Die dünnbereifte Plage

Plage

Die Muskelfasern seiner sehnigen dürren Waden sind bis zum Zerreißen angespannt, während er in die Pedale tritt. Das, was die UV-Strahlung von seiner Visage noch übrig gelassen hat, ist hinter der Sonnenbrille zu einer verhärmten Grimasse verkrampft. Er sieht aus, wie ein in der prallen Mittagssonne schmorender Regenwurm auf dem Asphalt, dem jemand die Überreste eines geplatzten Kondoms übergestreift hat. Die Autoschlange, die er hinter sich her zieht, ist ihm ebenso gleichgültig, wie der gut ausgebaute Radweg, der einen Meter neben der Straße verläuft. Er hält sich für Lance Armstrong und ist in der Realität natürlich astronomisch weit davon entfernt. Gewissenlos übt dieses Musterbild der dünnbereiften Plage seine elitäre Freizeitbeschäftigung auf Kosten anderer Verkehrsteilnehmer aus und gefährdet sich dabei in einem Wahn aus neurotischer Obsession auch noch selbst.

Nahezu jeder kennt sie. Sobald es Frühling wird, fällt die dünnbereifte Plage wieder wie ein Stechmückenschwarm über Wanderwege und Landstraßen ein. Und jährlich scheinen es noch mehr zu werden. Deutlich erkennbar, in gekrümmter Haltung auf dünnbereiften Drahteseln strampelnd, die geplagten Körper mit lächerlich anmutenden Trikots überzogen. Besonders schnell sind sie dabei allerdings nicht, auch wenn sie sich krampfhaft bemühen, so zu wirken, als würden sie gerade ein Etappenrennen bestreiten. Denn im Gegensatz zu ihren großen Vorbildern, sind sie meist nicht bis in die Haarspitzen mit Substanzen aus der Dopingküche vollgepumpt. Sie trainieren sich lieber auf natürliche Weise in den körperlichen Abbau, sind dabei aber fest davon überzeugt, sie würden ihrer Gesundheit etwas Gutes tun. Ausgemergelte Gesichter, die wirken wie verschrumpelte Lederäpfel, sind nur eine der Folgen dieses infantilen Irrglaubens.

Kausaler Zusammenhang zwischen übermäßiger Sonneneinstrahlung und Zwangsneurose

Die Gehirne sind meist schnell unter der Schädeldecke von der Sonneneinstrahlung ausgekocht, deshalb sind von dieser Gattung auch keine allzu großen Denkleistungen zu erwarten. Macht man einen dieser Möchtegern-Rennradprofis auf sein Fehlverhalten aufmerksam, wird man umgehend von dessen mangelnden Fähigkeiten der Interaktion in Kenntnis gesetzt. Imbezil stammelnd wird er sich der Aufforderung widersetzen, anstatt der Straße doch den Fahrradweg zu benutzen, während das Jan-Ullrich-Trikot in den Farben der Deutschen Telekom straff über dem ausgedörrten Leib sitzt. Der aerodynamische Helm und die überdimensionale Sonnenbrille setzen der Lächerlichkeit dieser grenzdebilen Erscheinung die Krone auf. Mehr wie das Monster aus dem Film Die Fliege, als ein Mensch wirkend, muss man sich zwangsläufig fragen, aus welcher Art von Panoptikum diese bedauernswerten Gestalten wohl entflohen sein mögen.

Krankhaft starrsinnig sind sie stets davon überzeugt, im Recht zu sein. Aggressiv und jeder gesunden Argumentation entbehrend, werden von der Plage herbeifantasierte Privilegien bis aufs Blut verteidigt. Falls einer dieser Radwegverweigerer einmal unter die Räder kommt oder auf einer Frontscheibe zerplatzt, ist natürlich ausnahmslos der rücksichtslose Autofahrer schuld. Was müssen diese motorisierten Idioten auch innerhalb eines Straßennetzes unterwegs sein, dass zur ausgewiesenen Route der Tour de France erkoren wurde. Das Mitführen eines Insektenentferners zum Beseitigen der Überreste kolossaler Fliegen vom Lack, sowie gute Scheibenwischer, sollten daher Pflicht sein. Der im Todesfall zuständige Pathologe wird sich ohnehin fragen, ob das Opfer nicht lange vor dem Einschlag bereits tot war.

Die dünnbereifte Plage im obsessiven Leistungswahn

Aber auch auf allen anderen Wegen jenseits der Straße, trifft man auf diese geistig umnachteten Spinner, welche sich wahnwitzigen Ernstes für Leistungssportler halten. Was ihnen in die Quere kommt, wird in soziopathischer Weise beiseite gebrüllt, da man sich das Anbringen einer Klingel aus Gewichtsgründen erspart hat. Auch eine Beleuchtung wäre zu viel unnötiges Gewicht, aufgrund dessen keines dieser befremdlichen Gefährte dem Reglement der deutschen Straßenzulassung entspricht. Die gut anderthalb Kilogramm fehlende Gehirnmasse, wirken sich ebenfalls positiv auf die Leistungsbilanz aus. Kontrollen finden so gut wie nie statt, weshalb diese peinlichen Hofnarren auch absolute Narrenfreiheit genießen. So steht der Jagd nach dem Gelben Trikot nichts im Wege und der Siegerpokal des dünnbereiften Schwachmatentums rückt in greifbare Nähe.

Die dünnbereifte Plage

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