Leserkommentar: Warum das Gendern die Sprache nicht tötet

Gendern

Dass mein aktueller Artikel, Der Tod der Sprache, welcher sich mit dem sprachlichen Gendern beschäftigt, hohe Wellen schlagen würde, war mir bereits im Vorfeld bewusst. Ich wagte mich auf dünnes Eis und erfuhr innerhalb von kurzer Zeit viel Zustimmung, aber auch eben so viel Kritik. Die größte Rüge kam allerdings aus den eigenen Reihen, von niemand geringerem als meinem PARTEI-Genossen und INNoffiziell-Redakteur Jan Parizek. Da ein Blog vor allem vom Diskurs lebt und nicht immer eine Meinungshoheit vertreten muss, scheue ich mich als Verfechter der Demokratie nicht, eine fundierte Gegenmeinung zu veröffentlichen. Wir sind ja hier schließlich bei Rabotnik und nicht beim undemokratischen Meinungsblog des Oberbayerischen Volksblattes.

Warum das Gendern die Sprache nicht tötet – von Jan Parizek

Warum das Gendern die Sprache nicht tötet, sondern vielmehr ein notwendiges Übel zur Überwindung des allgegenwärtigen Patriarchats ist. Aus vielerlei Hinsicht ist es sinnvoll, für eine geschlechtergerechte Sprache einzutreten, die die Vorherrschaft des Mannes in der Gesellschaft in Frage stellt. Mein Kollege Rabotnik reagiert unerwartet reaktionär und vorgestrig auf eine zu begrüßende Fortentwicklung der deutschen Sprache und ignoriert Argumente aus sprachwissenschaftlich reformwilligen, linguistischen Kreisen. Das ist schade.

Um meiner Kritik an Rabotniks Kommentar eines vorwegzunehmen: Dieser Text ist in unterschiedlichster Form gegendert, durch einen bewussten Gebrauch einer nichtdiskriminierenden Sprache, die alle Geschlechter in gleicher Weise ansprechen soll. Dennoch werden Leser*innen dieses Textes nur in seltenen Fällen den Genderstar antreffen. Beispielsweise durch die Verwendung femininer Substantive wie zum Beispiel „die Person“ oder Verwendung von universell gebräuchlichen Ansprachen, die sich auf alle Geschlechter beziehen, wie beispielsweise „der Mensch“ anstatt „der Bürger“ oder durch die bewusste Substantivierung von Sätzen und Satzteilen. Natürlich ist es jeder Person selbst überlassen, ob sie* gendert oder nicht.

Beginnen wir mit einem einfachen Selbsttest:

Vater und Sohn sind im Auto unterwegs und werden in einen schweren Autounfall verwickelt. Der Vater stirbt noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Sohn wird, kaum im Krankenhaus angekommen, in den Notfall-Operationssaal gefahren, wo schon die Dienst habenden Chirurgen warten. Als sie sich jedoch über den Jungen beugen, sagt jemand vom Chirurgenteam mit erschrockener Stimme: »Ich kann nicht operieren – das ist mein Sohn.« [1]

Wenn es Ihnen beim Lesen dieses Textes so ging, wie der Mehrheit von Studierenden, die eine längere Überlegzeit brauchten, um darauf zu kommen, dass es sich bei der Chirurgin um die Mutter handeln könnte, dann hat das den einfachen Grund, dass bei der Verwendung des generischen Maskulinums das typische Bild eines von Männern dominierten Berufsbilds im Kopf entsteht, bei dem nicht sofort davon ausgegangen wird, dass auch Frauen* diesen Beruf genauso gut ausüben können wie Männer.

Anmerkung von Rabotnik

Ich hätte den im Beispiel aufgeführten Satz natürlich anders formuliert und das weibliche Geschlecht explizit hervorgehoben – weil es in diesem Fall für den Kontext wichtig ist und dies den Leser andernfalls verwirren könnte. Dieser Gesichtspunkt wurde auch in meiner Darstellung beachtet.

Als sie sich jedoch über den Jungen beugen, sagt eine Chirurgin aus dem Team mit erschrockener Stimme: »Ich kann nicht operieren – das ist mein Sohn.«

Ein großes Manko in der deutschen Sprache, weshalb es bekannte Sprachwissenschaftlerinnen wie Luise Pusch gibt, die sich gegen diesen patriarchal geprägten Irrsinn der Sprache zur Wehr gesetzt haben.

Luise Pusch, wie Rabotnik, als Fanatikerin zu verhöhnen, verbittet sich schon aufgrund der Jahrhunderte vorausgegangenen systematischen Unterdrückung von Frauenrechten durch Männer und auch aus Respekt vor Errungenschaften der emanzipierten Frauenbewegung der 68er-Generation, der sie selbst angehört und ohne die wir wohl heute noch in einer Gesellschaft leben würden, in der Frauen* zweifelsfrei nur nach der Gunst des Ehemannes mehr oder weniger frei sein können.

Folgerichtig und verständlich sind hier auch radikalere Aussagen der Sprachwissenschaftlerin aus der Vergangenheit; in einer Zeit, in der es noch nicht allzu lange zurücklag, dass es Frauen in Deutschland nur mit Unterschrift des Ehemannes überhaupt erlaubt war, zu arbeiten, nämlich bis 1977. Nach dem Fall dieses irrsinnigen Gesetzes aus der Zeit des Nationalsozialismus, war und ist es bis heute eine elementare und vor allem gerechtfertigte Forderung von Feminist*innen, den allmählichen, aber langsamen gesellschaftlichen Fortschritt ab 1970 bis heute auch in der Sprache widerspiegeln zu wollen.

Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, warum ausschließlich Frauen* Rabotnik zufolge „Vergewaltigerinnen“, gar „Dilettantinnen“ „unseres wichtigsten Kommunikationsmittels“ seien und nicht auch Angehörige des biologisch männlichen Geschlechts, wie ich, die „fanatisch“ und „maßlos“ aus „destruktiver Dummheit“ in „linguistischer Perversion in Reinform“ auf das Gendern zurückgreifen, kenne ich keine Menschen in der feministischen Bewegung, die Personen aufgrund ihres Sprachgebrauchs persönlich angreifen würden, allerhöchstens jedoch auf die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache dezidiert hinweisen.

Auch die Frage, warum „Kritiker[innen] schablonisiert und bedenkenlos mit Nazis gleichgesetzt“ werden sollen, bleibt mir ein Rätsel. Es handelt sich hierbei um eine generelle und pauschalisierende Unterstellung, die meist genauso aus dem Munde enttäuschter Wutbürger/-innen zu hören sein könnte, wenn sie sich mal wieder darüber auslassen, was man denn alles nicht mehr sagen dürfe, weil man gleich in die Nazi-Schublade gesteckt werde. Auf die Gegenfrage, wie oft Mann oder Frau* selbst die Nazikeule um die Ohren gehauen worden sei, folgt meist eisernes Schweigen oder eine ausschweifende Begründung, die von der kritischen Frage ablenken soll. Rabotnik sollte sich dieser schablonenhaften Verteidigungshaltung aus rechten Kreisen eigentlich bewusst sein und deshalb auf deren Verwendung schon aus linguistischen Gründen verzichten.

Anmerkung von Rabotnik:

Die entsprechenden Zitate von Luise Pusch:

„Eine Entpatrifizierung ist jedoch nicht in Sicht und von den Herren in den Kultusministerien auch schwerlich zu erwarten, so wenig zu erwarten war, daß sich das Naziregime etwa selbst entnazifiziert hätte.“

„Ich meine, Männer haben Grund zu kollektiver Scham – ähnlich wie wir Deutschen Grund zu kollektiver Scham haben wegen unserer schändlichen Verbrechen in der Nazizeit. […]Mit Männern, die sich nicht schämen angesichts der Verbrechen ihrer Geschlechts­genossen und die nicht den Wunsch zeigen, aktiv etwas dagegen zu unternehmen, rede ich nach Möglichkeit nicht mehr. Es ist zu anstrengend. Sie gehören in dieselbe Sparte wie Neonazis, die die Verbrechen der Nazis leugnen oder schönreden: Verstockt, uneinsichtig, gewaltbereit. Kurz: gefährlich.“ [2]

Selbst Sprachforscher*innen, die dem Gendern kritisch gegenüberstehen, haben sich bereits mit der Verwendung des Schrägstrichs als Kompromisslösung abgefunden.

Dass die offizielle sogenannte Sparschreibung (z.B. Lehrer/-in, Helfer/-innen) bereits Einzug in den Duden gefunden hat, verschweigt Rabotnik in seiner sprachlichen Genderkritik großzügig. Auch ein gewisser Dr. Thomas Kubelik, der sich spätestens bei einem Auftritt einer Veranstaltung der von Beatrix von Storch organisierten Demo für alle und den Vertrieb seiner Bücher über den rechtsextremen Verlags Antaios, der auch Bücher von Bernd Höcke herausgibt, ins gesellschaftliche Abseits stellte und auf dessen Thesen sich auch Rabotnik teilweise stützt, hat irrwitziger Weise nichts gegen die Schrägstrichschreibung einzuwenden, jedoch gegen den Genderstar an gleicher Stelle (die INNoffiziell Redaktion weist darauf hin, dass dieser Link zu einem Interview des Medienmagazins epoch times führt, das dem rechtspopulistischem Spektrum zugeordnet wird). Diese Tatsache ist lediglich ein eindeutiger Beleg für Dr. Kubeliks Homo- und Transfeindlichkeit.

Rabotnik dürfte, wenn er wollte auf dieses durch den Duden legitimierte grammatikalische Mittel zurückgreifen, wenn es ihm ausdrücklich um eine grammatikalisch korrekte, jedoch diskriminierungsfreie Sprache geht. Stattdessen begibt sich Rabotnik selbst ins Minenfeld der grammatikalischen Unwissenheit, da er in seinem Aufsatz beispielsweise „den Studenten“ mit „Studierende“ umschreibt. Da der sprachkonservative Linguist Peter Eisenberg dieser substantivierten Verwendung des Partizips widerspricht, weil beispielsweise LKW-Fahrende oder Studierende nicht permanent dabei seien zu studieren oder zu fahren, verstrickt sich Rabotnik bei der angeblich grammatikalisch korrekten Anwendung der Sprache selbst in Widersprüche und wird somit selbst, ohne es zu wollen zum Opfer des sprachlich etablierten Genderns.[3] [4] [5]

Der Rat der deutschen Rechtschreibung beobachtet die zunehmende Verwendung von Gendersternchen, das Binnen-I, oder den Gender-Gap, kritisiert dessen Verwendung aber auch nicht

Für den Grund, warum der Genderstar noch keinen Einzug in den Duden gefunden hat, gibt es eine einfache, wie einleuchtende Begründung, die Rabotnik zur Kenntnis nehmen sollte. Wie der sogenannte Rat der deutschen Rechtschreibung es erst im November 2018 mitgeteilt hat, sehe dieser gendergerechtes Rechtschreiben noch in der „Erprobungsphase“. Jedoch widerspricht der Rat der deutschen Rechtschreibung der Verwendung gendergerechter Sprache nicht ausdrücklich, weil man in der aktuellen Entwicklung nicht vorweggreifen, sondern vielmehr die unterschiedlich schnelle und intensive Erprobungsphase verschiedener Bezeichnungen weiter beobachten wolle. Eine Distanzierung von gendergerechter Sprache durch den Rat der deutschen Rechtschreibung klänge anders, im Gegenteil, handle es sich dem Ergebnispapier des Rats zu folge um ein „Anliegen, das sich auch in der geschriebenen Sprache abbilden soll“.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Gendergap, das Binnen-I, oder gar der Genderstar Einzug in den Duden finden wird, steigt also mit jeder weiteren Verwendung geschlechtsneutraler Sprache in öffentlich publizierten Texten von Behörden, Zeitungsartikeln, und öffentlichen Institutionen wie Universitäten oder Hochschulen. Die Sprache befindet sich nämlich ständig im Wandel und reagiert auch auf gesellschaftlichen Fortschritt. Und das ist gut so.

Rabotnik ignoriert, dass geschlechtergerechtes Schreiben und Sprechen selbst in der Linguistik polarisiert und es keine einheitliche Meinung dazu gibt

Während der vorher bereits erwähnte Linguist Peter Eisenberg dem sprachkonservativen Spektrum anzusiedeln ist, gibt es im Bereich der wissenschaftlichen Linguistik auch ausgesprochen progressive Reformbefürworter*innen einer geschlechtsneutralen Sprache. Beispielsweise spricht die Sprachlinguistin Gabriele Diewald von der Universität Hannover beim generischen Maskulinum von einer sprachlichen Asymmetrie der Geschlechter, die aus einer gewohnheitsmäßigen Verwendung männlicher Berufsbezeichnungen im 20. Jahrhundert hervorgegangen sei. Sie befürworte das Binnen-I im Duden, für den sie selbst mitschreibt, sehe den Genderstar jedoch kritisch, weil dieser nicht Teil des Alphabets sei.

Der Sprecher für historische Sprachwissenschaft an der freien Universität Berlin, Horst Simon, geht zwar nicht ganz so weit, nutze in seiner eigenen Sprache jedoch Bezeichnungen wie „Sprecherinnengemeinschaft“ schon lange, aufgrund grammatikalischer Korrektheit verzichte er jedoch auf die Großschreibung des Binnen-I.

Auch andere Stimmen, wie beispielsweise die renommierte und 2014 mit dem Konrad Duden-Preis ausgezeichnete Sprachwissenschaftlerin von der Universität Mainz, Damaris Nübling, bittet in Bezug auf Genderstar und Gendergap eindringlich darum, „Kommunikation erst mal unvoreingenommen zu beobachten und zu prüfen“, anstatt sie „unvoreingenommen und reflexhaft abzuwehren“. Ebenso sei es ihr zufolge nicht wissenschaftlich belegbar, dass die Verwendung von Genderstar und Binnen-I den Lesefluss behindere. Ähnlich sieht es auch eine andere Sprachwissenschaftlerin, Annette Trabhold, Sprecherin des Instituts für deutsche Sprache, wenn man sie zur ihrer persönlichen Meinung befragt. Sie sehe „alle Lösungen, die mit der Grammatik vereinbar und nicht lächerlich wirken“ als geeignet an, um die Emanzipation der Frau* in der Sprache voranzutreiben.

Während bei uns noch diskutiert wird, sind Großbritannien und Schweden noch ein Stückchen weiter

In der englischen Linguistik ist die Verwendung der geschlechtsneutralen Anrede „Mx.“ übrigens neben den herkömmlichen Bezeichnungen „Mr.“ und „Mrs.“ bereits gemäß dem „Oxford Dictionary“ erlaubt. Auch in Schweden wurden die Personalpronomen han (er), hon (sie) im Wörterbuch bereits um ein hen (geschlechtsneutral) ergänzt, das sich inzwischen auch in schwedischen Redewendungen etabliert hat, in dem das Geschlecht keine Rolle spielt.

Jedoch hat die von vielen im konservativen Spektrum als überhastig angesehene Eintragung des geschlechtsneutralen hen für eine Kontroverse gesorgt, was die Entscheidung des Rats für deutsche Rechtschreibung, eine Aufnahme des deutschen Gendersternchens nicht in den Duden aufzunehmen, umso nachvollziehbarer macht, um die Gesellschaft nicht unnötig zu spalten. An dieser Stelle sei jedoch ausdrücklich erwähnt, dass es trotz der Aufnahme von hen ins schwedische Wörterbuch keinen faschistoiden Zwang zur Verwendung dieses neuen Pronomens gibt, was Rabotnik bei seiner Genderkritik gerne antifaktisch unterstellt.

Mit einem radikalen Gedanken von Lann Hornscheidt, der bis Ende 2016 an der Humboldt Universität zu Berlin auf dem Gebiet der Linguistik, Skandinavistik Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien forschte, möchte ich meine Rabotnik Kritik abrunden: Seiner Meinung nach sei es nur eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland ein geschlechtsneutrales Pronomen käme. Es sei lediglich eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland eine gesellschaftliche Mehrheit dafür vorhanden sei.

Tja, Rabotnik. Nimm es einfach hin, wie es ist, basierend auf einer Beschlusslage und Feststellung von Die PARTEI KV Rosenheim aus dem Jahr 2017: Die Zeiten gendern sich.

Beim Thema Gendern scheiden sich die Geister

View Results

Loading ... Loading ...