Oben am Wasser

Wasser

Ein schöner sonniger Sonntag. Was würde sich da mehr anbieten, als ein kleines Bad und ein paar Bahnen im kühlen Wasser? Kurzerhand entscheide ich mich für den Besuch eines nahegelegenen Naturbades. Das Bad ist umgeben von einem schönen Bergpanorama und liegt etwa eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt. Normalerweise würde ich das Fahrrad nehmen, aber heute bin ich ausnahmsweise in Begleitung und diese hat ihr Fahrrad gerade nicht dabei. Außerdem muss man sich in der Bullenhitze ja nicht unnötig abstrampeln, zumal es dort ziemlich stramm bergauf geht. Dies ist zwar dank modernster Technik auch kein Problem mehr, denn heutzutage kommt ja bekanntlich jeder schwitzende Fettsack mit seinem E-Bike locker den Berg hoch. Ich persönlich setze beim Fahrradfahren jedoch auf simple Technik, eine gut geölte Kette, pure Muskelkraft und die Kondition eines Boxers.

Mühelos schiebt sich das dieselgetriebene Stahlross über die Panzerplatten der schlechten Straße nach oben. In regelmäßigen Abständen muss ich Gruppen von dünnbereiften Rennradkaspern überholen, die sich in ihren tuntigen engen Höschen und ihren peinlichen Narrentrikots den Berg hochquälen. Mit dem Mountainbike würde ich diese allerdings auch locker überholen, denn würden sie noch etwas langsamer in die Pedale treten, dann liefen sie Gefahr, umzufallen. Durch den Rückspiegel schenke ich diesen bedauernswerten Gestalten ein paar mitleidige Blicke. Vielleicht hätte ihnen jemand erklären sollen, dass man bereits vor Jahrzehnten spezielle Fahrräder entwickelt hat, die aufgrund ihrer ausgefeilten Geometrie und den entsprechenden Untersetzungen bestens für Bergfahrten geeignet sind. Allerdings setzen natürlich auch diese eine gewisse Konstitution und das Vorhandensein von Muskelkraft voraus.

Wer allerdings dem obsessiven Übertraining verfallen ist, bewegt sich stets im körperlichen Abbau und hat außer sehnigen dünnen Ärmchen und Beinchen, sowie einem Gesicht, welches einem Lederapfel gleicht, nicht viel vorzuweisen. Wenn die Basis fehlt, dann hilft es auch nichts, eine irrwitzige Materialschlacht um Gewichtsersparnis für Zehntausende von Euro zu führen. Sich dabei noch zu gebaren, wie eine schlechte Kopie von Lance Armstrong, gehört fast schon zum guten Ton. Da erntet meiner einer selbstverständlich ärgerliche Blicke, wenn er mit dicken Reifen und Oberschenkeln, knapp 90 Kilogramm und einem 20 Jahre alten 699-Mark-Mountainbike, das gute 15 Kilogramm wiegt, einfach dreist zum Überholen ansetzt. In einem solchen Fall kann zumindest die gesamte Gruppe für ein paar Sekunden meinen Windschatten nutzen. Einige Minuten später haben wir das Wasser erreicht und ich parke den Wagen auf Poleposition, neben ein paar nicht abgesperrten E-Bikes.

Mut zum Risiko sage ich da nur, denn gerade in der Idylle, sollte man niemandem trauen. Rund um das große Becken bietet sich das übliche Bild. Reihenweise faule, in der Sonne schmorende Kadaver, bei denen auf den ersten Blick nicht klar ist, ob sie überhaupt noch unter den Lebenden weilen. Vereinzelt sind Familien mit planschenden und spielenden Kindern zu sehen, die krampfhaft versuchen, das Bild vom perfekten Familienidyll nach außen zu projizieren. Als erfahrener Kenner weiß ich natürlich um die knallharte Realität hinter diesem Trugbild. Wir suchen uns einen sonnigen Platz am Rande des Getümmels und nicht zu weit weg vom Wasser. Kaum habe ich mich auf die ausgebreitete Decke gesetzt, fliegt ein Fußball haarscharf an meinem Gesicht vorbei und schreckt im Anschluss noch ein schlafendes Walross auf. Der Urheber dieses Meisterschusses, ein dünner Junge mit dunklem Teint, entschuldigt sich sogleich.

Man kommt ins Gespräch und kurz darauf sind wir von einer Gruppe neugieriger Heranwachsender umgeben. Ich werde schließlich gefragt, ob ich auch des Fußballspielens mächtig bin. Die Jungs stammen aus Afghanistan, sprechen gut Deutsch, sind zwischen zwölf und dreizehn Jahre alt. Nachdem ich sie darüber aufgeklärt habe, welch miserabler Fußballer ich bin, kann es losgehen. Eifrig wird hin- und her gekickt, bei mir funktionell und rustikal, bei den Jungs geschickt und kunstvoll. Die missbilligenden Blicke des Gammelfleischs um uns herum ignoriere ich gekonnt. Warum Leute an ein Gewässer fahren, nur um daneben herumzuliegen wie gestrandete Wale, war mir schon immer ein Rätsel. Einer der jungen Kerle tritt in eine Biene. Ich entferne den Stachel aus seiner Fußsohle und er spielt unbeeindruckt weiter, ohne dem Schmerz eine große Bedeutung beizumessen.

Ein deutsches Kind oder die brasilianische Fußballtunte Neymar wären an seiner Stelle vermutlich sofort zusammengebrochen und in eine stundenlange Heulorgie mit anschließendem Arztbesuch sowie wochenlangen motorischen Einschränkungen verfallen. Afghanische Kinder scheinen nicht nur kontaktfreudig, sondern auch hart im Nehmen zu sein. Kurz darauf geht die sportliche Runde im kalten Wasser weiter. Immer mehr Kinder gesellen sich dazu und wollen mitspielen. Nationalität, Hautfarbe und Religion scheinen bei den Kurzen keinerlei Rolle zu spielen und sie beleben die Umgebung in gebotenem Maße, welche andernfalls einem Elefanten-Friedhof gliche. Wenig später klinke ich mich aus, um ein paar Bahnen zu ziehen. Kurz beobachte ich die Szene, welche mir Hoffnung macht. Ich weiß nicht, warum die afghanischen Kinder mit ihrer Familie hier her flohen und wie lange sie schon da sind.

Ich habe nicht danach gefragt und es spielt auch keine Rolle. Das Bild zeigt mir jedoch, dass Integration gelingen kann und diese Jungs eine gute Chance haben. Zumindest hier auf dem Land, wo sie als Exoten gelten und eine Gettoisierung höchstwahrscheinlich ausgeschlossen ist. Nur für die Eltern wird es schwer. Eine Unterhaltung mit dem Onkel der Kinder, welcher als Aufsichtsperson mitgekommen ist, ist kaum möglich, da er kein Deutsch spricht und ich kein Farsi. Die Kinder übersetzen freundlicherweise und so kann man zumindest ein paar Worte wechseln. Kurz darauf verabschiedet sich die Familie, weil zuhause das Mittagessen wartet. Ich werde hingegen noch ein wenig in der Sonne schmoren, allerdings nicht lange. Einer der Jungs hat mich gewarnt, dass ich mit meiner hellen Haut schnell einen Sonnenbrand bekäme. Er hingegen hätte dieses Problem nicht.

In der Tat ist hier eine dunkle Haut wesentlich praktischer. Um mich herum kann ich förmlich die Erleichterung darüber spüren, dass die offensichtlichen Störenfriede des ädipös-biederen Deutschtums nun endlich von dannen ziehen. Wir beschließen, noch mal ins Wasser zu gehen und uns dann ebenfalls wieder auf den Weg zu machen. Eine kurze Abkühlung genügt mir völlig und nach faulem Herumliegen steht mir nicht der Sinn. Schwimmen ist ein toller und gelenkschonender Sport, bei dem der ganze Körper beansprucht wird. Allerdings ist mir für eine längere Strecke das Becken dann doch zu klein und zu voll. Anschließend geht es wieder nach Hause, wo ich mich noch etwas handwerklich und kreativ im Schatten betätigen werde. Was für ein schöner und entspannter Sonntag.