, sondern auch die Heuchelei steht mehr denn je im Kurs. Wieder ganz nach US-amerikanischem Beispiel.

Oder glaubt auch nur eine Kreatur auf diesem Planeten, ein Amerikaner würde sich ernsthaft für die Abgaswerte seines Fahrzeugs interessieren? Diese werden plötzlich erst relevant, wenn sich Profit daraus schlagen lässt. Alles muss immer und zu jeder Zeit verfügbar sein. Solange es alles im Überfluss zu geben scheint, darf auch alles nach Herzenslust verschwendet werden. Ein Blick über den Tellerrand hinaus könnte den Aberglauben an die unbegrenzte Verfügbarkeit von Rohstoffen vielleicht beenden, aber das gestaltet sich schwierig, wenn der Horizont der fettgefressenen Konsumsau bereits am nächsten Supermarkt endet. Ob Einwegbecher mit Kunststoffhaube bei Starbucks oder geschälte und in Plastik eingeschweißte Bananen, der alltägliche Irrwitz kennt weder Maß noch Ziel. Um das unterentwickelte Gewissen zu beruhigen, setzt man neuerdings auf die elektrobetriebene Mobilität, natürlich ganz im Sinne der Umwelt.

So bewegt man sich mittels umweltfreundlichem Atomstrom in akkubetriebenen 700-PS-Fahrzeugen durch die Republik. Dass man so eine Elektokarre aufgrund derer, im Übermaß Ressourcen fressenden Herstellung etwa ein Jahrzehnt fahren müsste, um eine positive Ökobilanz zu erreichen, wird dagegen schlicht ignoriert. Die überaus umweltschädlich produzierten Akkus erreichen voraussichtlich nicht einmal die Halbwertszeit und spätestens nach drei Jahren braucht man ohnehin wieder einen neuen Wagen, denn wer will schon mit einer alten Kiste herumfahren. Anstatt die Infrastruktur der öffentlichen Verkehrsmittel weiter auszubauen und deren Nutzung zu fördern, werden lieber Neuwagenkäufer mit aberwitzigen Umwelt- und Abwrackprämien subventioniert. Vor hoffnungslos verstopften Straßen und kilometerlangen Blechlawinen voller Vehikel, die meist nur mit einer Person besetzt sind, verschließt man voller Ignoranz die Augen.

Halsstarrig schreit man nach breiteren Autobahnen, statt sich dem Kern des Problems zu widmen. Die Automobilindustrie, des Deutschen liebstes Kind. Man definiert sich nicht über das, was man ist, sondern über das, was man hat. Wirtschaft und Staat partizipieren dankbar daran und sorgen dafür, dass das Mahlwerk der ewigen Verschwendung stets gut geschmiert bleibt. Davon zeugen Perversionen wie die mutwillig erschaffene Obsoleszenz bei Elektrogeräten, welche im Grunde als Betrug einzustufen ist. Hauptsache das Produkt hält bis zum Ende der Garantiezeit. Dann soll sich das gläubige Konsumschaf gefälligst wieder ein neues kaufen. Mit Gewalt verhindert man, dass technische befähigte Menschen sich die defekten Geräte vom zuständigen Wertstoffhof holen, um diese wieder instandzusetzen. Selbst wer weggeworfene, noch genießbare Lebensmittel vor der Müllverbrennung retten will, wird unbarmherzig kriminalisiert und des Diebstahls bezichtigt.

In Deutschland behält der Wegwerfer weiterhin die Eigentumsrechte an seinem Müll, als staatlich bevollmächtigte Krönung paradoxen Schwachsinns. Selbsterklärend im Sinne seelenloser Profitgier, denn am nächsten Morgen sind die Regale wieder gefüllt. Dabei gibt es Länder, die diesbezüglich mit gutem Beispiel vorangehen. In Frankreich ist es beispielsweise Supermärkten unter Strafe verboten, essbare Lebensmittel zu entsorgen. Diese müssen Bedürftigen gespendet oder recycelt werden. Von solch ökologischer Fortschrittlichkeit kann man in Deutschland nur träumen. Hier fördert man lieber die Müllmafia anstelle des Volkes. Aber zurück zu meinem persönlichen Beispiel. Stromanbieter veranschlagen einen durchschnittlichen Singlehaushalt mit einem Verbrauch von 1500 Kilowattstunden pro Jahr. Ich komme mit etwa 600 aus.

Allerdings verzichte ich nicht nur auf einen rund um die Uhr laufenden Fernseher, sondern ich habe keinen. Mein Rechner kommt mit 17 Watt aus und das Licht entspringt modernen LED-Glühbirnen. Die Steckdosen werden bei Bedarf abgeschaltet und es laufen keine Geräte im Standby. Der Router wird beim morgendlichen Verlassen der Wohnung abgesteckt. Das einzige, sich im Dauerbetrieb befindliche Gerät, ist der Kühlschrank. Der Spülkasten der Toilette läuft nicht bis Anschlag voll, sondern wurde auf gut die halbe Menge justiert. Meine Einkäufe plane ich stets effizient, sodass ich kaum etwas wegwerfe. Panische Hamsterkäufe vor Feiertagen sind für mich kein Thema. Einkaufstaschen werden so oft wie möglich wiederverwendet, Plastiktüten kaufe ich grundsätzlich nicht. Mein häufig gebrauchtes Fahrrad ist 25 Jahre alt und fährt noch immer einwandfrei, anfallende Reparaturen erledige ich selbst.

Für weitere Strecken benutze ich einen alten Diesel, der zwar bösartigste Stickoxide freisetzt, sich dafür aber mit fünf Litern auf 100 Kilometer begnügt. Auf meinem optimierten Android-Smartphone laufen nur die notwendigsten Apps, was den Akku schont. Ich nutze ausschließlich wiederaufladbare Batterien. Was geht, versuche ich im lokalen Handel zu kaufen, anstatt bei Amazon. Ich bin kein Vegetarier, muss aber auch nicht jeden Tag Fleisch konsumieren. Hier lieber Qualität statt Quantität. So versuche ich, meinen kleinen Teil gegen die große Verschwendung zu leisten, ohne wirklich spürbare Einschnitte. Ich lasse mir den widerwärtigen Konsumwahnsinn nicht aufzwingen und spare obendrein sogar noch Geld. Kampf der ewigen Verschwendung!

Die deutsche Unkultur der Verschwendung

View Results

Loading ... Loading ...