Geld vs Muskelkraft

Muskelkraft

Dieses Jahr hat er mich gepackt, der Fahrrad-Virus. So viel wie diesen Sommer, war ich noch nie mit dem Fahrrad unterwegs. Vielleicht liegt es einfach daran, dass man den diesjährigen Sommer zur Abwechslung auch als solchen bezeichnen kann. Die Vorgänger waren dieser Bezeichnung seit 2003 nicht mehr würdig. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass ich vom Autofahren endgültig die Schnauze voll habe, oder dass mir beim Joggen in der Hitze der kühlende Fahrtwind fehlt. Radfahren ist für mich Fortbewegung und körperliche Ertüchtigung zugleich. Im Vergleich zum Autofahren ist es stressfreier, gesünder und umweltverträglicher. Man hat am Ziel kein Parkplatz-Problem und man steht auch nicht im Stau. Gerade an den maßlos überlaufenen Badeseen in der Region wird die Suche nach einer Abstellmöglichkeit für das geliebte Kfz schnell zur Nervenprobe. Entspannung? Fehlanzeige. Also doch lieber Muskelkraft.

Ich für meinen Teil habe das Fahrrad als Fortbewegungsmittel neu für mich entdeckt. Natürlich lebe ich auch hier den gewohnten Minimalismus. In meinem Fuhrpark befinden sich ein vollgefedertes Mountainbike fürs schlechte Gelände sowie Bergtouren und ein Hardtail-Trekkingbike fürs Flachland und für die Stadt. Beides Fahrräder, die für den Sperrmüll oder das Altmetall bestimmt waren. Aber wozu etwas wegwerfen, wenn man es wieder gangbar machen kann? Das Trekkingbike stand seit Jahren an einem Zaun, vergammelt, ungeliebt und festgewachsen. Bis sich schließlich der Besitzer seiner erbarmte und es mir zum Geschenk machte. Natürlich musste ich etwas Zeit investieren, aber das war es wert. Nach einer Komplettreinigung habe ich die Naben zerlegt und überprüft, die Kugeln der Lager im Fett ertränkt und anschließend alles sauber eingestellt. Ein paar Antriebsteile und Bowdenzüge getauscht, neue Kette drauf und die Schaltung justiert.

Muskelkraft
Alternative zum Fahrrad: Stau.

Materialaufwand nicht mehr als 40 Euro plus etwas Schmiermittel, Kettenöl und Luft für die Schläuche. Und siehe da, der Drahtesel rennt wie neu, geschmeidig, die Schaltung geht butterweich. Wie ein Fahrrad, frisch aus dem Laden. Naja, aus einem Laden von 1998. Aber egal. Das Teil rennt. Also los auf den Damm, zu einem Badesee, der etwa 25 Kilometer entfernt liegt. In einer Stunde locker machbar. Luftpumpe und Reserveschlauch im Gepäck, sicher ist sicher. Es ist Sonntag und der Damm ist gesäumt von Radfahrern. Laufend muss ich langsamere Hindernisse überholen, aber das kenne ich bereits vom Autofahren. Natürlich ist der Überholvorgang mit dem Rad im Vergleich wesentlich risikoärmer. Ein kurzes Klingeln und ein freundliches Danke fürs Platz machen gehören zum guten Ton. Und dann sind da noch die E-Bike-Fahrer. Ein Phänomen, das in jüngster Zeit über die Welt des Fahrradfahrens hereingebrochen ist.

Selbstverständlich hat so ein Pedelec seine Berechtigung. Zum Beispiel wenn man älter als 60 ist oder unter körperlichen Einschränkungen leidet. Überwiegend sieht man jedoch junge und gesunde Menschen mit diesen Dingern herumgurken. Im Schnitt 3000 € für ein Fahrrad auszugeben, um sich weniger anstrengen zu müssen, scheint hier im Speckgürtel südlich von München auch kein großes Thema zu sein. Ich schätze den Anteil an E-Bikes auf mittlerweile 60 Prozent. Ich persönlich habe keine 3000 € für ein Fahrrad übrig. Nicht einmal 2000 €. Vielleicht arbeiten diese E-Bike-Fahrer einfach mehr als ich, zahlen keine Alimente oder haben geerbt. Ich bin nun mal ein Reicher, gefangen im Körper eines Armen. Aber das macht auch gar nichts, denn schneller bin ich trotzdem. Ich kompensiere den Mangel an Geld einfach mit Muskelkraft und somit ist auf dem Damm niemand schneller als ich.

Ein Motor, der bis 25 km/h unterstützt ist auf der Geraden auch irgendwie witzlos. Darüber hinaus muss man selbst treten, mit einem Bike, das locker doppelt so schwer ist. Auf der Straße mag es den einen oder anderen Dünnbereiften geben, der schneller ist, auch mit purer Muskelkraft. Diese trifft man jedoch nicht auf dem Damm, viel zu schlecht ist dort der Untergrund. Einzig bergauf ist man als Fahrer eines E-Bikes im Vorteil. Wenn es den Berg hochgeht, dann kann man mich schon öfter mal fluchen hören. Pumpend, beißend, schwitzend wie eine Sau und wie ein Ochse in die Pedale tretend quäle ich mich nach oben. Allerdings ist es auch ein geiles Gefühl, wenn man aus eigener Kraft oben angekommen ist und spätestens die Abfahrt entschädigt für alle Strapazen. Auch wenn ich mich gerne über die dünnbereiften Kasper in ihren bunten Badeanzügen lustig mache, zolle ich jedem Respekt, der es aus eigener Kraft nach oben schafft.

Muskelkraft
Alte und robuste Technik, sogar mit Gepäckträger: Rabotnik’s 28″ Trekkingbike. Die Reifen sind gerade noch breit genug, um nicht als Dünnbereifter zu gelten.

Ein weiterer Vorteil des Fahrrads gegenüber des Autos ist für mich, dass ich sämtliche Reparaturen und Instandhaltungsmaßnahmen selbst durchführen kann. Das notwendige Werkzeug lässt sich vergleichsweise günstig erwerben. Ich muss mich nicht in irgendwelchen Werkstätten verarschen und abzocken lassen. Was nicht bedeutet, dass man in Fahrradwerkstätten nicht auch abgezockt oder verarscht wird. Aber die können oder wollen ohnehin nicht mehr reparieren. Die wollen einem lieber ein E-Bike für 3000 € aufschwatzen. Oder ein hoch entwickeltes Bike ohne E-Antrieb, das darf dann allerdings schon 5000 € aufwärts kosten. Ich bin der Meinung, dass ein gut eingestelltes Rad für 500 € genauso gut fährt, auch wenn mich die ganzen Hightech-Spinner, die in den Internetforen vor überheblicher Besserwisserei nur so strotzen, gerne für diese Aussage lynchen würden.

Egal wie teuer das Bike war, treten muss man trotzdem selbst. Muskelkraft und Kondition kann man nicht kaufen. Einzig der Luxus, sich dank eines Elektromotors weniger anstrengen zu müssen, lässt sich käuflich erwerben. Klar gab es in den letzten Jahren einige durchaus sinnvolle Entwicklungen wie breitere, ergonomisch geformte Lenker, Scheibenbremsen und bessere Bereifungen. Aber das Meiste von dem Zeug bleibt für mich maßlos überteuerter High-End-Krempel für Fanatiker, die schlicht zuviel Geld haben. Ein Stoßdämpfer für 900 € oder eine Federgabel für 1300 € sind für mich in etwa so nützlich, wie eine Kaffeetasse aus purem Gold. Und bevor jetzt einer kommt und meckert und sagt „probiers doch erstmal aus“: Das habe ich bereits. Und ich konnte, abgesehen von brachialer Bremsleistung, keinen Unterschied feststellen, der derart gravierend gewesen wäre, dass er einen solchen Preis rechtfertigt.

Naja, muss ja jeder selbst wissen, für was er sein Geld ausgibt. Das hat ja auch wieder etwas Gutes. Würden alle so denken wie ich, wäre die Wirtschaft vermutlich längst den Bach runtergegangen. Schließlich muss man im grenzenlosen Wachstumskapitalismus permanent neue Argumente finden, um den Menschen etwas Neues aufschwatzen zu können. Da muss es auch Leute geben, die diesen Trend durch die Kraft ihrer Einbildung unterstützen.

Geld vs Muskelkraft

View Results

Loading ... Loading ...