Im Reich der Magyaren

Magyaren

Viele Male habe ich es innerhalb des letzten Jahrzehnts bereist, das Land der Magyaren, in der Landessprache Magyarország genannt. Der im deutschen Sprachraum als Ungarn bekannte Staat, wird unter anderem auch als die Kornkammer Europas bezeichnet. Wenn man einmal dort war, dann weiß man auch warum. Sonnenblumenfelder, soweit das Auge reicht. Maisfelder von gigantischem Ausmaß. Äcker, auf denen Wassermelonen von einer Größe und Süße gedeihen, welche man in deutschen Supermärkten vergeblich sucht. Wenn man sich hinter Wien etwa 50 Kilometer östlich hält, dann passiert man die Grenze. Spätestens dort sollte man sich eine Matriza (Vignette) kaufen. Diese ist verhältnismäßig teuer, weswegen es viele Einheimische vorziehen, ausschließlich die überwiegend desolaten Landstraßen zu benutzen. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen eines Ungarn beträgt etwa ein Viertel des deutschen.

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Malerische Landschaften: Felder, soweit das Auge reicht.

Da überlegt es sich der Einheimische schon zweimal, ob er umgerechnet 13 Euro für eine 10-Tages-Vignette ausgibt. Für mich als Deutschen stellt sich die Frage nicht. Sprit ist etwa so teuer wie bei uns. Für mich also normal, für einen Magyaren das Vierfache. Bis Debrecen hab ich es mit dem Auto schon geschafft, mitten durch Budapest gekämpft, bis kurz vor die EU-Außengrenze zur Ukraine. Aber auch Rumänien ist dort nicht mehr weit weg. Wenn der Deutsche den Namen Ungarn hört, dann denkt er als erstes an den Balaton. Wenn er etwas belesener ist, dann fällt ihm vielleicht noch die Puszta ein. Der Plattensee hat mich herzlich wenig beeindruckt. Eine monströse Pfütze, bestehend aus trüber bräunlich-grüner Brühe, an der tiefsten Stelle beträgt die Distanz von der Wasseroberfläche bis zum Grund vier Meter. Um diese herum hat man versucht, das Ufer touristisch zu erschließen.

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Erschreckend unspektakulär: das Wahrzeichen Ungarns, der Plattensee.

In der kleinen Stadt Siofók reiht sich an der Prachtmeile in Richtung See, ein Hotel nach dem anderen auf. Der Ort ist auch bekannt als die Party-Hauptstadt am Balaton. Dazwischen findet man einen wilden Markt aus Ständen, Imbissbuden und Bars, die so zahlreich sind, dass man sie kaum zu beziffern vermag. Startet man von dort aus in Richtung Süden, springt einem bereits nach einigen wenigen Kilometern die blanke Armut ins Gesicht. Man befindet sich dann im Somogy Megye, besser bekannt als die Messerstecher-Provinz. Grüne Landschaften sucht man hier in heißen Sommern vergeblich, Häuser, bei denen der Putz nicht von den Wänden bröckelt, ebenfalls. Erschreckend ist die Anzahl an leer stehenden und verfallenden Gebäuden. Die Jungen zieht es in die Stadt, die Alten bleiben auf dem Land; wenn sie sterben oder nicht mehr in der Lage sind, sich zu kümmern, holt sich die Natur langsam ihr Revier zurück.

Magyaren
Die Natur holt sich ihres zurück.

Wer die Schönheit dieses Landes erkennen will, der muss in die Tiefe gehen. Sie liegt in der Gastfreundschaft und der herzlichen Art der Menschen, im Einfachen, in der reichhaltigen Küche, in der teils unberührten Flora- und Fauna, die trotz des Katzensprungs Entfernung doch bereits so ganz anders ist, als bei uns in Deutschland. Wildhunde, knallgrüne Äskulapnattern, die sich mit ihren bis zu zwei Metern Länge friedlich durch die Bäume schlängeln oder Falter, die so groß sein können, wie eine menschliche Hand. Gerade auf dem Land tickt die Uhr noch anders, sie läuft langsamer, viel langsamer. Selbst der Charme des Notdürftigen besitzt die Fähigkeit, mir gelegentlich ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Neben dem deutlichen Stadt-Land-Gefälle gibt es hier auch ein West-Ost-Gefälle. Ungeachtet dessen ist Ungarn ein sicheres Reiseland, in dem man sich durchaus wohlfühlen kann.

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Auch diese Schlange im Baum konnte mein Sicherheitsbefinden nicht beeinträchtigen.

Früher gab es in fast jedem Dorf eine Kocsma, wie die Kneipen hier genannt werden. Heute haben viele von ihnen geschlossen und nur noch rostige grüne Werbetafeln einer einheimischen Biermarke an den trostlosen Fassaden, verbleiben als stumme Zeugen ihrer einstigen Existenz. Die einfachen Ungarn können es sich nicht mehr leisten, regelmäßig dort einzukehren. Seit dem EU-Beitritt Ungarns im Jahre 2004 ist alles teuer geworden. Zwar haben sie ihre eigene Währung behalten, aber der Forint hat dem Euro kaum etwas entgegenzusetzen. In den letzten Jahren zieht es auch viele Deutsche nach Ungarn, vor allem Rentner. Teils Menschen, deren klägliche Rente trotz 45 Arbeitsjahren für ein menschenwürdiges Leben nicht reicht. Für Deutsche sind die Immobilienpreise in Ungarn noch durchaus erschwinglich. Zumindest auf dem Land. Für rund zehntausend Euro kann man schon einen gut erhaltenen Bungalow mit großem Grundstück, auf welchem man selbst Obst, Gemüse und Getreide anbauen kann, erwerben. Noch.

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Auf dem Weg zum Weingut eines Freundes.

Zwischenzeitlich sind ganze Ortschaften zu deutsch-besetzten und somit ungewollt gentrifizierten Alterswohnsitz-Hochburgen verkommen. Der kleine Ort Igal, irgendwo in der Pampa südlich des Balatons zwischen Siofók und Kaposvár gelegen, ist ein klassisches Beispiel für diese Entwicklung. Als ich nach einem sengenden Sonnentag eines Abends vor die Tür gehe, spricht mich ein hagerer alter Mann an, der mit seinem Hund spazieren geht, ich schätze ihn auf etwa achtzig Jahre. Er hat das deutsche Nummernschild auf meinem Auto bemerkt und mich als Landsmann identifiziert. Einsam wirkt er und nahezu dankbar über eine Konversation in seiner Muttersprache. Viele Deutsche, die hier dauerhaft leben, sprechen wesentlich schlechter Ungarisch als ich, der sich hier maximal für ein paar Wochen im Jahr aufhält. Erschwerend zur allgemeinen Sprachfaulheit der Deutschen kommt, dass die Sprache wirklich schwer zu erlernen ist. Für einen alten Menschen ohne tragende einheimische Kontakte ist es umso mühsamer.

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Der Trabbi ist hier nach wie vor beliebt.

Er erzählt mir, dass er hier ein Haus habe und seine Frau im nahegelegenen Öreg Otthon, einem Altersheim untergebracht sei. Die Kosten für die Vollzeitpflege belaufen sich hier in Ungarn auf etwa 600 Euro pro Monat. In Deutschland könne er sich einen vergleichbaren Standard niemals leisten. Wenn seine Frau eines Tages stirbt, dann wird er nicht zurückgehen, sondern seinen Lebensabend alleine hier verbringen. Außer seinem Hund hat er niemanden. Ein unglückseliges menschliches Schicksal, das mich traurig stimmt. Die Anzahl solcher immigrierter Armutsrentner wird in den nächsten Jahren noch steigen. Glücklich sind die einheimischen Magyaren, ein vom Aussterben bedrohtes Volk, nicht gerade darüber. Dennoch sind ihnen die ungeliebten Deutschen noch lieber als andere Nationalitäten. Immerhin bringen sie Geld ins Land. Anders verhält es sich mit den Cigányok, den Zigeunern, wie sie hier genannt werden.

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Beinahe so groß wie ein Vogel: ein Riesen-Falter.

Dass man diesen Schmutz endlich ausmerzen solle, zählt noch zu den harmloseren Aussagen, die man hier zu hören bekommt. Hier zeigt sich in besonderem Maße der Frust der armen Bevölkerung, welcher sich in latentem rechtsradikalen Gedankengut widerspiegelt. Seit je her sind die Magyaren ein sehr nationalistisches Volk, doch in den letzten Jahren sind die Rechten extrem auf dem Vormarsch. Seit dem Jahr 2010 ist Viktor Orbán an der Macht, der von den westlichen Medien auch spöttisch als Puszta-Putin bezeichnet wird. Viele seiner Versprechen hat er bereits umgesetzt. Einer der ersten Schritte der amtierenden rechtsnationalen Regierung, war die Einführung einer rigoroseren Medienkontrolle und damit eine alarmierende Einschränkung der Meinungsfreiheit. Der Graben zwischen Arm und Reich, zwischen der westlich orientierten Kapitalisierung der Großstadtregionen und dem Verfall der ländlichen Regionen, wurde seit dem nur verbreitert.

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Offenes Feuer dient in Ungarn unter anderem als traditionelle Kochstelle, über die z.B. ein Topf mit Pörkölt (Gulasch) gehängt wird.

Im Jahre 2015 ließ Orbán den groß angekündigten und vielfach kritisierten Zaun an der Grenze zu Serbien errichten. Und das, obwohl gar niemand in seinem Land verbleiben wollte, sondern lediglich durchreisen. Ein einziger Flüchtling stellte in 2015 einen Asylantrag in Ungarn. Das Volk der Magyaren feiert seinen Präsidenten für die konsequente Umsetzung rechtspopulistischer Ideen und dessen Nähe zur rechtsradikalen Jobbik-Partei tritt immer deutlicher zutage. Verbessert hat sich seitdem kaum etwas in Ungarn, im Gegenteil. Zumindest nicht für die einfache Bevölkerung. Profitiert haben nur die Reichen, denen es bereits vorher an nichts mangelte. Um die Auswüchse seiner ungerechtigkeitsfördernden Politik zu kaschieren, holte Orbán im Jahr 2018 zu einem weiteren genialen Schachzug aus: Obdachlosigkeit wurde kurzerhand zum Verbrechen erklärt.

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Ein Blick die Dorfstraße hinunter. Der Laden zur Rechten hat schon seit längerem geschlossen.

Anstatt sich mit den Ursachen der Obdachlosigkeit zu beschäftigen, werden jene die durchs Raster gefallen sind, von nun an erbarmungslos kriminalisiert. Man versucht also die gesellschaftliche Krankheit zu besiegen, in dem man ihre Symptome schlicht verbietet. Zynischer und unmenschlicher könnte Politik kaum sein. Das irrwitzige Prinzip gleicht dem des Grenzzauns. Somit erinnert die Junta Orbán unweigerlich an die Politik aus dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte. Dieses erschreckende Beispiel sollte den Verfechtern populistisch-brauner Propaganda und Befürwortern der Orbanisierung eigentlich aufzeigen, wo rechte Politik mündet: in Unmenschlichkeit, sozialer Ungerechtigkeit sowie der schrittweisen Abschaffung von Freiheit und Demokratie. Die verbrannte braune Steppe der Puszta gereicht zum symbolträchtigen Sinnbild des Handelns der aktuellen Regierung. Von weiteren obskuren und menschenverachtenden Gesetzesvorlagen ließ sich diese in der Vergangenheit nur mit einer Ausschlussdrohung der EU-Kommission abbringen.

Magyaren
Das Land der Magyaren kann auch ein guter Ort sein, um die Ruhe zu genießen.

Es scheint gar, als wäre die Europäische Union derzeit das Einzige, was den jähzornig tobenden Magyaren-Herrscher überhaupt noch halbwegs im Zaume hält. Zumindest, solange die Vorteile der EU für Ungarn noch überwiegen. Auch sonst hat die amtierende Regierung ein Klima von Angst und Ausgrenzung begünstigt. Hinter mindestens jedem zweiten Gartentor tobt ein Wachhund und private Bürgerwehren oder die Zivilgarde (Polgárörség) sind mehr denn je im Kommen. Als Feindbilder dienen Zigeuner, Flüchtlinge, Moslems und neuerdings – auch Obdachlose. Ganz nebenher bejubeln die Magyaren ihren großen Führer und bemerken nicht, wie sie sich als Volk langsam selbst ad absurdum führen, während der erste Landstreicher bereits vor Gericht verurteilt wurde. Als wären Obdachlose kein Teil des Volkes. Alles im Sinne der von Orbán vielseits gepriesenen christlichen Werte. Was würde wohl Sándor Petőfi dazu sagen?

Obdachlos im Reich der Magyaren

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