Unterwegs als Freier Mann

Freier Mann

Ja, Sie haben richtig gelesen. Es heißt Freier Mann. Unter anderem ein Eigenbegriff, jedoch viel mehr eine Lebenseinstellung. Geprägt wurde dieser Begriff vor allem durch den bekannten Männeraktivisten Detlef Bräunig. Das Gegenteil eines Freien Mannes nennt man Pudel. Da ich als Freier Mann freitags frei habe, bietet es sich an, in die Stadt zu fahren und ein paar Besorgungen zu erledigen. Eigentlich würde ich gerne das Fahrrad nehmen, da man damit in der verkehrstechnisch überlasteten urbanen Umgebung wesentlich schneller vorankommt. Jedoch zieht ein Gewitter auf, am Horizont über den Bergen türmt sich bereits eine bedrohlich wirkende schwarze Wolkenfront auf und in der Ferne blitzt und donnert es gewaltig. So wähle ich doch lieber den schwer motorisierten Lastesel als Transportmittel.

Unter dem gemütlichen und sonoren Nageln des großhubigen Dieselmotors, rollt der alte rostige Kombi vom Hof. Kurz darauf befinde ich mich auf einer Landstraße, vor mir eine Familienkutsche in Form eines blauen VW-Busses. Natürlich nicht ohne den obligatorisch auf dem Heck prangenden Aufkleber „Maximilian und Sophie an Bord“. Trotz erlaubter 100 schafft es mein Vordermann offensichtlich nicht, über die 70 km/h hinauszukommen. Kein Problem denke ich mir, da der mutmaßliche Familienvater oder die Frau am Steuer sich bestimmt um die Sicherheit des Nachwuchses sorgt und deshalb nicht zu schnell fahren möchte. Auf einer langen Geraden, gut einsehbar und ohne Gegenverkehr, setze ich daher zum legitimen Überholvorgang an. Als ich mich etwa auf der gleichen Höhe der Familienkutsche befinde, drückt der Fahrer plötzlich aufs Gas.

Ich werfe einen fragenden Blick hinüber zu dem zerzausten Häufchen Elend, welches dort am Steuer sitzt. Dank Büffeldrehmoment ziehe ich mühelos an der geschätzt vierzig mal so teuren Karre vorbei und ordne mich etwa zwei Sekunden später vor ihm ein. Im Rückspiegel beobachte ich, wie er sich über das verlorene Kräftemessen zu ärgern scheint. Als Pudel hatte er jedoch bereits vorher schon verloren und wird auch weiterhin nur verlieren. Kurz darauf schaltet eine Ampel auf Rot und ich bleibe stehen, lasse den Pudel kommen und überlege für einen kurzen Moment auszusteigen und ihn nach seinem Problem zu fragen. Als hätte er meinen Gedanken geahnt, bleibt er mit gut fünfzig Metern Sicherheitsabstand hinter mir stehen. Ich vermute, er hat präventiv schon mal den Rückwärtsgang eingelegt.

Als die Ampel schließlich wieder auf grün springt, gebe ich Gas und lasse die erbärmliche Kreatur in ihrem Angstschweiß zurück. In der Stadt verläuft alles reibungslos und ich bekomme schnell, was ich benötige. Als Freier Mann halte ich mich nicht länger auf als notwendig, greife mir zügig und effizient, was ich brauche. Jedoch komme ich nicht umhin, mich auf meinem Weg zur Kasse noch kurz am Schicksal eines weiteren Pudels zu laben. Dieser steht gesenkten Hauptes mit einem randvoll gefüllten Einkaufswagen vor einem Regal und kassiert gerade einen Anschiss seines offensichtlichen weiblichen Anhängsels. Er hätte doch locker schon mal dies und jenes besorgen können und sie wirft die Frage in den Raum, ob sie denn alles alleine machen müsse. Zufrieden lächelnd bezahle ich meinen Einkauf an der Kasse und glotze der durchaus attraktiven Kassiererin ganz ungeniert in den Ausschnitt.

Als Freier Mann kann man sich so etwas ja auch locker erlauben. Nach erfolgreicher Erledigung der Einkäufe mache ich mich auf den Rückweg. Kurz vor dem Ortsausgang stehe ich wieder an einer Ampel, diesmal auf einer zweispurigen Straße. Das Fenster unten, die Sonnenbrille auf und den Metal-Sound auf angenehme Lautstärke gedreht. Neben mich rollt ein chices neues Sportcoupé und ich riskiere einen Blick ins Innere. Kurz überlege ich, ob ich den offensichtlich gut betuchten Typen mit seinen geschleckten Haaren um seinen Lebensstandard beneiden soll. Doch dann bemerke ich das kurzhaarige Schwergewicht, welches rauchend auf dem Beifahrersitz sitzt und seine Unzufriedenheit gerade meckernd zum Ausdruck zu bringen scheint. Als die Ampel umschaltet, setzt sich die Blechkolonne in Bewegung und ich schenke ihm einen mitleidigen Blick zum Abschied. Ich glaube, gerade hat sich der Neidgedanke von mir, zu ihm verlagert.

Kurz vor meinem Wohnort hat sich vor mir eine lange Autoschlange auf einer Spur für Rechtsabbieger aufgebaut. Als Freier Mann habe ich zwar keinen Zeitdruck, jedoch auch keine Zeit zu verschenken. Deshalb nutze ich die Linksabbieger-Spur um bis ganz nach vorne zu fahren und zwänge mich im Anschluss frech nach rechts rüber. Hinter mir ein hupender SUV, dessen Fahrer mein Verhalten so gar nicht zu passen scheint. Allerdings hat er sich angesichts meiner Rostlaube wohl nicht getraut, die Lücke konsequent dichtzumachen. Zwar ist die Ampel nun wieder Rot, jedoch habe ich durch meine unverfrorene Dreistigkeit bestimmt vier Ampelphasen gespart. Plötzlich steht jemand neben meinem geöffneten Fenster, lautstark larmoyant darüber lamentierend, was mir denn einfiele, so autozufahren. An seiner schiefen Haltung und seinem geknechteten Blick identifiziere ich ihn sofort als Pudel.

Ich steige aus und da ich ihn um einen halben Kopf überrage und auch etwa doppelt so breit bin, reicht dies bereits aus, um ihn zum Schweigen zu bringen. Ich drehe kurz meinen Kopf in Richtung seines Wagens und der hasserfüllte Blick einer dicklichen Frau mit unzufriedenem Gesichtsausdruck durchbohrt mich. Offenbar muss der Pudel einmal die Gelegenheit nutzen und zeigen, dass auch er etwas zu sagen hat. Ruhig und freundlich kläre ich ihn darüber auf, dass ein Freier Mann einschert, wie es ihm beliebt und erlaube mir zu fragen, was er denn nun dagegen tun wolle. Daraufhin bewegt er sich schimpfend und kopfschüttelnd zu seiner Karre zurück. Mir ist es gleichgültig, denn auch ihm gebührt nur mein größtes Mitleid.

Sicher wird er nun mindestens eine verbale Abreibung bekommen, weil er sich nicht durchgesetzt hat. Wenige Minuten später bin ich wieder zu Hause angelangt und verräume meine Einkäufe. Ich habe es gerade noch rechtzeitig geschafft, bevor das Unwetter losbricht. Ich gehe kurz auf meinen überdachten Balkon und beobachte den prasselnden Regen. Da bemerke ich einen Nachbarn, der gerade damit beschäftigt ist, panisch den Tisch auf seiner Terrasse abzuräumen. Seine Frau steht im Trockenen und erteilt ihm harsche Anweisungen. Innerhalb weniger Sekunden sieht er aus, wie ein begossener Pudel. Was er ja auch ist. Die Vorzüge eines Freien Mannes sind eben nicht jedermann zuteil.

Rabotnik vs Pudel

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