Eine Nikolaus-Geschichte

Nikolaus

Heute ist Nikolaustag und die Schoko-Nikoläuse, die bereits seit Ende August in den Verkaufsregalen der Supermärkte und Konsumtempel aufgereiht stehen, kommen nun endlich zum Einsatz. Doch was ist eigentlich aus dem Nikolaus geworden? Während meiner Kindheit war der Nikolaustag immer ein Motiv zur Freude. Allerdings war er zugleich auch ein noch größerer Grund zur Furcht. Damals war der Nikolaus nicht einfach nur ein alter Mann mit weißem Bart und rotem Mantel, sondern eine Respektsperson und der ultimative Disziplinator, der einem für die über das Jahr gesammelten Sünden ordentlich die Leviten las. Bereits Tage vorher versuchte man, sich möglichst unauffällig und brav zu verhalten, im verzweifelten Ansinnen, kurz vor dem Jüngsten Gericht noch etwas Strafmilderung zu erwirken.

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Jährlich läuten sie das Ende des Sommers ein: Schoko-Nikoläuse.

Spätestens als sich der Krampus, der ständige Begleiter und Vollstrecker des Nikolauses, dann kettenrasselnd vor der Tür ankündigte, war Schluss mit Lustig. Zitternd und mit vollgeschissenen Hosen ließ man schließlich die Schelte des Mannes aus Myra im elterlichen Wohnzimmer über sich ergehen, stets von der inständigen Hoffnung begleitet, nicht in den Sack gesteckt zu werden. Wurden bei der Verlesung der Anklageschrift besonders schwere Vergehen erwähnt, wie beispielsweise der Mutter zu wenig im Haushalt geholfen zu haben oder faul in der Schule gewesen zu sein, zuckte der furchterregend maskierte Knecht Ruprecht aus und ließ mit Nachdruck knurrend die Rute in unsere Richtung schnalzen.

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Geplagten Ehefrauen sei empfohlen, ihren unartigen Männern diese Nikoläusin zur Disziplinierung nach Hause zu schicken.

Der Nikolaus war somit ein knallharter Typ und hatte rein gar nichts mit dem amerikanischen Santa Claus zu tun, der an Heiligabend durch die Kamine in die Häuser kriecht und Geschenke verteilt. Doch wie es das Glück wollte, ging die Sache zu unseren Gunsten jedes Mal glimpflich aus und der Nikolaus zog, nachdem jeder seine Nikolaustüte erhalten hatte, letztlich wieder von dannen, ohne böse Kinder im Sack. Nun war man seelisch gereinigt, die Sünden waren vergeben und man konnte kurz darauf wieder unbeschwert frech und faul sein, wie eh und je. Bis zum nächsten Jahr. Gegen den Nikolaus von Myra ist Santa Claus nur ein jämmerlicher Abklatsch, der als fettgefressene Witzfigur mit Bluthochdruck und Sack auf dem Rücken im Coca-Cola-Truck durch die Staaten fährt.

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Alles andere als furchteinflößend: der Nikolaus von heute.

Nikolaus und Krampus kamen stets standesgemäß mit dem 190er Benz vorgefahren und wir hätten es niemals gewagt, das infrage zu stellen. Den Nikolaus kennt heute kaum noch jemand als den respekteinflößenden Repräsentanten geplagter Eltern, sondern wenn überhaupt, als netten alten Mann, der Sach- und Geldgeschenke verteilt oder diese anonym vor die Tür legt. Auch der zwischenzeitlich als pädagogisch wertlos stigmatisierte Knecht Ruprecht gerät mehr und mehr in Vergessenheit und die Grünen wollen ihn nun sogar abschaffen. Dabei würde manch einem Rotzlöffel die vorweihnachtliche Abreibung in Gestalt des moralisch erhabenen Duos so gar nicht schaden. Stattdessen jedoch bringt bestenfalls ein adipöser amerikanischer Weihnachtsmann das neueste iPhone und muss sich von den Bengeln noch anstänkern lassen, wenn die Verpackung einen Kratzer hat.

Rabotniks Nikolaus-Geschichte

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