Der ewige Denunziant

Denunziant

Er ist maßgeblich dafür mitverantwortlich, dass die Regime im Dritten Reich und in der ehemaligen DDR so gut funktionieren konnten: der Denunziant. Nach dem Mauerfall kam heraus, dass so ziemlich jeder versucht hat, jeden ans Messer zu liefern. Das Leben anderer zu zerstören, um damit einen Vorteil für sich selbst herauszuschlagen, hatte Methode. Auch die Selbstmordrate nach der Wende spricht für sich. Mehr als ein Vierteljahrhundert später hat sich wenig geändert. Das Denunzieren ist nach wie vor der beliebteste Volkssport der Deutschen. Die Gründe dafür, Menschen, die einem meist überhaupt nichts getan haben hinterrücks anzuschwärzen, sind verschieden. Aus Langeweile, um sich besser zu fühlen, um seinem unerfüllten Leben eine Bedeutung zu verleihen, aus Neid oder schlicht um des Denunzierens Willen, frönt der Hobby-Blockwart seiner Leidenschaft bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Der Überwachungsstaat funktioniert also einwandfrei, und das sogar gänzlich ohne Kameras. Der Denunziant selbst ist schließlich die Kamera, Gesichtserkennung und Erstellung von Bewegungsprofilen inklusive. Ob der Nachbar nun Gras auf dem Balkon anbaut, seine Hecke nicht ausreichend geschnitten hat oder sich auf seinem Grundstück ein Anhänger mit abgelaufener TÜV-Plakette befindet; er kann sicher sein, dass sich ein Freiwilliger dazu berufen fühlen wird, dieses schwere Vergehen bei der Polizei oder dem Ordnungsamt zu melden. Um an etwaige Beweise zu gelangen, überschreiten die Denunzianten oft selbst rechtliche Grenzen. Aber auch wenn man sein Auto in einer Straße abstellt, nur um jemanden zu besuchen, wird die Oma auf dem Balkon im fünften Stock zeitnah die Staatsmacht über das Auftreten verdächtiger Personen informieren. Innerhalb des deutschen Behördentums fällt dieses Verhalten nahezu immer auf fruchtbaren Boden.

In der Ekstase ihres ewigen Belastungseifers gehen die staatlichen Schergen jedem noch so lächerlichen Hinweis gründlich nach. So wird dem unbescholtenen dicklichen Büroarbeiter um fünf Uhr morgens die Tür eingetreten, von den Angehörigen eines Sondereinsatzkommandos der Arm ausgekugelt und die Brille zertreten, bis sich herausstellt, dass der vermeintliche Marihuanabaum am Küchenfenster in Wirklichkeit nur eine selbst gezogene Avocado war. Konsequenzen hat der im Schatten der Anonymität agierende Denunziant hingegen nicht zu befürchten. Getreu dem Motto „jeder Hinweis zählt“, wird ungeschoren angeschwärzt, hingehängt und diffamiert, als gäbe es kein Morgen. Wenn es der Denunziant geschafft hat, jemandem nachhaltig zu schaden, ist er nur kurz befriedigt und hat sein Ziel noch lange nicht erreicht. Wie bei einer ausgeprägten Sucht muss der Kick permanent erneuert und gesteigert werden.

Deshalb ist der Denunziant auch typischerweise oft selbst im Staatsdienst oder in verwandten parasitären Berufsgruppen zu finden. Erkennbar ist er meist an seinem äußerst feigen Verhalten, seiner Zwangsneurose, seiner sozialen Inkompetenz, seinem Mangel an Würde sowie seinem Hang zur Perfidie. Wenn ihn etwas an einem Widersacher stört, wird er niemals das persönliche Gespräch suchen. Schnell aus dem Auto gesprungen und aus sicherer Entfernung ein Beweisfoto vom Vergehen des Delinquenten geknipst und schon ist er wieder verschwunden. Den Rest werden die Behörden übernehmen, die sich stets dankbar zum verlängerten Arm des ewigen Blockwarts instrumentalisieren lassen. Die größte Angst des perfiden Denunzianten ist es, dass er entlarvt und gebrandmarkt werden könnte, deshalb operiert er gerne anonym. In vielen Ämtern findet man die Blockwart-Mentalität zudem als chronische Krankheit vor.

Sollte versehentlich eine Fliege in das Büro eines staatlich legitimierten Denunzianten geraten, würde dies die Denkleistung im Raum um ein Vielfaches multiplizieren. Wer jedoch einen anständigen Beruf erlernt und Freunde hat, regelmäßig sexuellem Vergnügen nachgeht und auch sonst ein erfülltes Leben führt, wird kaum Gefahr laufen, zu einem Denunzianten zu verkommen. Nur unangenehme und unansehnliche Menschen, die es in ihrem Leben zu nichts gebracht haben und mit denen niemand etwas zu tun haben will, versuchen, die Antwort auf die Erlösung aus ihrem Leid im Denunziantentum zu finden. Die Nichtexistenz von Talenten, Charakter und einer tragenden Persönlichkeit runden das Gesamtbild ab. Sie sind der gesellschaftliche Bodensatz und klammern sich verzweifelt an das Einzige, was ihnen bleibt: die temporäre Aufmerksamkeit durch den Arm des Gesetzes als vermeintlich wertvoller Hinweisgeber.

In Wirklichkeit geht der gesellschaftliche Nutzwert solcher bedauernswerten Personen gegen Null. Niemand braucht sie, nein, sie verbrauchen nur Ressourcen und leben ihre kranke Neigung auf Kosten der Allgemeinheit aus. Wer andere aufgrund von Nichtigkeiten oder einer konträren politischen Gesinnung zum eigenen Vorteil anschwärzt, der kann guten Gewissens dazu gezählt werden. Und nicht zu letzt klebt aus historischer Sicht eine nicht unerhebliche Menge Blut an ihren Händen. Auch tausende von ermordeten Juden, deren Verstecke von seelenlosen Verrätern unbarmherzig an die Gestapo preisgegeben wurden, gehen auf ihr Konto. Somit offenbart sich der Geist des passionierten Petzers einmal mehr als ehrloses metastierendes Krebsgeschwür im Körper einer Gesellschaft, der es an Menschlichkeit fehlt.

Deshalb gilt unangefochten der zeitlose Grundsatz: Der größte Lump im ganzen Land, ist und bleibt der Denunziant.

Der ewige Denunziant

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