Rabotnik zurück in Odessa – Teil 5

Ukraine

Unser Aufenthalt in der Ukraine neigt sich dem Ende, was ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge zur Kenntnis nehme. Ich werde das Gefühl nicht los, dass diesmal das Lachen überwiegt. Immerhin konnten wir während unserer Woche eine ganze Behindertentoilette ausfindig machen, die westlichen Standards genügt. Diese befindet sich im neu erbauten Griechischen Park und es gibt neben der Treppe sogar einen Aufzug, um dort hinzugelangen. Behinderte müssen für die Nutzung nichts entrichten, wohingegen man gesunden Menschen immerhin ganze vier Hrywnja abknöpft. Dafür muss ich mir allerdings die Salve der ukrainischen Klofrau anhören, während wir auf Rufus warten. Ich lasse sie erzählen und quittiere das Gesagte gelegentlich mit einem höflichen Nicken. Immerhin weiß ich jetzt mehr über den Aufstand der französischen Schwarzmeerflotte und ihre Rolle in der Geschichte Odessas.

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Rufus vor einer Skulptur im Griechischen Park

Entgegen ihres ersten äußeren Eindrucks, wartet die Frau mit ausgeprägt geschichtskundigem Wissen auf. Auch wenn sie es nie direkt sagen würden: Fast immer kann ich unterschwellig heraus hören, auf welcher politischen Seite die Menschen hier stehen. Unter pro-ukrainisch Eingestellten genießen die Franzosen ein hohes Ansehen, da diese im Russischen Bürgerkrieg einst die antibolschewistischen Kräfte unterstützten. Auch wenn ein Odessiter überhaupt des Ukrainischen mächtig ist, kann dies bereits ein klares Indiz für seine politische Gesinnung sein. Aber Odessa ist ohnehin nun einmal anders, als der Rest der Ukraine. Eine internationale Hafenstadt mit eigenem Flughafen, russischsprachig und doch viel ukrainischer als die von den Separatisten besetzte Ostukraine oder die Krim. Für die einen hier ist Vitali Klitschko ein Volksheld, für die anderen nur ein größenwahnsinniger Sportler mit weichgeklopfter Birne, der in der Politik nichts zu suchen hat.

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Erinnerung an vergangene Zeiten: eine Ansammlung maroder Gebäude zwischen Hafen und Strand.

Ich persönlich enthalte mich einer politischen Meinung hierzu und versuche in diplomatischem Ansinnen, Verständnis für beide Seiten gleichermaßen zu zeigen. Die politische Situation in der Ukraine scheint festgefahren, die Fronten verhärtet. Aus meiner Sicht ist die Ostukraine auf dem besten Weg, ein zweites Transnistrien zu werden, während die Westukraine einen Anschluss an die Europäische Union anstrebt. Politik ist gemeinhin kompliziert und scheint im einst bedeutsamsten Satellitenstaat der Sowjetunion noch viel komplizierter zu sein, als irgendwo sonst. Nachdem Rufus fertig ist und sich im Anschluss sehr lobend über die Toilette äußert, verabschieden wir uns von der Klofrau. Ein paar Scheine Trinkgeld sind ihr sicher.

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Westliche musikalische Einflüsse: Uriah Heep wird in Odessa auftreten.

Auf dem Weg zum Appartement schlendern wir über einen Markt, dessen Verkaufsstände tagtäglich in einem nahegelegenen Park aufgebaut sind. Rufus möchte sich eine Uschanka kaufen. Wir klappern ein paar Stände ab. Die meisten erinnern an die eines Flohmarktes und sind mit allerlei Plunder und Souvenirs gespickt. Mit ein paar Standbetreibern komme ich ins Gespräch. Sie sind allesamt aufgeschlossen und freundlich, beäugen uns neugierig, wollen wissen, woher wir kommen. Eine Frau fragt mich, ob Rufus ein Kriegsveteran sei und deshalb im Rollstuhl sitze. Ich verneine und erkläre ihr, dass er an einer Krankheit leidet. Sie drückt mir ihr Bedauern und zugleich ihren Respekt aus, wünscht uns Glück. An einem der Stände finden wir schließlich Uschankas.

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Alternative zur Piratenhaube: Rufus mit der Kopfbedeckung seiner Begierde.

Die Verkäuferin ist ebenfalls sehr freundlich und wir dürfen die Kopfbedeckungen anprobieren. Die Qualität der Ware stellt sich allerdings schnell als billig heraus, der Preis ist mit 700 Hrywnja pro Stück hingegen verhältnismäßig teuer. Letztendlich scheidet das Accessoire jedoch mangels Tragekomfort aus. Nach einem kurzen Small-Talk und einem kleinen Foto-Shooting ziehen wir weiter.

Die Ukraine und Deutschland

Zu späterer Stunde sind wir mit Vlad und seiner Familie zum Essen in einem Lokal verabredet. So treffen wir uns auf der Veranda eines Seafood-Restaurants, das etwas außerhalb des Zentrums gelegen ist. Es ist gerade noch warm genug, um draußen sitzen zu können, aber bereits zu kalt, um sich bis aufs T-Shirt zu entkleiden. Für den Notfall liegen sogar Decken bereit. Nachdem Vlad uns seine Frau und seine ausgesprochen hübsche Tochter vorgestellt hat, bringt eine Kellnerin die Karten an Tisch. Rasch entwickelt sich eine angeregte Diskussion auf Englisch. Unser einheimischer Freund ist nicht nur ein ehemaliger Seemann und unser Vermieter, sondern auch der Enkel des früheren Bildungsministers der Ukraine. Innerhalb des Gesprächs bestätigt er meine Annahme, die ich bereits aufgrund seines guten Englischs tätigte, dass es sich hier um einen bemerkenswert gebildeten und vielseitigen Mann mit einer vorwärtsgewandten Weltanschauung handelt.

Auch seine Tochter ist des Englischen sehr gut mächtig; nichts anderes habe ich erwartet. Während Getränke, Töpfe mit Muscheln in Weißwein-Knoblauchsoße und Beilagen serviert werden, kommt man schnell auf ein interessantes Thema zu sprechen: die jeweiligen gesellschaftlichen Probleme unserer Heimatländer. Vlad erzählt uns, dass er insgesamt drei Jobs bestreite, um über die Runden zu kommen, was hier jedoch normal zu sein scheint. Neben der Tätigkeit als Englisch-Lehrer und der Vermietung von Appartements, sowie der damit gelegentlich verbundenen Touristenführung, betreibt er auch noch einen Hausmeister- und Reparaturservice. Immerhin kann er sich somit einen jährlichen Urlaub in Kroatien finanzieren, was beileibe nicht jeder Ukrainer von sich behaupten kann. Aber auch die gesellschaftliche Spaltung, Korruption, Faschismus und die Rückwärtsgewandtheit so mancher Regierungsorgane werden schnell zum Thema.

Rufus‘ politisches Statement

Ich lasse mir die frischen Schwarzmeer-Muscheln auf der Zunge zergehen und mir wird wieder bewusst, dass man auch in der Ukraine sein vorzügliches Auskommen haben kann; das notwendige Kleingeld vorausgesetzt. Nun will Vlad aber auch von uns wissen, wo denn in Deutschland der Schuh drückt. Rufus ergreift das Wort und macht reinen Tisch mit dem, was ihm stinkt. Als eines der Hauptprobleme führt er die jahrzehntelange Entwicklung hinsichtlich Zerstörung der Familie an, bedingt durch das zwischenzeitlich nur mehr verquere und entstellte Bild des einstigen Berufs der Hausfrau. Mutter zu sein, die Kinder zu erziehen und den Haushalt zu schmeißen, würde inzwischen stigmatisiert und die Frau sei über Generationen hinweg schleichend mit dem Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung indoktriniert worden. Zugleich prangert er das damit einhergehende Absinken des Lohnniveaus an, welches er bei den Frauen rund 30 % niedriger als bei den Männern einschätzt.

Die Krönung bildete aus seiner Sicht der Zusatzturbo der SPD mittels Agenda 2010, um Deutschland dauerhaft als Niedriglohnland in Europa etablieren zu können, mit dem Ergebnis, dass sich heute eine Familie mit zwei Kindern und zwei Jobs kaum noch über Wasser halten könne. Auf der anderen Seite fände eine Umverteilung der Werte statt, wie bereits in Orwells Roman 1984 vorausgesagt, einhergehend mit einer stetig wachsenden Anzahl an hanebüchenen Experimenten von Aufspaltung und Unterwanderung, die darin gipfle, dass sich Meinungsgegner der sogenannten „Achse der Gutmenschen“, sowie Widersprecher der ewigen Political Correctness, einer pauschalen Brandmarkung als rechts-nationale Ewiggestrige ausgesetzt sähen. Der Meinungskorridor würde ohne Not immer weiter nach links getrieben und selbst die irrwitzige Unterteilung in 50 verschiedene Geschlechter und die erdrückende Vielzahl an religiösen Irrleitungen, wären noch nicht genug des Guten.

Wer sich Gott als fliegendes Spaghettimonster vorstellte, dem müsse der gleiche Respekt entgegengebracht werden, wie einem Gehandicapten. Dessen ungeachtet, versteigt er sich am Ende zu der parodistischen Aussage, gerne in Deutschland leben zu wollen, „because its a free country“.

Auch wenn ich dem nur teilweise zustimme, respektiere und schätze ich Rufus‘ Meinung. Die ungeschönte Darstellung habe ich auf seinen Wunsch hin veröffentlicht.

Nachdem Vlad das Statement erst einmal zur Kenntnis nimmt, wechseln wir wieder zu leichteren Themen, bis wir den schönen Abend schließlich ausklingen lassen. Ich habe aufgrund der kühlen Temperaturen bereits meine Jacke übergestreift und auch die Decken fanden in der Zwischenzeit dankbare Abnehmer. Es folgt eine herzliche Verabschiedung und die Familie bedankt sich für Rudis großzügige Geste der Einladung.

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Kann Genderwahn und fliegenden Spaghettimonstern nichts abgewinnen: Mr. BlackMagic himself (hier vor dem Denkmal des unbekannten Matrosen).

Unseren darauffolgenden letzten Tag lassen wir ruhig angehen und die eine oder andere Diskussion wird am Straßentisch unseres Stammcafés fortgesetzt. Zwischendurch zieht der Fahrer einer Corvette die Aufmerksamkeit auf sich, als er mit geschätzt 130 km/h die enge und zugeparkte Einbahnstraße entlang prügelt. Geisteskranke, die ihre Profilneurose auf Kosten anderer ausleben, gibt es eben auch in der Ukraine. Gemeinhin scheinen die odessitischen Autofahrer nicht gerade über mehr Hirnmasse zu verfügen, als die deutschen. Mit dem Unterschied, dass dem desolaten Schrott, welcher hier größtenteils unterwegs ist, auf deutschen Straßen längst die Zulassung entzogen worden wäre. Auch der betrunkene Polizist in Uniform, der mir zu späterer Stunde über den Weg läuft, würde in Deutschland seinen Dienst vermutlich nicht mehr lange tun.

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Auch eine fehlende Radschraube ist hier kein Grund, das Auto gleich stehen zu lassen.

Der englische Patient

Später beenden wir den Tag im Hotelzimmer. In Ermangelung von White Russian, mit einem Martini on the Rocks von der Bar. Auf der Fahrt nach oben teilen wir uns den Aufzug mit einem ausgemergelt wirkenden Mann Mitte 50 und dunklem Teint, der sich uns ungefragt als Engländer vorstellt. Ich vermute, dass er ebenfalls Gast im Ekaterina II ist. Er ist betrunken und schwer zu verstehen, weshalb ich ihn im Foyer kurzerhand abwimmele. Das ist jedoch kein Problem für ihn, denn sein nächstes Opfer hat er hinter der Rezeption bereits erspäht. Wir unterstellen dem mutmaßlichen Engländer mit offensichtlichem Alkoholproblem, ursprünglich ein nordafrikanischer Migrant zu sein. Unabhängig von seiner Herkunft ist er jedenfalls ein unangenehmer Zeitgenosse. Durch die Tür des Hotelzimmers bekommen wir eine lauter werdende Diskussion mit der Rezeptionistin mit, bis er schließlich von der Hotel-Security entfernt und auf sein Zimmer verbracht wird.

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Ein letzter Blick vom Appartement aus, in den Hinterhof

Als ich am nächsten Morgen im Appartement aufstehe, ist Rudi bereits abgereist, da er über eine andere Fluglinie gebucht hat, als Rufus und ich. Nach abschließenden Reinigungsarbeiten und der Entsorgung des unsortierten Hausmülls, mache ich mich zu Fuß auf den Weg zum Hotel, wo Vlad uns abholen wird. Als ich vor der Rezeption warte, bis Rufus ausgecheckt hat, treffe ich wieder auf den englischen Patienten. Mit gepackten Koffern sitzt er auf einer Couch und beklagt sich sogleich darüber, dass man ihn aufgrund seines betrunkenen Zustands wie einen Kriminellen behandelt und auf seinem Bett fixiert habe. Er bezichtigt die Mitarbeiter des Hotels Verbrecher zu sein, während er im Begriff ist, aufgrund dessen auszuchecken. Ich erspare mir einen Kommentar dazu und nach der Verabschiedung vom diensthabenden Personal, verschwinden wir im Aufzug.

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Notdürftigkeit oder gewolltes Retro-Design? Man kann sich nie sicher sein.

Nachdem wir Gepäck und Rollstuhl verladen haben, bringt uns Vlad durch den chaotischen Verkehr der Millionenstadt zum Flughafen. Hektisch werden wir laufend von anderen Fahrzeugen rechts und links überholt. Alles scheint hier einer unsichtbaren Ordnung zu folgen. Permanent wird eine zweite und dritte Spur oder Abbiegespur eröffnet, obwohl auf der Straße keinerlei Markierungen vorhanden sind. Wo, wann und wie man hier abbiegen oder überholen darf, bleibt wohl ein dunkles Geheimnis der Einheimischen. Wer die Verkehrsführung nicht kennt, hat schlicht und ergreifend schlechte Karten. Als wir nach etwa zwanzig Minuten den Flughafen erreichen, klagt Rufus bereits über abgas-bedingte Kopfschmerzen.

Der Rückflug

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Der Tribünenwagen des Odessa International Airport

Wider Erwarten verläuft am Flughafen alles reibungslos und auch der Spezialtransport macht diesmal einen gut durchorganisierten Eindruck. Pünktlich heben wir am Odessa Airport ab und lassen die Ukraine bald hinter uns. In Wien trennen sich unsere Wege schließlich. Rufus fliegt weiter in Richtung Frankfurt und ich nach München. Standesgemäß hat mein Anschlussflug eine halbe Stunde Verspätung und so muss ich am Ziel-Flughafen die Beine in die Hand nehmen, um die S-Bahn noch zu erwischen. Als diese vor meine Nase wegfährt, nehme ich auf einer Bank inmitten des vermüllten Bahnsteigs Platz und warte auf die Nächste. Auf die halbe Stunde kommt es nun auch nicht mehr an. Immerhin bietet sich mir während der anschließenden Heimfahrt im Zug ein reichhaltiges Unterhaltungsangebot. Die Waggons sind gut gefüllt mit teils sturzbesoffenen und vollgekotzten Oktoberfest-Besuchern aus aller Welt.

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Adieu Schwarzes Meer

Geschafft aber zufrieden, steige ich schließlich an meinem Heimatbahnhof aus. Die Reisetasche geschultert, nehme ich den letzten Kilometer zu Fuß. Eine kalte Brise weht mir um die Nase und so richtig angekommen fühle ich mich noch nicht. Zur Akklimatisierung werde ich wohl später erst einmal bei meinem Stamm-Italiener einkehren.

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Zumindest kann ich nicht behaupten, in Odessa schlecht gelebt zu haben.

Auf zu neuen Gefilden und Abenteuern.

Bildgalerie meines ersten Besuchs in Odessa
Rabotniks kleiner Reiseführer für Odessa

Wie ich im Nachgang erfahren habe, hat Odessa sogar einen Behindertenbeauftragten. Einen Bericht dazu gibt es hier.

Reise in die Ukraine

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