Generation der Faulheit

Faulheit

Neben mangelhafter Ernährung, Rauchen und Alkohol, ist Bewegungsmangel eine der häufigsten Ursachen für Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, chronische Rückenschmerzen, Bluthochdruck, Diabetes mellitus und diverse Herzkrankheiten. Doch anstatt diesem besorgniserregenden Trend entgegenzuwirken, scheinen die Menschen nicht nur immer dümmer zu werden, sondern auch immer fauler. Das neu erstarkende Bedürfnis, sich nicht mehr motorisch betätigen zu müssen, bringt zwischenzeitlich gar groteske Auswüchse hervor. Selbst nur eine Taste mit dem Finger zu drücken oder einen Schalter zu betätigen, scheint vielen Leuten bereits zu anstrengend zu sein. So frönt man ausgiebig der pathologischen Faulheit und umgibt sich mit allerlei technischem Gedöns, das einem die schwere Arbeit abnehmen soll. Der neueste Schrei ist es, das Haus oder die Wohnung mit Sprachassistenten vollzustopfen.

„Alexa, mach das Licht an“, „Google, bestelle dies und jenes“, „Siri, drück die Spülung“. Der hochintelligente Kühlschrank bestellt ganz von selbst nach, wenn er merkt, dass etwas zur Neige geht. Dumm nur, dass man sich trotz wie von Zauberhand gefülltem Kühlschrank, noch selbst aus dem Sessel erheben muss, um sich daraus zu bedienen. Aber vielleicht gibt es ja bald kleine Alexa-Roboter, die einen bekochen, das Essen servieren und ihren Herren füttern. Immerhin, dem Boten die Tür zu öffnen, lässt sich bereits automatisieren. Jeder Handgriff und jeder Schritt sind zu viel. Selbst die Fernbedienung der Stereo-Anlage liegt derart schwer in der Hand, sodass man die komplexe Aufgabe der Regulierung der Lautstärke lieber verbal an seinen digitalen Sklaven delegiert. Gesunde Menschen mit intaktem Bewegungsapparat erklären sich im Angesicht ihrer eigenen Faulheit freiwillig zu Pflegefällen. Die lästigen Gänge vor die Tür werden mit dem E-Bike, dem Segway oder gleich im iRollstuhl erledigt. Was einem ALS-Patienten zum Fluch wird, erlebt als Lebensmodell geradezu eine Renaissance.

Stephen Hawking scheint nicht länger aufgrund seines phänomenalen Verstandes als Vorbild zu gelten, sondern vielmehr aufgrund der körperlichen Einschränkungen, an denen er zu Lebzeiten litt. Denn bald wird den Menschen selbst das Sprechen zu anstrengend sein. Ein Rollstuhl, welcher mittels Augenbewegung Befehle entgegennimmt, scheint in der Tat auch für Gesunde eine zukunftsträchtige und erstrebenswerte Errungenschaft zu sein. Auf den Straßen werden dann ohnehin nur noch autonom fahrende Fahrzeuge unterwegs sein. Man gibt Kontrolle, Verantwortung und Entscheidungsgewalt kurzerhand an Maschinen ab. Bei so viel technischem Fortschritt und komfortabler Assistenz drängt sich die Frage auf, wozu man überhaupt noch eine humanoide Lebensform benötigt. Durch den fortschreitenden Automatisierungswahn rationalisiert sich der Mensch schleichend selbst weg.

Die Bevölkerung der Zukunft wird somit regungslos im eigenen Fett liegen und sich von Siri und Co. den Hintern abwischen lassen. Die ersten Anzeichen sind bereits deutlich erkennbar. Selbst das eigenständige Denken wird mehr und mehr zur schier unzumutbaren Last. Würde man einen Jugendlichen bitten, etwas im Lexikon nachzuschlagen, würde dieser nach einem Anfall von Ratlosigkeit den Google-Assistenten seines Smartphones befragen, was denn ein Lexikon überhaupt sei. Der einstige Jäger und Sammler entfremdet sich seiner Natur vollständig, um der Faulheit Willen. Seinen Zenit offenbar überschritten, blickt der Mensch einer Zukunft der geistigen und körperlichen Rückentwicklung entgegen. Eine verkümmerte Muskulatur, poröser Knochenbau und ein schrumpfendes Gehirn werden die langfristige Folge dieses degenerierten Lebenswandels sein.

Die erfolgreiche Spezies, die einst den Planeten eroberte und mehr als 50 Kilometer am Tag zu Fuß zurücklegte, wird bald nur noch aus digitaldementen Bewegungslegasthenikern und nutzlosen Fleischklumpen bestehen. Ich persönlich habe kein Problem damit, einen Lichtschalter zu betätigen. Ich will keinen Sprachassistenten in meiner Wohnung, welcher permanent lauschend an der Decke hängt. Es ist mir nicht zu mühselig, ein paar Meter zu Fuß zurücklegen oder meinen Kühlschrank selbst zu befüllen. Es überfordert mich nicht, mein Fahrzeug selbst zu lenken, ohne Spurassistenten, Abstandsassistenten und Denkassistenten. Die Entscheidung, ob ich nun bremse, ausweiche oder beschleunige, treffe ich selbst. Es kostet mich nicht die letzte Kraft, eine Fernbedienung, eine Maus oder eine Tastatur zu benutzen.

Ich will nicht außer Acht lassen, dass die eine oder andere technische Neuerung durchaus sinnvoll sein kann und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen das Leben erleichtert. Solange ich jedoch gesund bin, will ich das tun, was einen Menschen ausmacht: selbst denken, selbst handeln, selbst leben. Ich weigere mich vehement, ein digitaler Pflegefall zu sein.

Tugendhafte Faulheit

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