Die kalte Geschlechtsumwandlung

Geschlechtsumwandlung

Er steht auf der Bühne und säuselt mit brüchiger Tenorstimme weinerlich einen vermeintlich tiefsinnigen Text vor sich hin. Die Kraft seiner dünnen Ärmchen reicht gerade so aus, um das Mikrofon halten zu können. Vor ihm die Menge, andächtig lauschend und ihm nach Vollendung seiner Jammer-Arie tosenden Applaus spendend. Er verkörpert das, was den modernen Mann von heute auszumachen scheint: ein schwächlich wirkendes Sensibelchen, das nicht einmal imstande wäre, ein angelutschtes Wienerwürstchen vor einer dreibeinigen Katze zu beschützen. Seinen unverkennbaren Testosteronmangel kompensiert er durch sein äußerst modisches Erscheinungsbild, mittels gefärbtem Haar, Herrenschal, Ohrringen, Karottenjeans und gepflegter Gesichtsbehaarung, sofern er überhaupt über einen Bartwuchs verfügt. Während die Frauen immer maskuliner werden, mutieren die Männer immer mehr zu Frauen. Es beschreibt das Phänomen der kalten Geschlechtsumwandlung. In der modernen Sprache wurde hierfür eine ganze Litanei neuer Begriffe geschaffen.

Man kennt ihn unter anderem als metrosexuellen Mann oder auch als Hipster. Was früher eher als Randerscheinung auftrat und mit prominenten Aushängeschildern wie David Beckham seinen Anfang nahm, ist heute der Standard. Hierzulande ist er oft in der Musik zuhause und schwimmt ganz oben auf der Welle des neudeutschen Pops. Die Frauen liegen ihm deshalb zu Füßen. Aber auch im Sport, als Schauspieler oder im Modebusiness ist er zu finden. Seine Fähigkeiten sind bestenfalls durchschnittlich, doch der Hype um ihn hält ihn in nahezu pathologischer Manier auf Erfolgskurs. In einer Gesellschaft, in der Männer Minicooper fahren, Armkettchen tragen, ein goldenes iPhone besitzen, sich Chihuahuas halten und freiwillig Mark Foster hören, mag das niemanden zu verwundern. Insgesamt betrachtet ist er eine äußerst besorgniserregende Erscheinung. Er wirkt fragil, sein Herz scheint stets gebrochen und er ist auf zwanghaft egozentrische Weise den ganzen Tag lang damit beschäftigt, seine labile Gefühlswelt nach außen zu tragen.

Er offenbart sich somit ungeschönt als Antonym zur klassischen Männlichkeit. Was früher mit fiesen Sprüchen wie „ein echter Indianer kennt keinen Schmerz“ in die gegenteilige Richtung zelebriert wurde, findet sich nun in umgestülpter Version als zeitgemäßer Nachwuchs-Hipster wieder, der als unnormal stigmatisiert wird, wenn er nicht stündlich seinem Tränenfluss freien Lauf lässt. Seine Kindheit muss überaus belastend gewesen sein. Spielen wollte nie jemand mit ihm, da er aufgrund seiner Zerbrechlichkeit ohnehin keinen zuverlässigen Mitstreiter abgegeben hätte. Auf dem Schulhof wurde er regelmäßig von den Mädchen jüngerer Jahrgangsstufen verprügelt. Für die Jungs hingegen war er uninteressant, da er nicht einmal im Ansatz als potenzieller Rivale taugte. Er spielte ohnehin lieber mit Puppen und sang im Knabenchor, anstatt als Pfadfinder mit selbstgeschnitzten Werkzeugen im Wald ein Lager zu bauen, an alten Mopeds herum zu schrauben oder seine Zeit auf dem Hockey-Platz totzuschlagen.

Seine Erzeuger waren vermutlich passionierte Helikopter-Eltern. Er ist eine neue Erscheinung der Evolution und der lebende Beweis dafür, dass die Verkümmerung der menschlichen Rasse unaufhaltsam voranschreitet. In der Steinzeit hätte ein solcher Weichling nicht die geringste Überlebenschance gehabt und wäre der erste gewesen, der im Schlund eines heranwachsenden Säbelzahntigers sein Ende gefunden hätte. Wenn ihn nicht bereits vorher der Alpha-Mann in einer großmütigen Geste des Mitleids erschlagen hätte. In einer modernen Welt hingegen müssen wir ihn ertragen, selbst wenn seine gewinselten Ergüsse bis zum Erbrechen wie eine Endlosschleife im Radio rauf- und runter gespielt werden oder wenn er nur um des guten Aussehens Willen auf dem Spielfeld herum stolpert, um sich beim geringsten Foul theatralisch auf den Boden fallen zu lassen, anstatt Tore zu schießen. Echte Männer scheinen hingegen mehr und mehr obsolet zu werden, eine akut vom Aussterben bedrohte Art.

Anstelle von gestählten Kriegern und harten Schwänzen, gibt es dann eben bald nur noch östrogengeschwängerten Herzschmerz, gezupfte Augenbrauen und gebleichte Rosetten. Die kalte Geschlechtsumwandlung ist längst harte Realität, da helfen auch keine Tätowierungen mehr. Als Ergebnis eines fehlgeschlagenen Experiments zur Umkehr dieses fatalen Trends, wurde ein neuer, völlig degenerierter Typus Mann geschaffen: der Spornosexuelle. Er wirkt wie eine missglückte Kreuzung aus dem, was einmal ein Mann war und einem modernen Weichei. Er hat Muskeln, die zwar schön aussehen aber nichts können. Das glatte Lifestyle-Sixpack wurde bei ihm einzig zu dem Zweck herangezüchtet, seine fehlende Hirnmasse zu kompensieren. Eine fleischgewordene Schaufensterpuppe als gruseliges Resultat einer Entwicklung, die an sich selbst scheitert. Da ist sogar ein Metrosexueller noch besser.

Der einzige Weg, die kalte Geschlechtsumwandlung aufzuhalten, führt in die Postmoderne. Zurück zum echten Mann. Der Mann, der zu seinem Wort steht, der vor Potenz nur so strotzt, dessen Muskeln nicht nur Zierde sind, der seinen kreisrunden Haarausfall, seinen Bierbauch und seinen ungepflegten Bartwuchs mit Stolz trägt. Der intelligente Jäger und Sammler, der keine Accessoires braucht, um ein Selbstwertgefühl zu generieren. Der Mann, der noch ein echter Holzfäller ist, anstatt nur so auszusehen, um anderen Männern zu gefallen. Es ist wieder an der Zeit für fette Rockballaden und mitreißende Metalhymnen in den Charts.

Die kalte Geschlechtsumwandlung

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