Die neue deutsche Identität

Identität

Die jahrzehntelange Vormachtstellung der Nation bröckelt, die einst unnahbaren großen Wirtschaftsmotoren scheinen angeschlagen, die tugendhaften Stützpfeiler von Pünktlichkeit, Ordnung, Fleiß und höchster Präzision sind längst ins Wanken geraten. Etwas verloren wirkt er in der Welt, der moderne Deutsche von heute. Stets unter Druck, getrieben von der Jagd nach mehr und nebenbei immer auf der Suche nach Identität und Anerkennung. Vom Sommermärchen 2006 bis hin zum WM-Ausscheider der Vorrunde 2018 ist viel passiert. Die Stimmung ist gekippt könnte man sagen, das Land gespalten wie niemals zuvor in diesem jungen Jahrtausend. Es ist eine Geschichte voller Schuldzuweisungen, vergessener Helden, vom ewigen Wettlauf gegen sich selbst und von der permanenten Angst vor dem sozialen Abstieg.

Die Deutschen müssten lernen, loszulassen

In den Wohlstand hineingeboren, hastet man den überzogenen materialistischen und wertidealistischen Vorstellungen der Elterngeneration hinterher, jedoch niemals imstande, diese befriedigend zu erfüllen. Wer es sich nur für einen kurzen Augenblick erlaubt, keine Leistung zu zeigen, über dem schwebt das ständige Damoklesschwert der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Wenn etwas schief geht, sind die anderen schuld, die Reichen, die Ausländer, die Wirtschaftsflüchtlinge. Oder die Politiker, welche man selbst gewählt hat. Das Ego der neuen deutschen Identität ist derart verletzlich, dass sich manch einer persönlich angegriffen fühlt, sobald er nur das Wort „Rassismus“ hört. Begriffe wie Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit werden nicht als Notwendigkeit gesehen, sondern als Schreckgespenster von Neidern, Versagern, Öko-Spinnern, Grünen und Linken verteufelt. Lieber jagt man der sterbenden Wachstumskapitalismus-Maschinerie die nächste Adrenalin Spritze ins Herz, bevor man dem Unausweichlichen ins Auge sieht.

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Symbol für die guten alten Zeiten des Wirtschaftswunders: der Bully. Heute wäre er allerdings nur noch ein untermotorisierter Spritschlucker.

Die goldenen Zeiten sind längst vorbei und auf der Insel der Glückseligen scheint das Wasser langsam über die Dämme zu schwappen. Die Politik übt sich hingegen darin, den Fokus von den eigentlichen Problemen möglichst weit weg zu lenken. Und jemand, der nie ernsthaft mit existenziellen Problemen zu kämpfen hatte, lässt sich nur allzu gerne ablenken. Deshalb wird der systematischen Beschneidung von Grundrechten, staatlichem Überwachungswahn, dem Pflegenotstand und einem bis ins Mark maroden Rentensystem am Limit kaum Beachtung geschenkt. Ganz zu schweigen von der Obdachlosigkeit, die auf einen neuen traurigen Rekord zu rast. Im Gegenzug geht man wegen schwachsinnigen Trivialitäten wie Diesel-Fahrverboten, Tempolimits und hohen Spritpreisen auf die Barrikaden. Gegenüber der unterbezahlten und überarbeiteten Pflegekraft äußert man lapidar, sie bräuchte doch nur ein paar Stunden mehr im Monat zu arbeiten, um das Defizit auszugleichen. So einfach kann Politik sein, denn man braucht nur die Hand aufzuhalten und nach unten zu treten.

Die deutsche Suche nach Identität ist eine Geschichte des hoffnungslosen Verrennens

Man eifert dem großen US-amerikanischen Vorbild hinterher, importiert sich dessen Probleme und wird doch nie auch nur im Ansatz an den American Way of Life heranreichen. Der Amerikaner kauft sich einen tollen großen Wagen, um sich für seinen Erfolg zu belohnen, weil er Freude daran hat und die Straßen breit genug sind. Sein Nachbar wird sich mit ihm gleichermaßen über die neue Errungenschaft freuen.

Der Deutsche kauft sich eine übermotorisierte Kutsche in Sonderlackierung, mit dem primären Zweck, sich abzuheben. Um zu zeigen, dass er besser ist, als die anderen. Sein Nachbar wird sich vermutlich nur über den ersten Parkrempler freuen, da es hierzulande üblich ist, sich gegenseitig nicht einmal den Dreck unter dem Fingernagel zu gönnen. Die Antwort auf die Frage nach dem Warum ist einfach: Eine lackierte Blechkiste wird zum heiligen Statussymbol erhoben, mittels dessen man auf pathologische Weise nach außen trägt, was man erreicht zu haben glaubt. Man will seinen vermeintlichen Erfolg mit aller Macht genießen und zelebrieren, jedoch ohne ihn zu teilen.

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Ich fahre, also bin ich. Notfalls mit dem Panzer.

Ein Transportmittel um von A nach B zu kommen, wird verehrt wie ein Götzenbild, der Weg wird zum Ziel und „Freude am Fahren“ zum neuen Zeitgeist erklärt. Auf der Autobahn werden dann bei der nächstbesten Gelegenheit jegliche guten Sitten vergessen und die linke Spur wird zur Übungsstrecke für verkannte Formel-1-Fahrer umfunktioniert. Wer dem obsessiven Geschwindigkeitswahn im Weg steht, wird skrupellos genötigt, bedrängt und gefährdet. Plötzlich beginnen sich selbst diejenigen durchzusetzen, die außerhalb ihres Blechkübels weit davon entfernt sind, Alphatiere zu sein. Kritisiert man sie für ihr Verhalten, reagieren sie weinerlich mit der Argumentation eines bockigen Kleinkindes, dem jemand sein Spielzeugauto wegnehmen will.

Wenn dir was nicht passt, dann geh doch!

Dem Durchschnittsdeutschen fehlt es an Selbstkritik, Einsicht, am Blick über den Tellerrand, am Willen zu Veränderung und auf verheerende Weise am Gemeinschaftssinn. Wandel wird nur dann befürwortet, wenn man selbst nicht betroffen ist. Deutschland könne die Welt nicht retten und wie immer sind es die anderen, die damit anfangen sollen. Dabei haben diese den Anfang längst gemacht. Ein Blick in die Beneluxstaaten oder Dänemark reicht vollkommen aus, um zu erkennen, dass die nationale Identität auch nicht durch fahrraddominierte Großstädte gefährdet ist.

Die Neubelebung des Spießbürgertums

In den reicheren Regionen hat sich ein neuer Typus herauskristallisiert, der das Problem verdeutlicht: angeborenes Anspruchsdenken, das erste Smartphone mit 8, der erste Vollrausch mit 15, der Führerschein mit 17, der erste Neuwagen mit 18, das Abitur mit 19 und nach dem Studium wird mit den Händen in den Hosentaschen das große Geld in sogenannten Bullshit-Jobs verdient. In diesem Stadium ist der Finanzierungsplan zum Wohneigentum als höchstes Lebensziel bereits arrangiert. Nie zuvor wurde eine Generation derart verhätschelt, wie es heute der Fall ist. Das Ergebnis ist der ultimative neoliberale Jung-Spießbürger, dem zwar von klein auf alles in den Schoss gefallen ist, der aber trotzdem krankhaft unter der unbegründeten Angst leidet, es könne ihm jemand etwas wegnehmen. In seiner sozialen Unbedarftheit trägt er nichts als die blanke Arroganz nach außen. Der Weg zur dekadenten Selbstinszenierung ist da nicht mehr weit.

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In Maßen vertretbar: zeitlos schöne Automobilromantik.

In der Freizeit wird das frisch servierte Essen im Restaurant erst einmal aus zwanzig verschiedenen Perspektiven mit dem Smartphone fotografiert, um es anschließend bei Instagram zu posten. Anstatt Fahrrad zu fahren, rammelt man mit dem SUV zum Fitnessstudio, um sich dort aufs Ergometer zu setzen und das Gesundheitsgewissen zu beruhigen. Jene, die wirklich Radfahren, erklären ihr Hobby zum elitären Sport, in dem es wieder nur darauf ankommt, besser zu sein, als die anderen. Was man mit gesunder Muskelkraft nicht mehr zu bewältigen vermag, gipfelt dann oftmals in einer irrwitzigen Materialschlacht um jedes Gramm. Der ständige Vergleich mit den anderen wird zum verpflichtenden Maßstab erkoren, obwohl er bekanntermaßen der zuverlässigste Weg ins Unglück ist. Um Zeit zu sparen, kauft man im Supermarkt vorgeschnittenes Obst in der Plastikverpackung oder man verbindet den Kinderwagen-Spaziergang mit dem Joggen mittels Laufbuggy.

Die Hatz durch das Leben zum Zwecke der Zeitersparnis

Auch Kinder sind hier längst zur lästigen Nebensache verkommen, die man sich zwischen Arbeit und schickem Lifestyle anschafft, wie einen Hund. Man hat ja auch wichtigere Dinge zu tun, wie beispielsweise an einem sonnenstrahlenden Sonntag in einer kilometerlangen Blechlawine vor der Waschanlage anzustehen. Um anschließend vom Werterhalt besessen die Heilige Kuh stundenlang zu wienern und zu bohnern, damit sie nach fünfminütigem Gebrauch wieder genau so aussieht wie vorher. Die deutsche Identität ist längst nicht mehr als eine leere Worthülse des Wahnwitzes und der Verzweiflung. Das einstige Land der Dichter und Denker, die Mutter großer Geister, ist zu einer Wüste von abgekapselten Träumern verkommen, die alle nur noch damit beschäftigt sind, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, bevor es zu spät ist. Bevor die ständige Bedrohung von außerhalb sich der vom Volkstod befallenen Nation, die sich über Autos und Fußball definiert und noch immer in Werten wie Sicherheit denkt, endgültig bemächtigt.

Fragt man einen Deutschen mit ausländischen Wurzeln nach seiner Nationalität, wird er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das Herkunftsland seiner Eltern berufen. „Ich bin Türke“ oder „ich bin Kroate“, heißt es dann, trotz deutschem Pass und Geburtsort Berlin. Mit dem, was der Rest der Welt als „deutsch“ bezeichnet, kann und will sich jemand, der etwas anderes kennt, einfach nicht identifizieren. Anstatt einmal selbstkritisch zu hinterfragen, warum dies so ist, würde man den bösen Ausländern, die des deutschen Passes nicht würdig seien, lieber kurzerhand das Aufenthaltsrecht absprechen. Auch weil der alteingesessene Deutsche nicht in der Lage ist, zu akzeptieren, dass er längst in einem Vielvölkerstaat lebt.

Das verzweifelte Klammern an antiquierte Werte

Der Populismus erstarkt hingegen neu wie seit 1933 nicht mehr und der Wunsch nach einer radikalen Führung erlebt eine Renaissance. Ein wachsender Teil sucht Erlösung im Nationalismus, ohne jedoch zu erkennen, dass genau dieser das Problem nur verschlimmert. Die neue deutsche Identität ist das Resultat längst obsoleter und deplatzierter Ideale, die eine autochthone Generation ihren Nachkommen aufoktroyiert hat. Es liegt bei jedem selbst, sich davon zu befreien und damit zu beginnen, für eine bessere Zukunft gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Man müsste nur von dieser fabelhaften Möglichkeit Gebrauch machen. Natürlich sollte man den Menschen auch hierzulande die Chance geben, sich neu zu finden. Letztendlich muss aber jeder selbst wissen, was gut für ihn ist, solange er andere damit nicht schädigt.

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