Zeitdiebstahl beim Bäcker

Zeitdiebstahl

Auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit will ich noch kurz beim Bäcker vorbeischauen, um mir eine Butterbreze zu kaufen. Das bietet sich an, da die Backstube ohnehin auf meiner Route liegt. Als ich den Laden erreiche, ist jedoch bereits klar, dass es mit „kurz“ nichts wird. Ich komme gar nicht erst hinein und muss inmitten der geöffneten Schiebetür stehenbleiben, da der Verkaufsraum von Frauen belagert ist. Frauen beim Bäcker oder an der Supermarktkasse vor sich zu haben, ist das Schlimmste, was einem arbeitenden Mann passieren kann. Hinter der Verkaufstheke befindet sich gerade eine junge Verkäuferin, welche die Wünsche freundlich entgegennimmt. Und diese Frauen haben viele Wünsche, sie scheinen ihre Ekstase darin zu finden, Männern wie mir die Zeit zu stehlen. Wie zu erwarten, nimmt also der Zeitdiebstahl seinen Lauf.

Es hat gar den Anschein, als hätten sie nur auf mich gewartet, um nun richtig loslegen zu können. Mir wird bewusst, dass ich entweder auf meinen Snack verzichten muss oder ich meine Arbeitsstelle nicht zum geplanten Zeitpunkt erreichen werde. Seit gefühlt drei Minuten wandert das Gebäck der ersten Frau, die noch immer an der Reihe ist, ohne Unterlass in die Tüten. Erbarmungslos wird weiter geordert, eine Papiertüte nach der anderen füllt sich langsam und qualvoll. Wer den ganzen Mist fressen soll, bleibt wie immer im Dunkel. Würde ich danach fragen, so bekäme ich wahrscheinlich keine verwertbare Antwort darauf. Ich vermute jedoch pure Boshaftigkeit als Triebfeder dieses obsessiven Kaufverhaltens.

Zeitdiebstahl als Obsession

Eine zweite Verkäuferin erscheint und die bereits versiegende Hoffnung, heute doch noch an die Reihe zu kommen, erstarkt von Neuem. Sogleich wird die nächste wartende Person bedient, eine dickliche junge Frau, wie könnte es auch anders sein. Sie kauft ebenfalls eine Butterbreze, doch dabei bleibt es selbstverständlich nicht. Es folgen mehrere belegte Semmeln, Croissants, Nusshörnchen und eine ganze Litanei an Gebäck, von dem ich noch niemals zuvor gehört habe. Ich beginne damit, die Augen zu rollen und lauthals genervt zu stöhnen. Dies scheint das bestellwütige Dickerchen erst recht noch anzuspornen. Plötzlich fällt ihr ein, dass sie noch einen Laib Brot braucht, natürlich geschnitten. Ich kann regelrecht spüren, wie sie sich an meinem Leid ergötzt und fieberhaft überlegt, was sie in ausschweifender Manier noch alles verlangen könnte.

Währenddessen ist die erste Bestellerin nun wider Erwarten doch endlich fertig geworden und kramt gemächlich ihr Kleingeld aus der Börse. Die Kunst sadistischen Zeitstehlens scheint hier bis zum Exzess getrieben und stets perfektioniert zu werden. Nachdem sie dümmlich schnatternd festgestellt hat, dass sie wohl eigentlich fünf Arme bräuchte, um die ganzen Tüten zu transportieren, verschwindet sie endlich aus meinem Blickfeld. Nun ist ein junges Mädchen an der Reihe, ich schätze sie auf vielleicht zwölf Jahre. Vor mir wartet noch eine weitere Frau. Diese Mittvierzigerin kam kurz vor mir mit einem neuen, glänzend polierten VW-Bus vorgefahren. Ein Indiz dafür, dass auch diese Person keiner regulären Beschäftigung nachgeht. Brav zählt das Mädchen auf, was man ihm zur Bestellung aufgetragen hat und ich frage mich langsam, ob es sich hierbei um einen Gedächtniswettbewerb handelt.

Der Verdacht des systematischen Zeitdiebstahls erhärtet sich

Ein durchschnittlich begabter Mensch wäre wohl kaum in der Lage, sich eine derartige Vielfalt an obskur bezeichneten Gebäckstücken zu merken. Ich hege den Verdacht, dass das Mädchen in Wirklichkeit zu einer der umher stehenden Frauen gehört und dazu instrumentalisiert wurde, weiteren Zeitdiebstahl zu generieren. Inzwischen hat auch endlich das Dickerchen bezahlt und die VW-Bus-Fahrerin ist an der Reihe. Natürlich verfällt auch diese sofort in die obligatorische Bestellorgie. Während ihr Mann vermutlich irgendwo sitzt und Geld verdient, nimmt sich die werte Dame genüsslich Zeit, andere von der Arbeit abzuhalten. Ich werfe einen entnervten Blick auf die Uhr, sieben Minuten stehe ich nun schon hier, für eine beschissene Butterbreze, die einen Euro dreißig kostet. Das Mädchen bezahlt, unpassend mit einem großen Schein als Teil einer ausgeklügelten Taktik, um noch mehr meiner geschundenen Nerven und Zeit verbrauchen zu können.

Der Verdacht erhärtet sich, dass sich die Frauen hier den Zeitdiebstahl zur sportlichen Beschäftigung erkoren haben. Das Kind macht sich vom Acker, schwerlich in der Lage, die riesige und prall gefüllte Papiertüte zu schleppen. Augenscheinlich wird hier einzig um des Zeitstehlens Willen einkauft und mir drängt sich die Mutmaßung auf, dass der ganze Fraß hinterher sowieso im Müll landet. Ich bin nun endlich an der Reihe, die Verkäuferin widmet sich meiner freundlich, scheint nicht zu ahnen, durch welche Hölle ich gerade gegangen bin. Hinter mir steht bereits seit einer Weile ein untersetzter Mann, an dessen gequälten Gesichtsausdruck ich erkennen kann, dass er die gleichen Gedanken zu hegen vermag. Ich bestelle meine Butterbreze.

Die Zeitdiebe wollen Aufmerksamkeit um jeden Preis erzwingen

Es gibt jedoch keine mehr, die Frauen vor mir haben alles leergekauft. Ich bedenke die neben mir noch immer fordernde VW-Bus-Fahrerin mit einem bösen Blick und kann am fanatischen Leuchten in ihren Augen erkennen, wie sehr sie sich an ihrem Erfolg labt, mir die letzte Butterbreze vor der Nase weggekauft zu haben. Die Verkäuferin verspricht, mir noch eine anzufertigen und verschwindet mit einer Breze in der Hand. Nun ist es auch schon egal. Mir fällt es plötzlich wie Schuppen von den Augen. All diese Frauen scheinen unter einem schwärenden Geltungsbedürfnis zu leiden. Unattraktiv, verbraucht und unbefriedigt bleibt ihnen der exzessive Zeitdiebstahl beim Bäcker als letzter Strohhalm, um noch gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu erlangen und eine Ansprache zu finden.

Mir wird klar, welch bedauernswerten Gestalten meine wertvolle Zeit gerade zum Opfer gefallen ist. Tagtäglich müssen diese armseligen Menschen mehrfach zum Bäcker rennen und in krankhaftem Ansinnen tütenweise Zeug einkaufen, das niemand braucht. Hier dürfen sie sich wichtig fühlen, haben etwas zu sagen, können frei über die Zeit fremder Leute verfügen. Die junge Verkäuferin kehrt zurück und nach gefühlt endlos langem Warten erhalte ich endlich das Objekt meiner Begierde. Ich bezahle schnell und effizient, ohne jemandem unnötig die Zeit zu stehlen. Zügig mache ich mich auf den Weg zum Auto, um diesen Ort hinter mich zu bringen, an welchem gerade zehn Minuten meiner Lebenszeit gewissenlos vergeudet wurden. Das nächste Mal werde ich mir dreimal überlegen, ob ich hier wirklich halten muss.

Zeitdiebstahl an der Kasse

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