Im Reich der lebenden Wachsfiguren

Wachsfiguren

Gelegentlich kommt man nicht umhin, sich aus geschäftlichen Gründen an Orte zu begeben, an die man eigentlich gar nicht will. So erging es mir dieser Tage, als ich zu einem Treffen in einem noblen münchner Etablissement geladen war. München ist eine Stadt, die ich normalerweise meide wie der Teufel das Weihwasser. Wenn ich sie überhaupt zu betreten gedenke, dann bevorzugt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber zumindest muss ich mir heute diesbezüglich keine Gedanken machen, da Rudi bereitwillig den Chauffeur spielt. Na ja, immerhin ließ ich mich auf sein Geheiß hin breitschlagen, dort aufzukreuzen. So geht es also in die feinste Meile der Stadt, genauer gesagt, in die Maximilianstraße. Hier reihen sich Edelboutiquen und prunkvolle Fünf-Sterne-Hotels aneinander, dazwischen werden die neusten BMW i8- und Tesla-Modelle an den elektrischen Zapfsäulen betankt. Aus den gläsernen Türen der Geschäfte stürzen Menschen, die mehr wie Wachsfiguren wirken, mit vollgepackten goldenen Einkaufstüten.

Aus ihren vom Konsum getränkten Stielaugen triefen Blicke, die nichts als ausdruckslose Leere vermitteln. Andere laufen modisch gekleidet und sich in Wichtigkeit wähnend telefonierend in ihren Anzügen nebst Herrenschals oder in Pelzmänteln über den Bürgersteig. Wir sind im Reich der lebenden Wachsfiguren angelangt und dieses ist definitiv eines: nicht meine Welt. Rudi hat derweil mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Die quälende Suche nach einem Parkplatz beginnt. Am Straßenrand wird bereits in zweiter und dritter Reihe geparkt und die Blechkolonne wälzt sich in Schrittgeschwindigkeit durch die Häuserschlucht. Mein Vorschlag, irgendwo außerhalb zu parken und den restlichen Weg mit dem Fahrrad zurückzulegen, stieß auf wenig Gegenliebe. So beobachte ich weiterhin das Treiben auf dem Gehsteig und frage mich, ob diese kümmerlichen Gestalten überhaupt über so etwas wie eine Seele verfügen.

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Der perfekte Verkehrsinfarkt: Ein Benz blockiert beim Einparken die Straße und ein SUV-Fahrer muss sich noch schnell von links dazwischennötigen.

Hier trifft man auf Legionen von Erben, die sich in vollkommener Dekadenz ergehen und das Geld vorangegangener Generationen bei Gucci, Versace, Louis Vuitton und Co. verpulvern, während andere derweil einer regulären Arbeit nachgehen, um irgendwie ihre Miete zu berappen. Die Umgebung ist gesäumt von metrosexuellen Snobs, die wie Zombies über den feuchten Asphalt taumeln, die Blicke in ihre iPhones vertieft und die umliegende Welt scheinbar komplett ausgeblendet. Unser Weg führt uns schließlich in Richtung einer groß ausgeschilderten Parkgarage. Fast am ersehnten Ziel folgt die Ernüchterung: Vor dem Parkhaus hat sich bereits eine lange Autoschlange gebildet und nun geht gar nichts mehr. Massen an SUVs und hochpreisigen Sportwagen versperren uns den Weg. Rudis Lieferwagen ist mit Abstand die billigste Karre auf dem Platz. Einziger Trost bleibt, dass wir rechtzeitig starteten und somit noch immer gut in der Zeit liegen.

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Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stehen sie noch heute.

In der Ferne erhasche ich einen Blick auf eine Tafel, auf der die Wucherpreise für das Parken angeschrieben stehen. Wer in München sein Fahrzeug abstellen will, der braucht wahrlich einen dicken Geldbeutel. Etwa zwanzig Minuten später bekommen wir endlich Sichtkontakt zur Schranke und der Grund unserer Wartezeit wird klar. Die Parkgarage ist voll und ein Auto kann erst hineinfahren, wenn ein anderer Wagen dafür wieder hinausfährt. Schließlich sind wir an der Reihe und nachdem ein nagelneuer Audi Q7 mit einer Mittfünfzigerin im Nerz am Steuer, aufgespritzte Schlauchbootlippen und Schlitzaugen vom Botox, die Garage verlassen hat, gibt die Schranke unseren Weg frei. Ich bin kein besonders gläubiger Mensch und ich bin mir nicht sicher, ob es so etwas wie einen Himmel gibt. Die Hölle jedoch existiert leibhaftig: in Gestalt eines münchner Parkhauses. Es ist eng und gesteckt voll, ein freier Parkplatz ist weit und breit nicht in Sicht.

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Aufgereihte Massen an Nobelkarossen in der beengenden Parkhaus-Hölle.

Stattdessen parkt ein Dickschiff neben dem anderen und die Frage, wozu man in einer Großstadt einen Geländewagen fahren muss, stelle ich mir schon lange nicht mehr. Eine verwertbare Antwort darauf kann einem ohnehin niemand geben. So drehen wir unsere Runden durch die mehrstöckige Wachsfiguren-Hölle im münchner Untergrund und ich beginne, klaustrophobische Zustände zu entwickeln. Wer sich dort wider gesunden Geistes hineinbegibt, hegt nichts sehnlicher als den Wunsch, diesen Ort des Grauens möglichst schnell wieder zu verlassen. Doch Rudi gibt nicht auf und dreht wacker eine Runde nach der anderen. Nachdem wir mindestens zehn Minuten durch die verschiedenen Etagen der Hölle gekurvt sind, steht die Kapitulation kurz bevor.

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Die gerupfte Gans als zynisch treffendes Sinnbild im Schaukasten neben dem Parkautomaten.

Auf dem Weg nach draußen tut sich plötzlich eine Parklücke auf, so schmal und kurz, dass man mit einem Kleinwagen kaum hineinzukommen vermag. Doch die Verzweiflung motiviert Rudi, dort mutig hineinzumanövrieren. Ich steige aus und spiele den Einweiser. Die Aufgabe entpuppt sich schnell als Millimeterarbeit. Schließlich steht der Lieferwagen drin, die Spiegel eingeklappt und Rudi muss trotz sportlichen Körperbaus den Bauch einziehen, um überhaupt aussteigen zu können. Wir ernten missbilligende Blicke von einem Wachsfiguren-Pärchen, welches sich mit seinem glänzend polierten 300.000-Euro-Benz durch die Parkhaus-Hölle schiebt. Offensichtlich ärgert man sich darüber, dass das niedere Fußvolk schneller war.

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Am Ende fand er doch noch sein Glück.

In ihren Augen ist es die Aufgabe von einfachen Leuten wie uns, vor ihnen zu buckeln und eigentlich wären wir gerade gut genug, um ihnen bestenfalls die Lackschuhe zu wichsen. Nach einem Besuch in der stinkenden Parkhaustoilette geht es nach oben und ich stelle fest, dass die Warteschlange nicht kürzer geworden ist; im Gegenteil. Doch, anstatt Mitleid mit den Wartenden zu haben, überkommen mich nur Häme und Schadenfreude. Wir haben unseren Parkplatz inmitten von München, auch wenn dieser Luxus ein Vermögen kosten wird. Ich freue mich bereits jetzt darauf, diesen Moloch des Verderbens wieder zu verlassen. Das Schönste an München bleibt doch noch immer, wenn man es hinter sich lassen kann.

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