Der Winter ist da!

Winter

Etwas verspätet, aber nun ist er da. Der Winter hat ein erstes Gastspiel und zeigt sein hässliches Gesicht in diesem grauen November. Schneeballschlachten, Schneemänner bauen und Schlittenfahren. Was in der Kindheit stets ein Grund zur Freude war, avanciert zum blanken Horror, sobald man darauf angewiesen ist, mit dem Auto seine Arbeitsstelle zu erreichen. Die erste Schneeflocke hat den Boden kaum erreicht, da strotzen die örtlichen Nachrichtenportale bereits vor Unfallmeldungen. Erschwerend hinzu kommen quer stehende LKWs und vorsorglich durch die Polizei gesperrte Straßen. Mit dem Winter konnte ja wahrlich niemand rechnen, schon gar nicht in Bayern und erst recht nicht im November. Die deutschen Autofahrer ergehen sich, völlig überrascht vom ach so plötzlichen Wintereinbruch, unmittelbar in ihrer chronischen Inkompetenz.

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Wer im Winter seinen Diesel stehen lässt und stattdessen den Zug nimmt, entlastet den Verkehr und tut zugleich etwas Gutes für die Umwelt.

Die Gründe dafür, warum Fahrzeuglenker auf einem verschneiten aber kerzengeraden Streckenabschnitt ins Schleudern geraten, kann man an einer Hand abzählen. Volltrunkenheit, nichtangepasste Geschwindigkeit, maßlose Selbstüberschätzung, das uneingeschränkte Vertrauen in elektronische Helferlein oder Sommerreifen gehören zu den Klassikern. Es scheint gemeinhin nur zwei Extreme zu geben: die, die vor lauter Angst nur noch Schrittgeschwindigkeit fahren und die, die ihren Wagen bewegen, als sei die Straße trocken. Beides ist schlecht und in Kombination nicht selten tödlich. Natürlich gibt es den perfekten Autofahrer nicht, abgesehen von Walter Röhrl und mir selbst. Hierzulande nützt es einem allerdings selbst dann nichts, wenn man ein hart gesottener Rallyefahrer ist, der in einem Audi Quattro sitzt.

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Auch Fahrräder lassen sich im Winter benutzen. Dazu empfehlen sich Spike-Reifen.

Denn spätestens an der ersten Steigung steht man damit genauso im Stau, wie alle anderen mit ihrer beschissenen Angst, ihrer Sommerbereifung und ihren Heckschleudern. Da vermag der beste Quattro keinen Vorteil aufzuweisen. Nicht, dass Allrad eine schlechte Sache wäre. Jahrelang war ich selbst stolzer Eigner eines solchen Gefährts. Abgesehen von gelegentlichen Drift-Sessions auf verlassenen Parkplätzen, hohem Spritverbrauch und horrenden Reparaturrechnungen brachte mir das allerdings keinen Mehrwert. Die Begrenzung ist nicht das Fahrzeug selbst, sondern der Fahrer vor einem. Also wurde der Quattro kurzerhand gegen etwas Sparsameres eingetauscht und ich vermisse ihn bis heute nicht. Einzig meinem Mechaniker wird er sehr fehlen, rieb er sich doch stets die Hände, wenn ich auf seinen Hof rollte.

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Wer im Winter einem solchen Tier begegnet, der sollte umgehend sein Navigationssystem überprüfen.

Aber selbst mit Frontantrieb kann der Winter eine tolle Jahreszeit sein, vorausgesetzt, man hat Winterräder montiert und ist alleine auf der Straße. In unseren Breitengraden ist das jedoch leider so gut wie nie der Fall. Wenn dann noch die Ski-Saison beginnt, ist es endgültig vorbei mit dem Spaß. Massen an arbeitsfaulen Erben, die mit ihren SUVs aus den Großstädten in die Berge strömen und sämtliche Wege verstopfen, sind dann an der Tagesordnung. Wintersport auf der präparierten Skipiste ist eindeutig ein Hobby für Leute, die zu viel Zeit und Geld haben. Selbsterklärend muss auch hier intervallmäßig der Rettungshubschrauber ausrücken, da diese Menschen auf ihren Brettern ebenso unfähig sind, wie hinter dem Steuer.

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Im Zweifel lieber rechts ranfahren und das Auto einfach stehen lassen.

Leidtragend sind die fähigen Fahrzeuglenker, die sich ins Auto setzen müssen, weil sie keine Wahl haben. Rücksicht kann man von den Nichtskönnern freilich keine erwarten. Dabei wäre es so einfach: Einfach nicht das Auto aufsperren, sich nicht hinters Steuer setzen, nicht den Zündschlüssel umdrehen. Stellt sich die berechtige Frage, wie diese Leute dann in die Arbeit kommen sollen. Dabei sollten sie sich allerdings folgende Gegenfragen stellen:

  • Ist es klug, bei Schneefall von meinem Auto Gebrauch zu machen, wenn ich bereits bei sommerlichen Straßenverhältnissen überfordert bin?
  • Brauche ich das Auto wirklich, um an meinen Arbeitsplatz zu gelangen, oder gibt es Alternativen?
  • Liebe ich meinen Arbeitgeber so sehr, dass es sich lohnt, für ihn mein Leben zu riskieren?
  • Ist mein Verdienst so gut, dass es sich lohnt, dafür das Leben meiner Mitmenschen in nicht hinnehmbarem Maße zu gefährden?
  • Sollte ich mir vielleicht lieber einen Arbeitsplatz suchen, den ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen kann?
  • Gibt es Kollegen, die keine Nichtskönner am Steuer sind und mit denen ich eine Fahrgemeinschaft bilden könnte?

Wenn nur ein Bruchteil der Betroffenen diese Fragen beherzigen würde, dann wäre bereits viel erreicht. Oftmals ist es die pure Bequemlichkeit des Einzelnen, die den Blick für Alternativen verschließt. Und so müssen weiterhin Tonnen an umweltschädlichem Streusalz auf die Straßen gebracht werden, dass es beim Fahren nur so knirscht. Immerhin hat dies den willkommenen Nebeneffekt, dass damit die Lebensdauer der Fahrzeuge mutwillig verkürzt wird. Das aggressive Salz frisst sich erbarmungslos durch Achsträger, Blech und Auspuff, Werkstätten und Auto-Industrie freuen sich. Einzig für die Winter- und Räumdienste will ich eine Lanze brechen, da diese, zumindest in dem zurückgebliebenen Hinterwäldler-Kaff, in welchem ich meinen Dienst verrichte, vorzügliche Arbeit leisten. Auch wenn es das Einzige ist, was dort wirklich funktioniert.

Autofahren im Winter

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