Die Karrieristen vom Dienst

Karrieristen

Ein Kollege steht in meinem Büro und beklagt sich bereits innerlich zitternd über die Tatsache, nun aufgrund eines speziellen Ersuchens einen Anruf tätigen müssen. Mit dem Anzurufenden sei nicht gut Kirschen essen, noch dazu bekleide dieser eine wichtige Position innerhalb seines Unternehmens. Mir schwant, um welche Art von Charakter es sich handelt. Jeder, der schon einmal innerhalb der Knechtschaft des kapitalistischen Molochs „freier“ Marktwirtschaft gedient hat, machte früher oder später wider Willen die Bekanntschaft mit einem derartigen Individuum. Oft sind sie überaus respektiert, gar gefürchtet. Leiden kann sie jedoch niemand. Es ist die Rede vom klassischen Karrieristen. Mit völlig übersteigertem Selbstbewusstsein und einer guten Portion krankhafter Megalomanie, hat er, über die Gebeine der Schwächeren hinweg, die Karriereleiter erklommen.

Karrierist
Der Karrierist ist nur eine Schachfigur, die im Zuge einer strategischen Entscheidung auch gerne mal geopfert wird.

Oder aber er schritt über die Köpfe derer, die ihm und seinem wahnhaften Fortkommenstrieb, zu Recht, mit Gleichgültigkeit begegneten. Nun, hoch oben auf seinem Thron sitzend, labt er sich an seiner vermeintlichen Macht und lässt seine Mitmenschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit gefallsüchtig wissen, dass er es zu etwas gebracht hat. Ob als Geschäftsführer, Abteilungsleiter oder sonst irgendeiner Form von überkandidelter Leiterschaft, fordert er von niederen Bediensteten und externen Bittstellern stets in narzisstischem Ansinnen ein, dass ihm höchster Respekt gezollt werde. Um seine aufgeblasene Dünkelhaftigkeit auch nach außen hin zu unterstreichen, steht dem Karrieristen eine ganze Litanei an snobistisch anmutenden Anglizismen zur Verfügung. Affige Bezeichnungen wie Head of Office, Senior Associate Consultant oder Manager of Whatever bilden den Gipfel der offenkundigen Selbstgefälligkeit.

Die Karrieristen sind Opfer ihrer eigenen Ideologie

Selbsterklärend sind die Angehörigen dieses Typus Mensch für meine Wenigkeit völlig unbedeutend. Was der Karrieremacher für ein toller Hecht ist und wie er an seine von Eitelkeit geschwängerte Position gelangte, ist mir, gelinde gesagt, völlig egal. Wie ich ist er nur ein Zahnrädchen im großen Getriebe und jederzeit ersetzbar, auch wenn er sich freilich in durch Unabkömmlichkeit begründeter Sicherheit wiegt. Seine ruhmreichen Auszeichnungen kann er sich gerne über das Bett hängen und sich an deren ejakulatstimulierenden Anblick ergötzen, solange er mich nicht damit behelligt. Ein weiser Mentor sagte mir einst, man müsse sich den Drachen zum Freund machen. Man kann sich diese Methode durchaus zunutze machen und damit erfolgreich sein, muss man aber nicht.

Karrieristen
So will man sie uns verkaufen, die strahlende Karriere. Wer das glaubt, der glaubt vermutlich auch an den Weihnachtsmann.

Gelegentlich kommt man nicht umhin, einen verstiegenen Karrieristen mit der bitteren Wahrheit zu konfrontieren. Immerhin war dieser dumm genug, sich gegen ein geringes Mehrgehalt, eine mit unverhältnismäßig höherer Verantwortung bestückte Position aufbürden zu lassen. Und das auch noch für ein Unternehmen, welches im gar nicht gehört. Als Bittsteller fungierend, lasse ich ihn gerne wissen, dass es mir vollkommen gleichgültig ist, ob er meinem Ersuchen nun freiwillig nachkomme oder nicht. Schließlich sind es nicht meine Interessen, die ich vertrete, aber dafür seine Existenz, die am seidenen Faden hängt. Denn im Gegensatz zu ihm reicht mir ein mittelmäßig dotierter Teilzeitjob ohne viel Verantwortung locker zum Leben. Um diese Tatsache Kraft seines farblosen Verstandes erfassen zu können, steckt er natürlich bereits viel zu tief im Sumpf des materialistischen und von Verbindlichkeiten durchtränkten Konsumwahns fest.

Demonstrative Nichtachtung seiner beruflichen Leistungen ist für den Karrieristen unerträglich

Lautstarke Proteste bezüglich meiner anmaßenden Nichtachtung lasse ich stets routiniert an mir abprallen und langwierige Diskussionen sitze ich einfach aus. Polarisierend zu dieser chronisch gestressten Person habe ich Zeit und werde dafür bezahlt, diese gediegen abzusitzen. Schaffe ich mein Tagespensum, ist es gut, wenn nicht, ist es mir ebenso recht. Schließlich lasse ich mir ja auch meine Expertise bezahlen. Etwaige Entscheidungen, die mit Verantwortung verbunden wären, gebe ich ohne zu zögern nach oben ab. Die schlaue Gabe, sich dumm zu stellen, ist eben nicht jedermann zuteil und wird von mir schamlos ausgenutzt. Meiner möglichen Entsorgung sehe ich stets gelassen entgegen. Denn wer einen bescheidenen Lebensstil führt, ist weniger erpressbar. Dies bekommen auch jene Karrieristen regelmäßig zu spüren, die mir Gegenüber gerne als Vorgesetzte in Erscheinung treten.

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Oftmals endet die Karriereleiter im Nichts.

Mit stoischer Ruhe lasse ich diese exaltierten Hektiker ins Leere laufen und sie wissen, dass sie ihren Stress doch gerne für sich behalten dürfen. Schließlich ist es ihrer und nicht meiner. Meine diesbezügliche Entspanntheit lässt mich erahnen, welch schwerer Behinderungsgrad so ein angeborener Geltungstrieb wohl darstellen muss. Während der Head of Office aufdringlich neben mir steht und heiße Luft produziert, blicke ich abgebrüht aus dem Fenster und freue mich auf den nahenden Feierabend. Der geneigte Karrierist hingegen kann davon nur träumen, ist er doch aufgrund seiner selbst geschaffenen Realität immer im Dienst. Da ist auch der finanzielle Mehrgewinn nichts wert, wenn dieser mit gedanklicher Inhaftierung und permanenter Verfügbarkeit einhergeht. Im Grunde sind sie doch arme Schweine, diese Karrieristen. Kein Wunder also, dass sie keinen Anlass versäumen, sich mit ihrem beruflichen Erfolg zu profilieren.

Der klassische Karrierist überschätzt seine eigene Bedeutung maßlos

Nachdem sie ihre Lebenszeit viel zu billig und im Übermaß an die Eigner der Knochenmühlen verschleudern, bleibt ihnen auch nicht viel mehr. Ihre eigene Unbedeutsamkeit verkennen sie dabei jedoch maßlos. Wichtige Personen in bedeutsamen Stellungen sind, wenn überhaupt, Altenpfleger, Rettungssanitäter, Feuerwehrmänner oder Sozialarbeiter, aber sicher keine schlipstragenden und unmaßgeblichen Sesselfurzer, die in irgendeinem Wirtschaftsunternehmen eine Nummer haben. Der gesellschaftliche Mehrwert solcher selbstglorifizierenden Dünkel geht gegen null. Anstatt der erhofften Anerkennung in Anbetracht seiner unermesslich steilen Erwerbsbiografie, erntet der durchschnittliche Karrierist daher nur mein tiefstes Mitgefühl.

Weiterführend zu diesem Thema, empfehle ich die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Heinrich Böll (Hier klicken) oder den Artikel Die Karrierelüge.

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