Die Karrierelüge

Karrierelüge

Gelangweilt scrolle ich durch die Stellenanzeigen eines lokalen Job-Portals. Mit schwer zu ertragenden Floskeln gespickt, werden von potenziellen Mitarbeiten unverhohlen Attribute wie Leidenschaft, Engagement, Motivation, Bereitschaft zu Überstunden und viele andere unsägliche Willfährigkeiten gefordert. Dazu soll der Arbeitnehmer noch jung, dynamisch, studiert, reisebereit und zugleich erfahren sein. Gute Umgangsformen und perfekte Englischkenntnisse bilden das Sahnehäubchen der dreisten Insistenz. Das Phrasenschwein ist kurz vor dem Platzen und lädt zu einer gepflegten Runde Bullshit-Bingo ein. Allerdings sind dies nur die äußerlichen Geschwüre, der im gesellschaftlichen Körper metastierenden Karrierelüge. Die sogenannte „Karriere“ nutzt nämlich vielen Institutionen, nur einem ganz bestimmt nicht: dem Angestellten selbst. Primär dient sie der Bereicherung von Unternehmen und Staatskasse, in dem sie Anreize dafür suggeriert, sich abzustrampeln.

Ähnlich einem Esel, dem man eine, an einer Rute hängende Karotte vor die Nase hält, beginnt der Ergebene, den überladenen Wagen der Arbeitsmaschinerie zu ziehen. Dieses Gespann wird ewig im Kreis laufen, sein Ziel jedoch niemals erreichen. Wer sich stets engagiert und viel arbeitet, der könne es zu etwas bringen, wird erzählt. Soweit, so unwahr. Um die Karrierelüge in den Köpfen der Menschen zu manifestieren, hat man über Jahrzehnte hinweg ein ausgeklügeltes Netz der Indoktrination geschaffen. Bereits in der Schule wird diese faktische Unwahrheit in die noch formbaren Gehirne der Kleinsten gepflanzt. In größten Teilen der Gesellschaft scheint diese Art der Gehirnwäsche auch fabelhaft zu funktionieren. Sie schafft die Grundlage für immer neues arbeitsfrivoles Menschenmaterial. Rational ist es nicht zu erklären warum ein geistig gesunder Mensch mit Leidenschaft und Engagement für den Erfolg und die Träume eines anderen arbeiten sollte.

Das Unternehmen kann den Karrieremacher jederzeit entsorgen

Wer die nächste Karrierestufe erreicht, der hat in erster Linie Aussicht auf mehr Stress und mehr Verantwortung. Die dagegen unverhältnismäßig geringe Lohnsteigerung erwirbt der Knecht auf Kosten von Freizeit und Gesundheit. Die Hände reiben sich andere. Je mehr Kröten er verdient, desto höher fallen seine Abzüge aus. Wenn er Glück hat, dann bleiben etwas weniger als fünfzig Prozent der mickrigen Gehaltserhöhung in seinem Geldbeutel hängen. Natürlich liefert das System auch gleich eine Patentlösung dafür mit, was mit dem erwirtschafteten Mehreinkommen passieren soll. Dieses muss mittels künstlich geschaffener Konsumbedürfnisse umgehend wieder dem alles verzehrenden Wirtschaftskreislauf zugeführt werden. Im Optimalfall lässt sich der ambitionierte moderne Sklave, dank niedriger Zinsen, scheinbar sicherem Job und stabiler Karriereleiter, dazu hinreißen, eine Immobilie zu erwerben und einen fetten Lebensstandard zu führen.

Karrierelüge
Je höher man die Leiter erklimmt, desto tiefer wird der Sturz. Manche erholen sich nie.

Ohne sein Verderben zu erkennen, stürzt er sich blindlings in die Schuldenfalle und ist somit endgültig dem Joch des modernen Sklaventums ausgeliefert. Er wird sich die Hacken wund laufen und immer tiefer in die Fänge des Monsters geraten. Dass dieser perfide Plan des Systems hervorragend funktioniert, zeigt sich immer wieder. Die Karriere ist wie eine lange Leiter, bei der die Stufen dünner werden, je höher man sie erklimmt. Bricht eine dieser Stufen bei Erreichen, folgt ein tiefer und schmerzhafter Absturz. Irgendwann wird der vermeintliche Karrieremacher zwangsläufig feststellen, dass ihm nichts bleibt; abgesehen von einem Burn-out, einer gescheiterten Ehe, einem Haufen Schulden und einer Rente, von der kein Mensch leben kann. Dabei verdient haben andere: das Unternehmen und der Staat. Und das nicht zu knapp.

Das ausgezehrte Wrack des einstig hoch motivierten und hoffnungsvollen Mitarbeiters landet bestenfalls auf der Müllhalde des deutschen Sozialsystems oder darf sein Gnadenbrot in einem unterbezahlten Hilfsjob fristen.

Risiko und Kosten für Arbeitswege trägt allein der Angestellte

So betrachtet ist es ratsam, stupiden Dienst nach Vorschrift zu machen, Verantwortung fernzuhalten und Überstunden tunlichst zu vermeiden. Dank oder Anerkennung dafür wird man ohnehin nie in gegebenem Maße ernten. Als selbstverständlich wird es ebenfalls hingenommen, dass der, der Karrierelüge aufsitzende Knecht, die Zeit und die Kosten für Arbeitswege und Wohnortwechsel zu einhundert Prozent selbst trägt. Normalerweise müssten die Unternehmen dazu verdonnert werden, für alle anfallenden Fahrt- und Umzugskosten ihres Personals aufkommen zu müssen. Die anfallende Zeit für das Zurücklegen von Arbeitswegen, sollte ausnahmslos als Arbeitszeit angerechnet werden. Überstunden müssten komplett in Freizeit umwandelbar oder steuerfrei ausbezahlbar sein. Natürlich werden derartige sozialgerechte Ideen von oberster Ebene sofort der Lächerlichkeit preisgegeben.

Karrierelüge
Nicht der Mensch, sondern nur das Geld zählt. Die Gefahr, unter die Räder zu kommen, ist groß.

Über diese Tatsache hinwegtäuschen können auch keine fadenscheinigen Steuererstattungen, die in der Realität nicht einmal ein Viertel der tatsächlich anfallenden Kosten decken. Ehrliche Arbeit lohnt sich in dieser verkommenen Struktur schon lange nicht mehr. Am besten kommt weg, wer faul ist, sich dumm stellt, oft krank macht und betrügt, wo es nur geht. Aber anstatt den Kern des Problems zu erkennen und dem marodierenden, asozialen Wirtschaftskonglomerat einen Riegel vorzuschieben, versucht man in stumpfer Weise lediglich, die Symptome dieser ätzenden Krankheit zu bekämpfen. Das begründet, warum ständig neue Behörden geschaffen werden, die mit allen Mitteln versuchen, im Kampf gegen Schwarzarbeit und ähnlichen erdachten Schwerstverbrechen, aufsässige Bürger zu gängeln. Ebenfalls beliebt scheint die Mär vom sogenannten Fachkräftemangel.

Der Fachkräftemangel ist ein selbstgeschaffenes Problem der Wirtschaft

Von diesen Fachkräften gäbe es genügend, nur angemessen bezahlen will sie niemand. Ein hoch qualifizierter Arbeitnehmer, der für den Lohn eines Hilfsarbeiters malocht, scheint das neue erklärte Optimum zu sein. Lächerliche Einstiegsgehälter werden dann gerne mit der Chance auf eine etwaige Karriere gerechtfertigt. Neuerdings wird auch verstärkt nach Volontären und Praktikanten gesucht. Leute, die dämlich genug sind, ihre wertvolle Lebenszeit für Lau zu verschleudern und ganz umsonst in die Tasche irgendeines Ausbeuters zu wirtschaften. Natürlich alles im Sinne der Karrierelüge. Ebenfalls beliebt sind Teilzeitmodelle, wodurch man dem Mitarbeiter mit großzügiger Geste gestattet, die wöchentlichen Arbeitsstunden zu reduzieren. Die Menge der anfallenden Aufgaben bleibt hingegen gleich und muss nun in weniger Zeit bewältigt werden; gegen ein geringeres Gehalt, versteht sich.

Karrierelüge
Wenn der Herr das Stöckchen wirft, soll das Karrierehündchen freudig losrennen.

Ein Modell, welches vollumfänglich im Interesse des seelenfressenden und postmodernen Wachstumskapitalismus arbeitet. Junge Menschen haben hierzulande mittlerweile düstere Perspektiven. Sie dürfen für ein System buckeln, in dem die Politik vor Jahrzehnten versäumt hat, die Notbremse zu ziehen. Ein System, in dem es immer weniger Einzahler und immer mehr Nutznießer gibt. Wer schlau ist, wird zum Nutznießer, solange es noch etwas zu holen gibt. Oder er erlernt eine Fremdsprache und verdünnisiert sich schnellstmöglich von dem s(t)inkenden Schiff. Die oftmals unter patriotischem Stolz beworbene deutsche Wirtschaftsmacht fordert ihren Tribut und die Opferzahl steigt täglich. Wer nicht mitmacht, kommt unter die Räder, wer mitmacht, der verendet qualvoll im Hamsterrad. Jüngst geistert ein neues Schreckgespenst durch die Medien: das Bedingungslose Grundeinkommen. Alleine die Erwähnung dieses Begriffs muss zu unmittelbarem Blutstau in den Führungsetagen führen.

Das Bedingungslose Grundeinkommen könnte dazu beitragen, die Karrierelüge zu entlarven

Die Nutznießer der modernen Sklavenhaltung protestieren natürlich bereits im Vorfeld lautstark dagegen, denn sie sehen ihre Felle davon schwimmen. Die Einführung einer solchen Leistung würde das Machtgefüge von den Lehensherren in Richtung der Untertanen verlagern. Das kostengünstige Propagieren einer Karrierelüge würde dann wohl kaum noch als Triebkraft zur Mitarbeitergewinnung ausreichen. Man wäre angewiesen, neue Wege zu gehen und einzusehen, dass man seinen Arbeitern nun auf Augenhöhe begegnen und diese als selbstbestimmte Individuen respektieren müsste. Es wäre dann kaum noch möglich, unter dem schamlosen Ausnutzen finanzieller Not, seine Untergebenen mit menschenunwürdigen Methoden zu peinigen und ihnen seine inkompetenten Entscheidungen aufzuzwingen. Zumindest nicht, ohne eine Konsequenz daraus befürchten zu müssen.

Angestellte wären dann viel mehr Partner, deren Engagement man würdigen müsste. Ein Albtraum für jeden eingefleischten Kapitalisten. Das arbeitende Volk nicht mehr nach Gutdünken wie ein willenloses Stück Vieh behandeln zu können, würde vermutlich die einzig zum Selbstzweck rudimentär ausgeprägte Sozialkompetenz dieser Psychopathen sprengen. Auch wenn das Bedingungslose Grundeinkommen in einem derart maroden Staat die Frage der Finanzierbarkeit aufwirft, bleibt die Karriere doch eine große und schmutzige Lüge.

Weiterführender Artikel: Die Karrieristen vom Dienst

Auch interessant: Feierabend! Mythen der Arbeitswelt – Die Wichtigkeits-Lüge

Meinung zum Thema Karrierelüge

View Results

Loading ... Loading ...