Für Ehre, Stolz und Vaterland

Vaterland

Mit ausdruckslosem Gesicht und leerem Blick starrt der junge Soldat in die Ferne. Als das Kommando ertönt, schultert er das Gewehr, macht eine 90-Grad-Kehrtbewegung und marschiert mit seinen Kameraden im Gleichschritt über den Platz. Welch ehrenvolle Darbietung. So denkt zumindest das abgerichtete Nutzvieh in Uniform. Auch ich dachte einst so, sah die Militärzeit als Abenteuer, als sinnvollen Dienst an meinem Vaterland. Ich dachte allen Ernstes, ich könnte dort etwas erreichen und meinen persönlichen Beitrag zum Weltfrieden leisten. Gedrillt und getrimmt, an der Waffe ausgebildet, im Orts- und Häuserkampf geschult und zu allem bereit. Die Freiheit der demokratischen westlichen Welt am Hindukusch verteidigen. Oder die Infrastruktur und Sicherheit im Kosovo verbessern. Oder vielleicht die französische Kolonialmacht in Mali unterstützen.

Irgendwann begriff ich, dass ich meinem Vaterland herzlich egal bin. Dass ein Soldat und seine Träume nichts wert sind. Er hat zu funktionieren, stumpf Befehle auszuführen und notfalls sein Leben im Zuge einer strategischen Entscheidung zu opfern. Er wurde dazu abgerichtet, Interessen zu vertreten, die nicht seine sind. Im Zweifel selbst die Gesundheit, für die schweigende Durchsetzung fragwürdiger politscher Ziele zu ruinieren. Das Risiko zu tragen, als Krüppel oder im Blechsarg heimzukehren. Daran ist nicht das Geringste ehrenvoll. Im besten Falle ist es beklagenswert. Was nützen einem ein Orden oder eine Urkunde, wenn man tot ist? Keine Versehrtenrente der Welt ist in der Lage, abgerissene Gliedmaßen oder ein Leben als Pflegefall aufzuwiegen. Selbst die als Triebfeder fungierende Auslandszulage ist wertlos, wenn man das Geld als psychisches Wrack in Alkohol umsetzt, um die Bilder von Tod und Verderben aus seinem Verstand zu ätzen.

Natürlich dient das alles einem höheren Sinn, einem edlen Zweck. Ehre, von der sich niemand etwas kaufen kann. Stolz, der den Schmerz nicht stillt. Ein Vaterland, welches seine Helden vergisst, noch bevor sie richtig kalt sind.

Warum sollte ich einen Feind bekämpfen, der nicht meiner ist? Vielleicht nicht einmal der Feind meines Vaterlandes, welches seinerseits wiederum nur fremde Interessen vertritt? Sinnlose Kriegsspielerei und Steuergeldverschwendung an der EU-Außengrenze betreiben, um des Provozierens willen? Warum sollte ich jemanden provozieren, der mir nichts Böses will? Ein künstlich erschaffenes Feindbild, welches sich bestenfalls am Anblick der Erbärmlichkeit der Truppe labt, welcher ich angehöre? Das jüngste NATO-Großmanöver in Norwegen ist ein klassisches Beispiel dafür. Uschis Schönwettertruppe prostituiert sich wieder einmal als Spielball amerikanischer Interessen auf europäischem Boden. Immerhin hat man dazu gelernt und rückt diesmal mit Mardern anstatt mit Hägglunds an.

Allerdings wird ein durchschnittlich ausgebildeter Wajennij auf Wodka den Stahl eines solchen leichten Schützenpanzers ebenfalls mit einem Stein durchwerfen. Vorausgesetzt, die Piloten setzen ihre Gefährte nicht gleich selbst außer Kraft, in dem sie in der nächsten Kurve auf eine Baumwurzel treffen und daraufhin umkippen. Satte 90 Millionen Euro lässt man den deutschen Steuerzahler Putins zu erwartenden Lachanfall diesmal kosten. Ziemlich viel Geld, nur um einem als ewigen Bösewicht stigmatisiertem Staatsoberhaupt zu zeigen, wer (nicht) die Hosen anhat. Aus meiner Sicht eine ziemlich kostspielige und dazu noch dumme Taktik. Man sollte sich vor allem eine Frage stellen: Wessen Feind ist Russland? Meiner nicht. Der Feind des deutschen Volkes? Wohl auch nicht. Der Feind Europas? Nein.

Auch wenn Wladimir Putin mit Sicherheit mehr Dreck am Stecken hat, als der Rechen einer Klärgrube, so sollte man davon Abstand nehmen, ihn als pauschales Feindbild und Bedrohung für die westliche Welt zu betrachten. Nicht, solange wir Erdogan auf deutschem Boden seinen schmutzigen Wahlkampf betreiben lassen. Oder unser Öl von den Saudis liefern lassen. Oder unsere Waffen an die Saudis liefern.

Viel mehr sollte man versuchen, in diplomatischem Ansinnen eine gute Nachbarschaft zu pflegen und somit einen maximalen Vorteil aus der gemeinsamen geostrategischen Lage zu ziehen. Stattdessen huldigt man einem Clown vom anderen Ufer des Großen Teichs, der viel zu selbstverliebt und narzisstisch ist, um zu erkennen, dass es ihm seine auf Sand gebaute America-First-Strategie langsam unter dem Gesäß wegspült. Da bietet es sich doch an, seinen NATO-Verbündeten auf infantile Weise mit dem Austritt aus dem Bündnis zu drohen, sollten diese ihre Rüstungsaktivitäten nicht erhöhen. Donald Trump gegen den Rest der Welt, auf Kosten der deutschen Steuerzahler. Und so werden erneut die rollenden Überreste, diesmal in Form von Jagdpanzern, mobilisiert. Die Frage ist nur, was man mit diesen „Jagdpanzern“ eigentlich jagen will. Vielleicht panisch ins Unterholz flüchtendes Wild oder Eichhörnchen. Einen russischen Bären, der sich zufällig betrunken in einen norwegischen Wald verirrt hat, mit dem Plan das europäische Vaterland einzunehmen, vermutlich nicht.

Ehre, Stolz und Vaterland

View Results

Loading ... Loading ...

Nachtrag: Wie ich nun erfahren habe, ist tatsächlich ein deutscher Soldat bei diesem sinnlosen Manöver ums Leben gekommen. Mein tiefes Bedauern gilt den Angehörigen des Toten. Quelle