Die ewige Knochenmühle

Knochenmühle

Montagmorgen ist es wieder soweit. Das viel zu kurze Wochenende verstrich wie im Flug, die Bürgersteige und Straßen sind gesäumt von traurigen, ausdruckslosen und müden Gesichtern. Menschen, die sich meist gegen ihren Willen, auf dem Weg in die erbarmungslos drehende Knochenmühle befinden. Schwer gezeichnet vom Schock, angesichts der Tatsache, dass die freien Tage schon wieder vorüber sind, quält sich der fremdbestimmte und getriebene Mob in die trostlosen Büros und grauen Fabrikhallen. Ein seelenfressender Moloch, der Tag ein, Tag aus, aufs Neue seinen Lauf nimmt. Die Zeit dazwischen verbringt man für gewöhnlich mit essen, schlafen, kacken und damit, die Spuren des Essens, des Schlafens und des Kackens zu beseitigen. Der Lohn für die Mühe ist im besten Falle genug, um zu überleben, jedoch zu wenig, um sich freizukaufen.

Anders ist es nicht zu erklären, dass Menschen fünf Tage die Woche mindestens acht Stunden in irgendeiner Firma absitzen, um in die Tasche eines anderen zu wirtschaften. Nach dem Feierabend reicht es in der Regel nur noch dafür, erschöpft und leer auf die Couch zu sacken und sich von der Flimmerkiste berieseln zu lassen, wo einem eine absonderlich wirkende Bilderbuch-Familie erklärt, für was man die sauer verdienten Kröten alles ausgeben muss. Kurzerhand werden künstliche Bedürfnisse erschaffen, um das Wunschzentrum des Knechts zu stimulieren, mit dem Hintergedanken, dass dieser sich noch mehr abstrampeln möge. Im Optimalfall bis zum stetig steigenden Renteneintrittsalter, um daraufhin alsbald sozial verträglich in die Kiste zu kippen. Da nützen auch die paar kümmerlichen Tage Urlaub im Jahr nichts, um die Monotonie dieser tristen Tatsache zu beschönigen.

Das hierfür geschaffene, subtile und komplexe Lügengeflecht kennt kaum Grenzen. Natürlich wollen die Arbeitgeber nur das Beste für ihre geliebten Schafe und agieren aus reiner Nächstenliebe. Das schöne Auto, der Kluburlaub am Pool und allerlei anderer Luxus im Leben der Diener gehen schließlich auf ihr Konto. Zudem müsse man an die Rente denken und das Gemeinwesen möchte ja auch noch irgendwie finanziert werden. Dass die ganzen tollen Wagen und die schönen Straßen jedoch nur wieder dazu genutzt werden, um auf eigene Kosten sicher an den Arbeitsplatz zu gelangen, wird wohlwissentlich verschwiegen. Der Urlaub, in welchem die domestizierten Marionetten dann bewegungsunfähig vor Erschöpfung am Schwimmbecken einer Hotelanlage herumliegen, soll lediglich der Aufrechterhaltung der Arbeitskraft dienen. Die Gesundheit wird verheizt, um Geld zu verdienen, welches anschließend dafür genutzt wird, sich diese wieder zurückzukaufen.

Neben den Eignern der Knochenmühle ist das Staatswesen der größte Profiteur des timonischen Treibens. Die vorwiegende Existenzberechtigung dieses monströsen und misswirtschaftenden Wasserkopfs, ist der Selbstzweck. Für die Überwachung und Denunzierung des niederen Volkes, sowie die Abstrafung etwaiger Dissidenten, werden keine Kosten und Mühen gescheut. Die arbeitende Melkkuh wird deshalb abgezockt, wo es nur möglich ist. Doppelte und dreifache Besteuerung von Vermögen, welches bereits versteuert wurde, Steuer auf Steuern, irrwitzige Zölle, Sanktionen und Sozialversicherungswahn sind an der Tagesordnung. Je mehr ein Lakai arbeitet, desto höher sind seine Abgaben. Wer das kleine Einmaleins beherrscht, wird schnell feststellen, dass sich in Deutschland die Mehrarbeit nicht lohnt. Wer hingegen faul ist, erhält proportional gesehen mehr Geld für weniger Arbeit.

Knochenmühle
Vision einer besseren Zukunft: rostige Ketten als Überrest der Repression.

Das System zieht alle Register, um seine Leibeigenen in der Schwebe zu halten. Das muss es auch, denn würde sich das Kollektiv der Geknechteten zum Widerstand erheben, bräche das Mühsal innerhalb von kürzester Zeit in sich zusammen, wie ein Kartenhaus. Wer den zermalmenden Kreislauf der Knochenmühle infrage stellt, der gilt daher als schwärende Beule auf dem Rücken der kapitalistischen und menschenverachtenden Wirtschaftsmaschinerie. Eine Reduzierung der Arbeitszeit um Stunden oder sogar Tage, ist äußerst ungern gesehen. Mit allerlei Psychotricks und Angstmache versucht man deshalb, dem entgegenzuwirken. Da kommt es gerade recht, wenn der Vasall sich vermählt, fleißig Nachwuchs zeugt und sich mit dem Erwerb einer Immobilie endgültig ins finanzielle Verderben stürzt. So werden sich die Ketten des Jochs enger und enger ziehen, bis er sich eines Tages bitterlich daran zu Tode stranguliert.

Als einziger Trost dienen die unwilligen und gequälten Visagen der Kollegen, die einem wenigstens das Gefühl geben, mit seinem Schicksal nicht alleine zu sein. Schlecht bezahlte und idealerweise hoch verschuldete Vollzeitkräfte, bilden seit je her den soliden Grundpfeiler dieser widermenschlichen Ideologie. Die ausgeschriebenen Stellenanzeigen in den Jobbörsen und Zeitungen sprechen Bände. Je niedriger die geforderte Qualifikation, umso lauter ist der Schrei nach einem Lehnsmann, der seine 40 Stunden pro Woche buckeln soll, Bereitschaft zu Mehrarbeit und Überstunden bis zum Burn-out selbstredend vorausgesetzt. Mehr Auswahl hingegen haben die besser Qualifizierten, die man mit flexiblen Arbeitszeiten und anderen Vergünstigungen zu locken versucht. Das Dahinsiechen von einem Wochenende zum Nächsten, soll somit erträglicher gestaltet werden, damit selbst die Intelligenteren nicht auf den Gedanken kommen, dumme Fragen zu stellen.

Oftmals darf sogar eine Gehaltsvorstellung geäußert werden. Natürlich nicht zu hoch, denn die geschätzte Fachkraft soll der Sache ja möglichst lange dienlich sein. Eine zu fürstliche Bezahlung wäre der nachhaltigen Ausbeutung keinesfalls zuträglich. Im schlimmsten Falle könnte diese vom Nutzvieh dafür eingesetzt werden, finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen oder das Weite zu suchen. Gut, dass es in jüngster Zeit immer mehr Menschen zu geben scheint, die die autokratische Fron der Knochenmühle in Zweifel ziehen. Wer die Möglichkeit hat, arbeitet lieber weniger, verwirklicht sich selbst und geht auf Reisen. Eine gefestigte Persönlichkeit ohne erdrückende Verbindlichkeiten, wird sich nicht so leicht von den fabulierten Nachteilen einer besseren Work-Life-Balance einschüchtern lassen. Lebenszeit und Gesundheit sind die wertvollsten Dinge, die ein Mensch besitzen kann. Je weniger er davon unter Wert verkauft, desto besser.

Gefangen in der Knochenmühle

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