Die Besprechung des Grauens

Besprechung

Teil 3 der Serie Alltag eines modernen Sklaven

Ein weiterer Bürotag ist angebrochen und nachdem ich mich einen Moment lang gefragt habe, wie ich heute eigentlich hier her gekommen bin, wage einen Blick aus dem Fenster. Vom Hund ist keine Spur zu sehen und der Himmel trägt sein übliches fahlgraues Kleid; wie sollte es auch anders sein. Zwischen mir und dem Fenster steht meine selbst gezogene Avocado in ihrer grünen Pracht und erinnert mich daran, dass es auf diesem Planeten auch sonnige Orte gibt. Ein Gedanke, den ich angesichts der heute anstehenden Besprechung, schnell wieder verwerfe. Von einem dieser sonnigen Orte stammt auch unsere Putzfrau, die Mörderin meiner zweiten Avocado. Als ich eines schönen Tages aus meinem wohlverdienten Urlaub zurückkehrte, fand ich sie, verkümmert und sterbend in ihrem bis zum Rand mit Wasser gefüllten Topf vor. Jemand hatte sie ertränkt und schnell machte ich den Übeltäter ausfindig.

Besser gesagt, die Übeltäterin. Unser Verhältnis ist seitdem schwer belastet. Ich kann nicht über meinen Schatten springen und ihr vergeben, dass sie mein Kind auf dem Gewissen hat. Erschwerend kommt hinzu, dass ich bis heute keine plausible Begründung für diesen Akt der mangelnden Intelligenz erhalten habe. Keinen grünen Daumen zu haben ist eine Sache, überschüssiges Putzwasser in Pflanzentöpfe zu kippen, eine andere. Vorsorglich habe ich die überlebende Pflanze und Zeugin der Sünde mittels Etikettierungsgerät mit dem Hinweis »Non annaffiare« versehen. Eine eindeutige Botschaft, die selbst der Minderbegabteste verstehen sollte, sofern er des Italienischen mächtig ist. Doch die Trauerzeit ist vorüber und ich bin mental wieder gefestigt, sodass ich mich voller Energie und Leidenschaft meinen Aufgaben zuwenden kann.

Auf Anweisung meines Chefs versende ich per E-Mail die Einladung zur wöchentlichen Besprechung und zerschmettere damit die Hoffnung aller Geladenen, der Marter zu entrinnen. Manchmal frage ich mich, ob sie mich dafür hassen, wenngleich ich nur als ausführendes Organ im Rahmen meiner Knechtschaft agiere. Ich bringe das dazugehörige Zeugnis der Indolenz auf den neuesten Stand, um es im Anschluss daran auszudrucken. Von allen technischen Geräten, die ich nicht ausstehen kann, gebührt meine größte Verachtung den Druckern. Geräte, die grundsätzlich dazu konzipiert wurden, zu versagen, wenn man sie braucht. Im Flur vor meinem Büro steht ein ganz besonderes Exemplar. Ein erschreckendes Beispiel für den Bodensatz asiatischer Ingenieurskunst. Gibt man den Befehl zum Drucken, so besteht eine Chance von fünfzig Prozent, dass dieser tatsächlich ausgeführt wird.

Für die anderen fünfzig Prozent, die sich bereits im Vorfeld mit einem penetranten Piepkonzert ankündigen, steht ein umfangreiches Repertoire an dünnbeinigen Argumenten der Befehlsverweigerung zur Verfügung. Sollte er das Papier einmal anstandslos einziehen und dann auch noch ohne Stau durch sich hindurchbefördern, ist eine der vier Tonerkartuschen ganz bestimmt leer. Für den Fall, dass diese erst kürzlich erneuert wurden, gibt es immer noch den Resttonerbehälter, der umgehend ausgetauscht werden muss. Andernfalls erscheint mit hoher Wahrscheinlichkeit die Meldung »Toner zuführen« auf dem Display und man weiß, dass man die nächste halbe Stunde auf seinen Ausdruck warten kann, der schließlich bis zur Unkenntlichkeit verschmiert ausgeworfen wird. Manchmal bedaure ich es sehr, dass technische Geräte keine Schmerzen empfinden können.

Ich würde innerhalb kürzester Zeit zum Foltermeister avancieren und hätte vermutlich auch noch Spaß dabei. Aber hier denkt man ökonomisch und spart nicht nur beim Personal, sondern auch am Equipment. Ich nenne es Konsequenz, ein Zustand, der an diesem Ort absoluten Seltenheitswert genießt. Wider Erwarten habe ich an diesem Tag Glück und erfahre keine Erniedrigung durch die Unzulänglichkeit dieses erbärmlichen Schrotthaufens. Ein Erfolgserlebnis so überraschend, dass es mich fast aus der Bahn wirft. Die Freude verfliegt allerdings schnell, als mir wieder bewusst wird, was ich da gerade zu Papier gebracht habe. Ich halte das Gesprächsprotokoll für die anstehende Besprechung in meinen Händen und werfe einen Blick auf die Uhr. Von all der wöchentlich verprassten Lebenszeit steht mir nun die dunkelste Stunde bevor.

Die Uhr tickt und vor meinem geistigen Auge sehe ich bereits meine Kollegen, wie sie verzweifelt nach einer Möglichkeit suchen, den Gipfel der Verelendung zu umschiffen. Doch es gibt kein Entkommen, wer geladen ist, der hat keine Wahl. Vergleichen kann man das in etwa mit einer Gazelle, der im Schlund eines Krokodils hängend, die Todesrolle zuteilwird. Anfänglich gab es Fluchtversuche einiger Kollegen, denen jedoch mittels ausgeklügelter Mechanismen Einhalt geboten wurde. So wurde beispielsweise der spontane Dienstausflug einer armen Seele zum
Anlass gereicht, das allseits beliebte Event spontan zeitlich nach hinten zu verschieben. Für den ahnungslosen und sich freudig in Sicherheit wähnenden Rückkehrenden eine bittere Erfahrung. Die Uhr schlägt elf. Gesenkten Hauptes und schleppenden Schrittes bewegt sich die Dienerschaft in Richtung Konferenzraum.

Nachdem alle brav ihre Plätze eingenommen haben, eröffnet der Machthaber die Runde mit einem höchstinteressanten Fachthema, das neben ihm selbst, genau eine weitere Person im Raum betrifft. Während der nächsten halben Stunde schalten die verbliebenen acht Personen inklusive mir bereits auf Durchzug. Natürlich geht niemand das Risiko ein, aufzubegehren, da er andernfalls mit einer Schelte zu rechnen hätte, die erfahrungsgemäß infantile Züge annehmen kann. Endlich widmet man sich dem Protokoll und erbarmt sich derer, die auf Behandlung der wesentlichen Themen hoffen. Wer bis hierhin glaubt, jetzt fände eine effiziente Abarbeitung dieser statt, dem sei jegliche Illusion genommen. Worte, zäh wie Kaugummi, wabern durch Luft und ein Pleonasmus jagt den Nächsten.

Gesprächspunkte, die man mit wenigen Sätzen abhandeln könnte, werden bis in die Unsäglichkeit ausgedehnt. Ein Thema gleich zu Anfang der langen Liste, bohrt sich nach dem Einwand einer Kollegin wie ein Widerhaken ins Fleisch der Rädelsführer. Es wird geschwafelt, was das Zeug hält; ohne ein Wort zu sagen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe den Hund, welchen ich in diesem Augenblick beneide. Mein Blick wandert oberhalb des Gartenzauns in die Ferne, über ein großes Feld und das dahinterliegende Gehöft, dessen riesiges Dach mit einer monströsen Anzahl an Solarpaneelen bestückt ist. Ich beginne, sie zu zählen; und es sind viele. Am Ende komme ich auf 584 Stück, bin mir aber nicht ganz sicher. Zwischenzeitlich sind weitere 20 Minuten ins Land gegangen und der Chef ist in dieser Zeit dreimal an dem Versuch gescheitert, das noch immer gleiche Thema auszugliedern; und palavert in ausschweifender Manier hemmungslos weiter.

Unter den schweigenden Zwangszuhörern wirft man sich Blicke zu, von Schwermut durchtränkt, wie ein Spiegel der Hoffnungslosigkeit im Sumpf der Verdummung. Ich fasse mir ein Herz. Desperat melde ich mich zu Wort und versuche mit Hinweis auf das Protokoll, der Qual ein Ende zu bereiten. Beinahe funktioniert es, doch das abermalige Insistieren eines unbeirrbaren Kollegen, treibt den fast entfernten Haken erneut ins Fleisch. Ich resigniere endgültig und beobachte einen meiner Leidensgenossen dabei, wie er gegen den Schlaf ankämpft. Während ich langsam das Gefühl für Zeit und Raum verliere, bedienen sich andere an den Tellern voll süßem Gebäck die auf dem Tisch verteilt stehen, als könne der Geschmack von Zucker etwas gegen den sich ausbreitenden Stumpfsinn ausrichten, der unseren Geist vergiftet.

Die Mittagspause rückt näher und man ist entgegen meiner Erwartung weiter vorangeschritten, ganze zwei Themen, allerdings befinden wir uns noch immer auf Seite eins. Das Protokoll, ein Inbegriff an Papierverschwendung, fasst insgesamt 13 Seiten; welch unheilvolle Zahl in diesem Zusammenhang. Ein Kollege, der einst den Dienstausflug als Fluchtversuch wagte, beginnt eine Diskussion mit dem Obersten, betreffend des zeitlichen Rahmens seiner Pflichten. Er versucht, ihm klarzumachen, dass der gesetzte Zeitrahmen in keinem Verhältnis zur Anzahl der gestellten Aufgaben steht. Als patenten Lösungsvorschlag des Despoten erhält er ein genervtes »dann muss das eben schneller gehen« zur Antwort. Der Mann weiß offensichtlich wie man Mitarbeiter motiviert und zugleich effektivst Ressourcen kontingentiert; eine Seele von Mensch und ein wahres Multitalent.

Ich hingegen bin erstaunt, wie es jemandem gelingen kann, den latenten Mangel an Führungsqualität und sozialer Kompetenz wöchentlich aufs Neue zu unterbieten. Nachdem der Delinquent angesichts dieser enorm lösungsorientierten Vorgehensweise verstummt ist, werden weitere Gesprächspunkte zu Brei parliert. Immerhin ist man nach knapp eineinhalb Stunden schon auf Seite zwei angelangt. Die drohende Mittagspause generiert etwas Zeitdruck und so versucht man nun, die verbliebenen Themen im Schnelldurchgang abzuhandeln; ein überaus gewohntes Muster. Als der Zeiger halb eins erreicht, beginnen einige unruhig auf ihren Gesäßen hin- und herzurutschen, aber es gehört zum guten Ton, die Zeit um mindestens weitere zehn Minuten zu überziehen. Endlich ist Erlösung in Sicht und ich mache ein innerliches Kreuzzeichen, obwohl ich überzeugter Atheist bin.

Als die Drangsal zu guter Letzt ein Ende findet, herrscht Aufbruchstimmung und für die Menge der Gepeinigten gibt es kein Halten mehr. Nach diesem surrealen Ausflug in die Traumwelt meines Lehnsherren, lande ich wieder in der Realität. Die Welt hat mich wieder und der Tag kann angesichts dieser notorisch gehaltlosen Besprechung des Grauens nur noch besser werden. Das ist und bleibt der große Vorteil daran, wenn auch der Einzige.

Avocado, Drucker und Besprechung

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