Geschenke-Terror

Geschenke

Noch eine Woche bis Heilig Abend und die gigantische Maschinerie des turbokapitalistischen Weihnachtsgeschäfts läuft wieder auf Hochtouren. Bislang sind von dem Phänomen überwiegend Frauen betroffen, da Männer bekanntlich erst am 24. Dezember, kurz vor Ladenschluss, ihre Geschenke kaufen. Als Grundlage dient hier ein von Konsum- und Werbeindustrie oktroyierter Schenkungszwang. Obwohl es doch an Weihnachten darum gehen sollte, Zeit mit der Familie zu verbringen und endlich mal wieder gemütlich an einem reich gedeckten Tisch beisammenzusitzen, artet das Ganze für gewöhnlich in eine regelrechte Schenkungs-Arie aus, die einzig dem Zweck dient, der Wirtschaft und dem Handel Unsummen an Geld in die Kassen zu spülen. Natürlich ist es völlig in Ordnung, dass man seine Kinder beschenkt. Das gehört einfach dazu und auch ich freute mich als Kind, wenn ich ein neues Spielzeug geschenkt bekam.

Warum sich allerdings Erwachsene nicht nur gegenseitig in ausschweifender Manier beschenken müssen, sondern sich dabei auch noch regelrecht zu überbieten versuchen, bleibt schleierhaft. In unserer Gesellschaft ist es kaum möglich, dem zu entsagen, sofern man über lebende Verwandte verfügt oder sonst eine Form von sozialem Kontakt pflegt. Perfide implantiert der Marketing-Moloch des Konsum- und Geschenkehandels alljährlich bereits Monate vor dem Fest in die Gehirne seiner Schäfchen, dass man seine Liebsten um jeden Preis teuer beschenken müsse. Der Verstand der meisten Menschen ist durch die jahrzehntelange Gehirnwäsche bereits derart zerfressen, dass sie nicht einmal in der Lage sind, zu akzeptieren, wenn jemand überhaupt nicht beschenkt werden will. Wer bescheiden lebt, auf Unnötiges verzichtet und nichts vom sinnlosen Schenken hält, für den werden etwaige Geschenke zur Last.

Der Geschenke-Terror kann als implizierte Knechtschaft verstanden werden

Meist bekommt man ohnehin nur irgendwelchen Plunder geschenkt, der am Ende bestenfalls im Keller als Staubfänger dient. Davon zeugt auch das rege Begängnis, das zwischen den Feiertagen auf diversen Tauschplattformen im Internet stattfindet. Wer das unerwünschte Geschenk dennoch aus purer Höflichkeit annimmt, um den Schenkenden nicht zu beleidigen, dem wird automatisch die Schuld suggeriert, auch etwas schenken oder zumindest eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Demzufolge kann man das Schenken auch als implizierte Knechtschaft verstehen. Alleine das schlechte Gewissen generiert somit jedes Jahr Milliarden an Umsatz, verschwendet Unmengen wertvoller Ressourcen, löst Magengeschwüre bei Paketboten aus, verpestet die Umwelt und hinterlässt bergeweise Verpackungsmüll. Im Großen und Ganzen kann man diese ganze überzogene Schenkerei deshalb durchaus als asozial bezeichnen. Im Japanischen gibt es dafür einen Ausdruck: Muda.

Natürlich wollen die Schenker nur nett sein oder meinen es nur gut. Allerdings fände ich es wesentlich netter, wenn jemand einfach darauf verzichten würde, mir die Bürde des unfreiwilligen Beschenktwerdens aufzuerlegen. So wusste bereits Kurt Tucholsky einen derartigen Zustand präzise in Worte zu fassen:

Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern gut gemeint.

Wenn ich etwas brauche, dann kaufe ich es mir selbst. Ich muss mir nichts schenken lassen, nur um als Gegenleistung etwas anderes zu schenken. Das ist ein sinnloser Tausch, der einen perfekten Spiegel für unsere konsumkranke und degenerierte Gesellschaft bildet. Der eigentliche Sinn, den Weihnachten vermitteln sollte, geht in dem ganzen Geschenke-Terror nahezu vollständig unter: Mitmenschlichkeit. Und so rammeln kurz vor Weihnachten die Massen in ihren SUVs in die Innenstädte, um mit gehetzten Blicken durch die Konsumtempel oder Boutiquen zu rennen und Geld auszugeben, dass sie oftmals nicht einmal haben. Nur, um erwachsenen Leuten, die sie vielleicht nicht einmal besonders mögen, etwas zu schenken, was sie überhaupt nicht brauchen.

Die Schenkenden befinden sich oft in einem Teufelskreis des ewigen Schenkens

Der in der Kälte vor dem Geschäft sitzende Obdachlose, welcher um etwas Kleingeld bittet, wird hingegen ignoriert oder mit verächtlichen Blicken gestraft und muss aufpassen, dass er nicht von den entseelten Massen zu Tode getrampelt wird. Natürlich hat jeder die Möglichkeit, sich diesem Wahnsinn zu entziehen, in dem er einfach nicht mitmacht. Dazu muss er sich nur der konditionierten und manipulativen Glaubenssätze der Werbeindustrie bewusst werden und sich ihrer entledigen. Eine nachhaltige Form des Schenkens, in der nur Dinge den Besitzer wechseln, die von der Gegenseite auch dringend benötigt werden, gilt es anzustreben. Wenn nur genügend Menschen mitmachen, kann der systematische Mentizid der Geschenk-Terroristen irgendwann wieder in Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe gewandelt werden.

Wenn ihr also jemandem etwas Sinnvolles schenken wollt, dann schenkt euch lieber gegenseitig Zeit und Aufmerksamkeit, etwas Selbstgemachtes mit ideellem Wert, Umschläge mit Bargeld, spendet an die Tafel oder werft dem Bettler einen Euro in den Hut. Alles andere kann man sich im wahrsten Sinne des Wortes schenken.

Der weihnachtliche Geschenke-Terror

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