Die Macht des Wortes

Die Macht des Wortes

Eine fiktive Geschichte zur Macht des Wortes

Der Schweiß steht mir auf der Stirn. Ich blicke aus dem Fenster meiner Großstadtwohnung im vierten Stock. Es ist schwül und stickig, am Himmel verdichten sich die Wolken zu einer dunklen, unheilvoll wirkenden Masse. Noch unheilvoller wirkt die Pfütze getrockneten Blutes, welche sich auf dem gepflasterten Boden des Platzes, vor einem der Geschäfte abhebt. Rostbraun und erschreckend unauffällig scheint sie darauf zu warten, vom nahenden Regen weggespült zu werden. Die letzte sichtbare Erinnerung an das Geschehene wird somit alsbald verblassen und das Grauen wird nur noch in den Köpfen der Zeugen weiter existieren. Menschentrauben ziehen vorbei, achtlos, ohne vom Zeugnis des Schreckens Kenntnis zu nehmen.

Jeder wirkt beschäftigt, strebsam, scheint ein Ziel vor Augen zu haben. Unsere aufstrebende Industrienation befindet sich im Umbruch. Es herrscht nahezu Vollbeschäftigung und innerhalb der Gesellschaft erstarkt eine neu definierte nationale Identität. Endlich sitzt im Parlament eine Partei, die sich den Interessen der kleinen Leute zu widmen scheint. Eine Partei für das deutsche Volk. Die Aufbruchstimmung liegt wie ein Schleier über dem Land, welches sich nach dem letzten Krieg wie ein Phönix aus der Asche erhob. Ich drehe mich um und setze mich zurück an meinen Schreibtisch, der alte Stuhl quittiert dies mit einem metallischen Ächzen. Ich tippe weiter. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich nutze die letzte Macht, die mir als Einzelnem bleibt. Die Macht des Wortes.

Sie ist ungebrochen, stärker als jedes Gewehr, stärker als jeder Panzer, stärker als jede Armee. Jeder Anschlag hallt beim Tippen in der Leere des Raumes wieder. Unter mir herrscht gespenstische Stille, kein musizieren mehr, kein Laut. Letzte Woche haben sie ihn abgeholt. Einige Leute sagten, er sei psychisch krank gewesen. Andere behaupteten, er sei eine drohende Gefahr gewesen. Unter seinen verzweifelten Schreien haben sie ihn gewaltsam aus der Wohnung gezerrt, ein ganzer Trupp. Seitdem hat ihn niemand mehr gesehen. Schon bald werden sie auch vor meiner Tür stehen, denn sie fürchten die Macht des Wortes. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und vertiefe mich in meinen Text. Ein fernes Donnergrollen erschüttert die Stille.

Ich leiste Widerstand, kämpfe für die Freiheit, setzte mich für die Aufrechterhaltung der Errungenschaften demokratischen Handelns ein. Ich erlaube mir, jene zu kritisieren, die nicht kritisiert werden wollen. Auch ich bin eine drohende Gefahr für diejenigen, die ihre Macht manifestieren wollen. Meine Macht des Wortes kann sich multiplizieren, sie schwächen, unzählige Menschen erreichen. Mein Unterbewusstsein vernimmt bereits die schnellen und schweren Schritte, welche im Treppenhaus widerhallen, lange bevor ich imstande bin, sie zu realisieren. Sie sind hier. Laut hämmert es an der Tür. Eine dunkle Stimme dringt durch das Holz, befielt mir aufzumachen. Vehement, fordernd, kalt. Mein Blick richtet sich nach draußen. Es hat angefangen zu regnen und ein angenehmer, kühlender Wind weht zum offenen Fenster herein.

Ich bin vorbereitet. Es ist Zeit aufzubrechen.

Und nun die Frage an den geneigten Leser:

In welchem Jahr spielt die Geschichte?

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