Rabotnik in Odessa – Teil 6

Odessa

Es ist Samstag und unser letzter Tag in Odessa. Morgen früh geht der Flieger zurück nach Deutschland. Die Straßen sind gesäumt von Menschenmassen, mehr als sonst, heute scheint ein besonderer Tag zu sein. In diversen Straßen sind Stände aufgebaut, es wirkt wie eine Mischung aus Flohmarkt und Straßenfest. Auch die Straßenmusiker sind zahlreicher vertreten als sonst. Neben Akkordeon wird Geige gespielt, gelegentlich auch Saxofon. Gitarren hingegen scheint in der musikalischen Welt Odessas kaum eine Rolle zuteilzuwerden. Auf dem Weg zurück zum Hotel, spricht mich ein Clown auf Französisch an. Ich komme nicht umhin, ein paar französische Worte mit ihm zu wechseln. Schließlich wechselt auf Englisch, welches er erstaunlich gut beherrscht. Mit hartem russischem Akzent, fragt er mich, wo ich herkomme und warnt mich vor Taschendieben. Er outet sich als Weltenbummler, in Deutschland war er auch schon.

Odessa
Ein liebenswürdiger Zeitgenosse.

Nach einem überaus sympathischen Small Talk bitte ich ihn um ein Foto, welchem er wohlwollend zustimmt. Am Abend folgt die herzliche Verabschiedung von den Menschen, die uns im Laufe unseres Aufenthalts ans Herz gewachsen sind. Auch sie sind traurig, als sie erfahren, dass wir morgen nach Deutschland zurückkehren müssen. Am nächsten Morgen geht es mit dem Taxi sehr früh zum Flughafen von Odessa. Dieser ist nicht besonders groß, weshalb es von Deutschland aus auch kaum Direktflüge gibt. Nach der Sicherheitskontrolle geht es in den Wartebereich. Dort treffen wir auf Jeffrey, einen texanischen Sonnyboy. Er ist durchtrainiert, braun gebrannt, hat lange Haare, trägt Flipflops und sein Englisch ist so gar nicht texanisch, sondern stattdessen gut verständlich. Er beschwert sich über das Personal der Sicherheitskontrolle, welches er als „friendly like a punch in the face“ bezeichnet.

Odessa
Es gibt also doch Gitarren. Eine Rockband tritt vor dem Rathaus auf. Gefeiert werden „Die europäischen Tage Odessas“.

Wir kommen ins Gespräch. Auch Jeffrey hat einige Tage in Odessa verbracht, ist jedoch von der Mentalität und den Frauen nicht so angetan wie wir. Er erzählt uns, dass er in Thailand lebt, dort einen Rollerverleih betreibt und leidenschaftlicher Taucher ist. Er lebt mit zwei Frauen zusammen, da er sich nicht für eine entscheiden könne. Dies scheint dort auch überhaupt kein Problem zu sein. Ich erzähle ihm von unseren Erlebnissen in Odessa und sorge bei ihm und seinen Begleitern für Erstaunen und amüsierte Blicke. Dank unserer angeregten Unterhaltung mit dem amerikanischen Lebenskünstler vergeht die Wartezeit schnell und so sitzen wir kurz darauf in der Maschine, die uns nach Kiew bringt. Als wir in Kiew aussteigen, regnet es, die Temperaturen sind kühl und auf dem Rollfeld bläst ein unangenehmer Wind. Ich muss an Jeffrey mit seinen Flipflops denken, doch dieser scheint hart im Nehmen zu sein.

Odessa
Party an allen Ecken und Enden.

Nachdem wir die Kontaktdaten mit Jeffrey ausgetauscht haben, nehmen wir im Wartebereich für das Boarding unseres Anschlussflugs nach München Platz. Ab hier vernehmen wir das erste Mal wieder deutsche Stimmen. Gemeinsam mit uns wartet eine Delegation des Motorradklubs „Bandidos“, die wohl ein größeres Klubtreffen in Kiew hatten. Die Typen sehen zwar auf den ersten Blick gefährlich aus, erweisen sich jedoch als lockere Zeitgenossen. Ich vermute allerdings, dass hier niemand versucht hat, diese Jungs in irgendeinem Nachtklub abzuziehen. Andernfalls hätte dieser Klub wohl für längere Zeit geschlossen. Beim Einstieg in das Flugzeug spricht mich eine ältere Ukrainerin wegen meines T-Shirts an, welches ich in einem Souvenir-Shop in Odessa erworben habe. Sie stellt fest, dass die Aufschrift im typischen odessitischen Slang verfasst wurde. Das kann ich allerdings weder bestätigen noch dementieren, da ich diese Feinheiten noch nicht ganz raus habe.

Odessa
Odessa von oben. Im Hintergrund erhebt sich das Schwarze Meer.

Knapp zweieinhalb Stunden später landet unser Flieger in München. Es regnet zwar nicht, ist jedoch bewölkt und windig. Als wir am Flughafen auf die S-Bahn warten, besorgt Rudi zwei belegte Brezen und wir stellen fest, dass man hier in Deutschland zur Begrüßung auch erst mal so richtig dreist abgezockt wird. Im weiteren Verlauf merke ich, dass ich wohl einige Zeit brauchen werde, um mich hier wieder zu akklimatisieren. Ich habe nicht das Gefühl, während meiner knapp zweiwöchigen Abwesenheit etwas verpasst zu haben. Böse Zungen behaupten, wir könnten froh sein, nun endlich wieder in einem sicheren Land zu sein, in dem einen die Frauen nicht alle abzocken wollen. Ich vertrete jedoch die Auffassung, dass die Frauen dies hierzulande genauso tun, nur eben weniger offensichtlich. In Deutschland sind sie lediglich bestrebt, einen auf subtilere und nachhaltigere Weise zu schädigen.

Odessa
Unverschämte Preise am Airport München: Was man beim Bäcker für 2 € bekommt, kostet hier das Dreifache.

Als ich den Bahnhof verlasse und mit meiner Reisetasche durch meinen Wohnort marschiere, überkommt mich das Gefühl, in einer Geisterstadt gelandet zu sein. Es ist totenstill und ich treffe keinen einzigen Menschen, ein seltsames Gefühl. Nach knapp zwei Kilometern erreiche ich meine Wohnung, sperre die Tür auf und freue mich auf eine Dusche mit ungechlortem Wasser. Auch das Bett ist nach der anstrengenden Reise verlockend, ich vermag ihm kaum zu widerstehen. Etwas Schlaf kann sicher nicht schaden, bevor mich Alltag und deutsche Ordnung wieder einholen. Zum Glück ist morgen ein Feiertag.

Odessa
Am Ende fand sich doch noch eine Muschi, die sich von mir streicheln ließ.