Die Spirale der Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit

Frauen brauchen Aufmerksamkeit. Vornehmlich die des anderen Geschlechts. Im Grunde richtet sich ihr gesamtes Erscheinungsbild danach aus. Es wird eifrig zum Friseur gegangen, die Wimpern müssen perfekt sitzen, die Nägel sollen in bunter Farbenpracht glänzen und das schönste Kleid mit dem tiefsten Dekolleté will ausgesucht werden. Grundsätzlich ist das ja auch völlig in Ordnung. Welcher heterosexuelle Mann erfreut sich schließlich nicht am Anblick weiblicher Formen, hübsch verpackt und schön zurechtgemacht? Erquickend für die männliche Seele und nebenbei wird sogar noch die Wirtschaft angekurbelt. Eine wahre Symbiose. Wären da nicht noch diejenigen Angehörigen des weiblichen Geschlechts, welche weder durch gutes Aussehen, weiblichen Auftritt oder einer sonstigen Form von anmutigem Augenschmaus dienen können oder wollen. Auch mit der Intelligenz ist es meist nicht weit her. Natürlich benötigen auch diese bedauernswerten Geschöpfe ihre tägliche Portion Aufmerksamkeit, was ihnen jedoch verwehrt bleibt, da sich kein normaler Mann für derartige Trümmer interessiert.

Somit sind diese Frauen darauf angewiesen, erfinderisch zu sein und ihre lebenserhaltende Dosis notfalls gewaltsam zu erlangen. Und so beginnt sich die schier endlose Spirale der Aufmerksamkeit zu drehen. Das an den Tag gelegte Vorgehen ist hierbei häufig als besonders skrupellos und perfide zu bewerten. Ob beim Bäcker, an der Supermarktkasse, im Fachhandel, am Seekiosk oder im Straßenverkehr; die Gefahr lauert nahezu überall. Gerade wenn der Mann in Eile ist, etwa während der zeitlich streng limitierten Mittagspause oder beim Einkauf nach einem anstrengenden Arbeitstag, schnappt die Falle erbarmungslos zu. Kurz bevor er mit seiner Tüte Milch die rettende Kasse erreicht, wird eine unansehnliche Kreatur wie eine Muräne hinter dem Supermarktregal hervorschießen und mit ihrem prall gefüllten Einkaufswagen den Weg versperren. Den Blick von selbstzufriedener Bosheit durchtränkt, wird anschließend in aller Seelenruhe der gesamte Schrott des Hartz IV-Sortiments lieblos auf das Förderband geklatscht.

Ein kurzer Blick auf die Waren des Ungetüms erklärt in der Regel auch die von eitrigen Lunkern durchzogene Haut, die adipöse oder wahlweise spindeldürre Silhouette und die gelblichen, mit geplatzten Äderchen durchzogenen Augen. Was will man von selbstzerstörerischer Konsumsucht im Endstadium auch anderes erwarten als eingeschweißtes Billigfleisch vom Schwein aus Massentierhaltung, fettigen verwürzten Chips und süßem Gesöff, in welchem der Zuckergehalt mit der Masse an Emulgatoren und Geschmacksverstärkern erbittert um die Vorherrschaft kämpft. In besonderen Härtefällen gesellt sich zu dieser jämmerlichen Erscheinung auch noch ein flotter Kurzhaarschnitt, der nach eingehender Betrachtung auch das Resultat einer Chemotherapie sein könnte. Aber ihre Freundinnen haben ihr allesamt versichert, wie toll ihr die neue Frisur steht und sie somit im Wahn ihrer Selbstverstümmelung bekräftigt, natürlich stets im Ansinnen, sich etwaiger potenzieller Konkurrenz zu entledigen. Trotz alledem ist ihr nun die volle Aufmerksamkeit, des vom Anblick ihres Übels gepeinigten männlichen Wesens hinter ihr, sicher.

Natürlich könnte der Herr höflichst darum ersuchen, sich vordrängen zu dürfen, jedoch würde er sich damit des letzten verbliebenen Rests seiner Würde berauben. Niemand will sich vor so einem Trumm anbiedern, geschweige denn, es um etwas bitten. So wird nun taktisch abgewartet, bis die Kassiererin auch die letzte Dose Konservenravioli über den Scanner gezogen hat, um in Anschluss mit einer Stimme, die an die Posaunen des Jüngsten Gerichts erinnert, anzuordnen, dass das Zigarettenfach geöffnet werde. Ausgeprägter Nikotinkonsum, um das gelbzahnige Erscheinungsbild weiter zu manifestieren, gehört beim unbelehrbaren Krampfader-Geschwader zur allgemeinen Pflicht. Machtlos muss nun das arme männliche Opfer mit ansehen, wie ihm von jemandem, der auf Kosten der Allgemeinheit lebt, ausschweifend die Zeit gestohlen wird. Die Übeltäterin hingegen genießt ihren Ruhm. Im Bewusstsein darüber, dass dieser nur von kurzer Dauer ist, werden zu seiner Aufrechterhaltung sämtliche Register gezogen.

Im nächsten Schritt wird genüsslich im Geldbeutel gekramt, ein schielendes Auge stets auf den Unterdrückten gerichtet, welcher wie eine zappelnde Fliege hilflos im Netz der Spinne hängt, sich an dessen Leid ergötzend. Schließlich entscheidet sich die feine Dame dann doch für die EC-Karte, natürlich nicht, ohne mindestens einmal die Geheimzahl falsch einzugeben und dies mit einem debilen und Verständnis erheischenden Lachen in Richtung der Kassiererin zu quittieren. Als der wartende Mann beginnt, nach Verstreichen dieses traurigen Spektakels bereits das Ende seiner Pein und den Duft der Freiheit zu wittern, folgt sogleich der nächste Geistesblitz. So schnell entrinnt niemand dem Mahlwerk des Grauens. Man kann ja neuerdings an der Kasse auch Bargeld abheben. Ungeachtet der Frage, wessen Geld eigentlich, muss Mann der Grausamkeit vor ihm weitere wertvolle Lebenszeit und erzwungene Aufmerksamkeit widmen.

Es folgt ein ausgedehnter prüfender Blick auf den meterlangen Kassenzettel und langsam macht die unansehnliche Hauszierde Anstalten, ihren faulen Kadaver mit endloser Langsamkeit von der Kasse wegzuwälzen.

Vom letzten Joker, wie er hinterhältig schwelend im dummen Schädel des Weibs auf seine Freilassung wartet, ahnt der Gepeinigte noch nichts. Gerade als er noch nicht nahe genug an die Kasse herangetreten ist und seine Peinigerin noch nicht weit genug weg ist, dreht sie sich um, fettgesichtig triumphierend mit einem Pfandzettel in der speckigen Hand wedelnd. Diesen habe sie vergessen und müsse ihn unbedingt noch einlösen. Das Verständnis der betroffenen Wartenden wird in dreister Manier selbstredend vorausgesetzt und mit weiterem dümmlichen Gelächter untermalt, das gemeinsam mit niederdrückenden Düften, krätzig aus der schwarzen Kehle dringt. Und so verschleudert der arme Mann, welcher sich nichts sehnlicher wünscht, als einfach nur seine Milch zu bezahlen und endlich nach Hause zu gelangen, seinen Einkauf zutiefst bereuend, weiterhin Zeit und Aufmerksamkeit an jemanden, mit dem er nicht das Geringste zu schaffen haben will.

Nach dem Einlösen des angeblich vergessenen Pfand-Bons lässt sich die Gunst der Stunde noch nutzen, die Kassiererin mit dümmlichen Fragen über die Sonderangebote von nächster Woche zu behelligen. Auch ein lautes und genervtes Stöhnen löst bei der Tyrannin keinerlei Anzeichen von Erbarmen aus; im Gegenteil. Man hat nun endlich einen Grund, dem wartenden Halunken Ungeduld anzudichten und ihn ausgiebig mit Kopfschütteln und bösen Blicken zu bedenken. Nach einem schleppenden Martyrium endlich an der Reihe, erfolgt das Bezahlen der Milch in Bar und passend, innerhalb weniger Sekunden. Der Mann hastet zur Ausgangstür, seinem wohlverdienten Feierabend entgegen, setzt zum Überholen an, doch das Hinterteil eines Brauereigauls und ein geschickt als Barriere eingesetzter Einkaufswagen verhindern sein Fortkommen routiniert. Weitere wertvolle Zeit verstreicht, bis sich das Walross schließlich in aller Gemächlichkeit durch die gläserne Schiebetür gedrückt hat.

Nun entweicht der Mann endlich in die Freiheit, während sehnsüchtige Blicke seinen Rücken durchbohren. Die Seligkeit des verdrießlichen Ungesichts über den Erfolg des Tages währt nur kurz und so wird alsbald der nächste Zeitfraß am männlichen Geschlecht geplant. Es steht ja noch der Heimweg an, selbstverständlich mit dem Auto. Auf der Straße ergeben sich weitere zahllose Möglichkeiten der Behinderung und des systematischen Zeitdiebstahls. Deshalb sei jedem Mann empfohlen, sich leise, schnell und unerkannt durch den Supermarkt zu bewegen und die anschließende Flucht von diesem Ort der Finsternis mit dem Fahrrad anzutreten.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

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