Gaulands Vogelschiss

Vogelschiss

Bekanntlich wiegt sich die AfD gerne in der Opferrolle der ewig zu Unrecht am Pranger stehenden Partei. Allerdings wird hierbei meist übersehen, dass die AfD überhaupt niemand an den Pranger stellen muss. Das erledigt sie nämlich permanent selbst. Mit unbedachten Äußerungen, misslungenen Provokationen, deplatzierten Vergleichen und der Rhetorik eines volltrunkenen Braukutschers am Stammtisch, lässt diese völkische Partei keine Gelegenheit aus, sich selbst immer weiter in die Bredouille zu bringen. Je mehr sie versucht, ihre braune Seele zu leugnen, umso stärker sticht diese hervor. Das ist ungefähr so, als würde man versuchen, Hundescheiße mit Jauche abzuwaschen. So passt auch wieder die jüngste verbale Vogelschiss-Entgleisung des Gauleiters ins gewohnte Bild.

Diesen überaus unrühmlichen und peinlichen Auftritt hätte er sich selbst und seiner Partei allerdings leicht ersparen können, hätte er doch zur Abwechslung nur im Vorfeld einmal darüber nachgedacht, was er da so von sich zu geben gedenkt. Bemerkenswert ist hierbei vor allem, dass die AfD-Riege immer wieder in der gleichen plumpen Weise über ihre eigenen Füße zu fallen scheint und sich darüber hinaus nicht im Geringsten als lernfähig erweist. Als könnte es sich eine Partei, die mit mehr als 12 % im Bundestag vertreten ist, nicht leisten, ihre führenden Köpfe einmal auf eine Rhetorik-Schulung oder ein Coaching zu schicken. Als Erklärungsversuch bleibt also entweder nur die blanke Dummheit oder aber gezielte Methode.

Ich wage die These, Ersteres auszuschließen, da der werte Herr Dr. Gauland unter anderem nicht nur ein promovierter Jurist ist, sondern darüber hinaus auch noch Studiengänge in Geschichte und Politikwissenschaften nachzuweisen hat. Daraus ist zu folgern, dass er genau weiß was er da von sich gibt und es sich somit um ein reines Kalkül handelt. Dabei wollte er der geschundenen germanischen Volksseele doch nur die ewige Last der jüngsten deutschen Geschichte von den Schultern nehmen. Eine Last, welche allerdings nur in den Kreisen der AfD negativ behaftet zu sein scheint. Ein durchschnittlich gebildeter Deutscher mit gesundem Selbstbewusstsein und einem intakten sozialen Umfeld, ist sich der historischen Verantwortung seiner Nation bewusst und stört sich nicht daran.

Er weiß, dass ihm niemand eine Haftung für die Verbrechen früherer Generationen anlastet und empfindet auch durch die mahnende Worte, dass eine Wiederholung niemals stattfinden dürfe, keine angedichtete Erbschuld. Diese vermag nur der ewige Patriot zu verspüren, sich im Selbstmitleid der ewigen Benachteiligung suhlend und sich verzweifelt an einen verqueren und längst obsoleten Nationalstolz klammernd. Da ist die Rede eines Herrn Gauland, in welcher eine 12-jährige Ära, die insgesamt mehr als 50 Millionen Menschen das Leben kostete, kurzerhand als Vogelschiss deklariert wird, doch wie Balsam auf das chronisch gekränkte Ego. Ein echter Gauleiter will schließlich halten, was er seinen Wählern versprochen hat, sich aber zugleich als gesellschaftskonformer, demokratischer und gemeinverträglicher Politiker inszenieren.

Deshalb folgt nun, wie gewohnt, die zweite Stufe der rechtspopulistischen Müllverbreitungs-Recyclingmaschinerie: Die Relativierung der eigenen Aussage, in dem man sich darauf beruft, falsch verstanden worden zu sein. So sei der Vogelschiss aus dem Kontext gerissen und völlig falsch interpretiert worden. Hierfür tritt nun Gaulands Kollege Meuthen in Erscheinung, welcher sich öffentlichkeitswirksam von dessen Aussage distanziert, sie aber zugleich zu relativieren versucht. Das ganze Spiel ist bereits mehr als abgedroschen und erinnert mehr an guter Bulle – böser Bulle als an seriöse Politik. Der Vogelschiss sei „in der Tat ausgesprochen unglücklich und die Wortwahl unangemessen“ gewählt gewesen. Nur dass dies der Gauleiter bereits wusste, bevor er seine ahistorische Rede hielt.

Zur instrumentalen Untermalung von Meuthens fadenscheiniger Pseudo-Pflicht-Entschuldigung windet sich Gauland in einer persönlichen Erklärung wie eine Schlange, von Reue keine Spur. Meuthen hingegen beruft sich auf folgende Aussage: „Im Kontext seiner Rede wird jedoch vollkommen deutlich, dass er dort in gar keiner Weise die entsetzlichen Gräueltaten der Nazizeit verharmlost oder relativiert hat, wie ihm nun reflexartig unterstellt wird.“ Seltsam nur, dass dies scheinbar der Großteil der deutschen Muttersprachler anders zu interpretieren scheint. Darüber hinaus handelt es sich nur um konformes Geschwafel, nichts davon ist wirklich ernst gemeint. Spätestens bei der „reflexartigen Unterstellung“ wird klar, dass man es nur wieder mit dem üblichen platten AfD-Jargon zu tun hat. Während man noch dabei ist, eine rechtsradikale Aussage zu relativieren, beißt man zugleich präventiv gegen die Kritiker dieser pietätlosen Verhöhnung von NS-Opfern.

Aber bei der nächsten glorreichen Rede wird ohnehin wieder alles vergessen sein. Eine weitere Auffälligkeit im Sprachjargon der AfD ist der ständige Verweis auf die berühmten 1000 Jahre. Bereits im Jahr 2015 gab Björn Höcke auf einer Demo Folgendes zum Besten: „Thüringer! Deutsche! 3.000 Jahre Europa. 1.000 Jahre Deutschland; ich gebe euch nicht her!“. Kurz darauf setzte er bei einer Kundgebung nach: „Ich will, dass Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit hat. Ich will, dass Deutschland auch eine tausendjährige Zukunft hat“. Im Jahr 2017 folgte dann Höckes berühmte Verunglimpfung des berliner Holocaust-Denkmals als „Denkmal der Schande“. Und nun setzt Gauland, in seinem Wahn krankhafter Geschichtsvergessenheit noch einen Haufen Fäkalien oben drauf, mit seinem „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“.

Die Liste an entlarvenden Aussagen dieser ewiggestrigen Partei, ließe sich noch beliebig fortsetzen. Natürlich ist dies jedoch alles als reiner Zufall zu werten und es handelt sich in allen Aussagen nur um eine unglückliche Wortwahl und reflexartige Unterstellungen durch böswillige, linksversiffte Lügenbarone. Auch, dass Adolf Hitler ein Tausendjähriges Reich errichten wollte, lässt hier selbstverständlich keinerlei rechten Zusammenhang erkennen und ist wohl in die Welt unglücklicher Fügungen einzuordnen. Vielleicht wäre es für die AfD nun endlich an der Zeit, sich offiziell zu ihrem tiefbraunen Kern zu bekennen, anstatt sich weiterhin würdelos zu winden, zu lamentieren und sich als die ewig Falschverstandenen zu inszenieren. Stattdessen muten sie wie ein jämmerlicher Haufen Hütchenspieler an, die man beim Betrügen erwischt hat und die trotzdem vehement behaupten, ehrliche und seriöse Geschäftsleute zu sein.

Vogelschiss
Beweisfoto: Die AfD hat tatsächlich nichts mit den Nationalsozialisten gemeinsam. Bildquelle: Luca Leitterstorf

Nachtrag zum Thema „tausendjähriger deutscher Erfolgsgeschichte“, ein guter Artikel aus dem Spiegel: Klick

Die AfD und ihr Vogelschiss

View Results

Loading ... Loading ...