Rabotnik in Odessa – Teil 3

Rudi

Mein Begleiter Rudi (Name von Rabotnik geändert) hat eine Verabredung. Olga heißt sie, jung und schön wirkt sie auf den Bildern, gerade einmal halb so alt wie er. Zeit hat sie ganz zufällig auch noch, so vereinbart man einen Treffpunkt. Mir kommt das Ganze etwas merkwürdig vor, ihm allerdings auch. So beschließen wir, dass ich mitgehe und mich unauffällig in der Nähe postiere. Für alle Fälle. Sie will sich an der Oper treffen, diese liegt etwa zehn Minuten zu Fuß von unserem Hotel entfernt. Vor dem prunkvollen Gebäude der Oper von Odessa erstreckt sich ein weitläufiger Platz, dessen Zentrum ein großer Springbrunnen bildet. Wartend sitzen wir auf einer der umherstehenden Bänke, es gibt freies WLAN.

Rudi
Springbrunnen vor der Oper von Odessa

So kann ich zum Zeitvertreib noch etwas im Internet surfen, da ich meine SIM-Karte aus kostentechnischen Gründen sicherheitshalber aus dem Smartphone entfernt habe. Ich will vermeiden, dass sich das Ding irgendwo einloggt und horrende Kosten produziert. Immerhin könnte ich bei meinem Anbieter für kostengünstige 2,99 pro Minute in der Ukraine telefonieren, allerdings Euro, keine Hrywnja.

Es ist Viertel vor Zehn und mein Begleiter macht sich auf den Weg zum Haupteingang der Oper. Ich folge ihm unauffällig. Olga ist da und sie sieht sogar so aus, wie auf den Bildern. Allerdings scheint sie eine weitere weibliche Begleitung im Schlepptau zu haben. Rudi dreht sich um und winkt mich zu ihnen herüber. Verdammt, mit einem ruhigen Abend scheint es heute wohl doch nichts zu werden. Der Höflichkeit halber gehe ich hin und stelle mich den Damen vor. Die Zweite heißt Elena, ein Dickerchen mit Überbiss und schiefen Zähnen. Sie wird meiner optischen Verantwortung in keiner Weise gerecht und erfüllt wohl die Funktion der Aufpasserin. Sie wollen etwas essen gehen, ich werde aufgefordert mitzugehen. Bei Rudi hat bereits der Hormonrausch eingesetzt und ich will kein Spielverderber sein, also willige ich ein. Später wird sich das noch als sein Glück herausstellen.

Olga spricht gut Englisch und die beiden scheinen sich prächtig zu unterhalten. Elena hingegen spricht kaum Englisch und presst mir auf Russisch innerhalb kurzer Zeit eine Fülle an Informationen ins Ohr, die mein Gehirn unmöglich verarbeiten kann. In regelmäßigen Zeitabständen nicke ich wohlwollend und lasse sie quatschen. Schon jetzt mag ich dieses Weib nicht und meine Menschenkenntnis soll mich nicht täuschen. Wir gehen in ein Lokal, welches nur etwa fünfzig Meter von der Oper entfernt liegt. Der Laden wirkt hell, sauber und ist gut gefüllt. So speist man zu viert, leert zwei Flaschen guten Weißwein und unterhält sich. Elena sitzt neben mir, frisst wie ein Scheunendrescher, leckt sich die Finger ab und bohrt ganz ungeniert in der Nase. Ihre Zudringlichkeit geht mir auf den Sack und das lasse ich sie dezent spüren. Mein Kompagnon hingegen scheint Spaß zu haben und ich gönne es ihm.

Er weiß, dass ich nur ihm zuliebe hier sitze. Gut, wenn man sich in einer Sprache unterhalten kann, die sonst niemand versteht. So lässt er mich wissen, dass er es schätze, dass ich mich um seinetwillen mit dieser hässlichen Matroschka abgebe. Nach etwas mehr als einer Stunde wird die Rechnung an den Tisch gebracht. Der Preis ist gehoben, aber der Qualität angemessen. Er übernimmt die Zeche, ich gebe ihm meinen Teil dazu. Hierzulande zahlt der Mann. In Deutschland zwar auch, aber hier macht man keinen Hehl daraus. Die Mädchen wollen tanzen gehen und ich mache gute Miene zum bösen Spiel. Das unmanierliche Weib ordert ein Taxi via Handy, der Laden, zu dem sie wollen, liege nur fünf Minuten entfernt. Ich hingegen frage mich, wozu man im Zentrum von Odessa ein Taxi braucht, da man doch alles schnell zu Fuß erreicht.

Als wir das Lokal verlassen, steht das Taxi bereits parat. Elena nimmt auf dem Beifahrersitz Platz, ich quetsche mich mit den beiden Anderen auf die Rückbank. Anschnallgurte gibt es keine und ein gutes Gefühl habe ich auch nicht. Die Fahrt geht los und wir verlassen das Zentrum von Odessa. Aus den angeblichen fünf Minuten Fahrt sind mittlerweile zwanzig geworden und die Gegend wird immer übler. Schließlich hält das Taxi vor einem Klub im nirgendwo, rundherum ragen finstere Plattenbauten in den Himmel, die Fassaden wirken fast schwarz. Ein ukrainisches Getto der übelsten Sorte, Menschen sieht man keine. Es folgt eine kurze Auseinandersetzung zwischen Olga und dem Taxifahrer, der angeblich auf 120 Hrywnja nicht rausgeben könne. Nach einem Anschiss der Dame klappt es plötzlich doch. Umgerechnet etwa vier Euro für mehr als zwanzig Kilometer Taxifahrt sind geschenkt.

Mit wenig Lust folge ich den anderen in den Klub. Rudi bezahlt den Eintritt und ein stiernackiger Gorilla mit Security-T-Shirt, etwa eins neunzig groß, kontrolliert die Handtaschen der Damen und tastet uns nach Waffen ab. Seine Stirn ist niedrig, sein Blick leer und besonders gesprächig scheint er auch nicht zu sein. Ich vermute, er verfügt über den Intelligenzquotienten einer Scheibe Weißbrot. Wir betreten das Etablissement, folgen den Damen quer über die Tanzfläche und setzen uns an einen Platz. Die Ausstattung ist billigst, die Tischplatte besteht aus kratzigem Laminatboden. Der Laden ist abgesehen von zwei tanzenden Statisten und dem Personal menschenleer. Mir schwant nichts Gutes, die Nummer riecht nach Abzocke.

Bei einem gemeinsamen Toilettenbesuch setze ich meinen Begleiter darüber in Kenntnis, dass mir das Ganze komisch vorkommt. Er bestätigt meine Bedenken zwar, möchte aber der Dinge harren, die da noch kommen. Ein glücksgeschwängertes Hirn vernebelt eben den Blick für die Realität. Als wir zurück am Platz sind, bringt eine unsympathische blonde Kellnerin die Karten. Diese sind ausschließlich auf Russisch verfasst und die Matroschka schwallt mich mit Empfehlungen zu, will eine Runde Weißwein bestellen. Ich sage ihr, dass ich selbst lesen könne und bestelle einen White Russian, der laut Karte 120 Hrywnja kostet. Die Bedienung kommt wieder und es wird geordert. Die Aufpasserin beginnt sie zuzutexten, aufgrund der lauten Musik verstehe ich nichts. Offenbar hat sie gleich für alle bestellt.

Ich wundere mich und klappe die Karte zu. Kurz darauf wird groß aufgetischt und ich erhalte mein Getränk, den schlechtesten White Russian, den ich in meinem Leben jemals probiert habe. Er schmeckt wie Wodka pur, nur dass man oben noch etwas Milch draufgekippt zu haben scheint, damit er weiß aussieht. Wahrscheinlich will man mich abfüllen, was ich als weiteres Warnsignal zur Kenntnis nehme. Für die anderen gibt es eine Runde des angeblichen Weißweins, für mich sieht es aus wie Champagner. Unauffällig schnüffle ich an Rudis Glas, der penetrante Geruch von billiger Schampus-Pisse beleidigt mein Riechorgan. Ich weise ihn darauf hin, dass das kein Wein ist. Er fragt seine Begleiterin und winkt dann ab. Im weiteren Verlauf des Abends wird noch eine Obstplatte aufgetischt. Die neben mir sitzende Elena wird wieder zudringlich und ich schiebe sie angewidert weg.

Sie fragt mich, ob ich eine Shisha rauchen möchte, ich verneine. Das hält sie nicht davon ab, trotzdem eine zu ordern. Gelegentlich nippe ich an meinem Getränk, ansonsten halte ich mich an Wasser, welches ebenfalls auf dem Tisch steht. Mein Begleiter tanzt mit Olga, scheint sich prächtig zu amüsieren und der Gedankenlosigkeit zu verfallen. Meine unansehnliche Zwangs-Gesprächspartnerin drückt sich zwischenzeitlich das vierte Glas Billig-Schampus in den Kopf und hängt an ihrer Wasserpfeife wie eine Cracknutte. Im trüben Licht dieses Lochs sieht sie auch so aus, mit ihren dunkel unterlaufenen Augen. Mir wird es zu bunt. Ich stehe auf, gehe zur Toilette und fordere unterwegs die Kellnerin auf, die Rechnung zu bringen. Als ich zum Platz zurückkehre, steht die Bedienung da und quatscht mit Elena, von der Rechnung keine Spur.

Offensichtlich wurde hier gerade noch eine Runde geordert. Kurz darauf werden noch mal weitere Gläser des mutmaßlichen Schampus an den Tisch gebracht. Einige Minuten später folgt dann die Rechnung. Ich klappe die Mappe auf und falle vom Glauben ab. Die geforderte Summe beträgt nicht weniger als 36040 Hrywnja, was etwa 1200 Euro entspricht. Man will uns betrügen, und zwar richtig. Zur Beweissicherung mache ich ein Foto und informiere Rudi darüber, dass sich meine Bedenken bestätigt haben. Dieser greift sich reflexartig ein stumpfes Messer vom Tisch und durchbohrt seine junge Begleitung mit einem tödlichen Blick. Nun ist er also doch aufgewacht. Ich sage ihm, er soll das Messer weglegen und sich sein Hemd greifen, damit wir schnellstmöglich hier herauskommen.

Rudi
Zeugnis des Betrugs

1x White Russian: 120 г (ca. 4 €)
6x Bonaqua Wasser: 120 г (ca. 4 €)
1x Wasserpfeife: 5000 г (ca. 170 €)
1x Servicepauschale 10%: 3300 г (ca. 110 €)
1x Obstplatte: 500 г (ca. 17 €)
4,5x Champagner Moët & Chandon: 27000 г (ca. 900 €)
Summa summarum: 36040 г (ca. 1205 €)

Ich marschiere vorweg, durch den Eingangsbereich, wo sich jetzt seltsamerweise auch die Bedienung aufhält. Ich passiere den Gorilla, drücke die Tür auf und bin draußen. Rudi schafft dies nicht mehr, die Kellnerin ruft etwas, der Gorilla stoppt ihn. Ich entferne mich etwa zehn Meter von der Tür, beobachte kurz die Szene, mache ein Foto. Zwei Typen stürmen aus der Tür, fordern mich auf, stehen zu bleiben. Sie nähern sich mir mit zügigen Schritten, ich nehme leicht tänzelnd die Boxerstellung ein, welche mir im Laufe von vielen Jahren des Trainings in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ich kläre sie darüber auf, dass sie besser nicht versuchen sollten, mich aufzuhalten. Sie begreifen sofort, was Sache ist. Ich scheine ihnen körperlich überlegen und nicht zu Scherzen aufgelegt. Sie heben beschwichtigend die Hände und versuchen auf mich einzureden. Besser für sie und auch für mich, da ich die ukrainische Gesetzeslage nicht kenne.

Rudi
Club-Urlaub auf ukrainisch. In diesem Dreckloch werden Touristen systematisch abgezockt. Das Foto entstand live am Tatort.

Ich sage ihnen, dass ich jetzt die Polizei hinzuziehen werde und entferne mich zügig. Nun habe ich ein Problem. Ich befinde mich in einem fremden Land in der übelsten Gegend, die man sich vorstellen kann und weiß nicht, wem ich trauen kann. Telefonieren kann ich nicht. Rudi ist in den Fängen dieser Gangster und ich muss mir etwas einfallen lassen, ihn da wieder rauszuholen. Schweren Herzens lasse ich ihn zurück und begebe mich auf den Weg. Mein Ziel ist das Stadtzentrum von Odessa. Ich kenne die grobe Richtung und die Schilder kann ich lesen. In einem nahegelegenen McDonalds sitzt ein Polizist aber ich weiß nicht, ob ich der Polizei in diesem Viertel trauen kann. Ich will es versuchen, doch die gläserne Tür ist abgesperrt. Energisch klopfe ich gegen das Glas und der Polizist sieht mich an.

Er blickt auf, schüttelt den Kopf und widmet sich wieder seinem Essen. Ich hämmere nochmals gegen die Scheibe, diesmal kräftiger. Er sieht mich wieder an, schüttelt abermals den Kopf und macht keinerlei Anstalten, sich zu bewegen. Ich wünsche dem korrupten Schwein, dass es vom Fast-Food-Fraß eines Tages elendig an einer Fettleber verrecken möge und mache mich zügig auf den Weg zur Hauptstraße. Sie ist vierspurig und in schlechtem Zustand, dazwischen verlaufen Bahngleise, vom Rost zerfressen. Ich versuche, per Anhalter ins Zentrum zurückzugelangen. Es fahren vergleichsweise wenige Autos, niemand hält. Das kann ich auch keinem verübeln. In dieser Gegend würde ich auch nicht anhalten.

Genau dort liegt das Prinzip dieser perfiden Masche, mit der man hier systematisch Touristen abzockt. Man setzt Mädchen als Köder ein und lockt die Opfer in ein verkommenes Drecksviertel, zwanzig Kilometer weit weg vom Zentrum und ohne Verkehrsanbindung. In einem Nachtklub, dessen einzige Existenzberechtigung der große Nepp ist, schnappt die Falle zu. Man schenkt angeblich teuren Champagner aus, die Flasche sieht der Kunde jedoch nie. Sie bauen darauf, dass man sich einschüchtern lässt, die Sprache nicht beherrscht, in der Aussichtslosigkeit der Situation die Kreditkarte zückt. Mit mir haben sie allerdings nicht gerechnet. Natürlich habe ich von derartigen Geschichten gehört, ging aber davon aus, dass dies nur naiven Menschen passiert.

Jetzt erkenne ich, wie schnell man auf einmal selbst mit drin hängt. Ich ärgere mich über mich selbst, vor allem darüber, nicht auf meine Intuition gehört zu haben. Ich hätte rechtzeitig die Notbremse ziehen müssen. Die versiffte Pseudo-Cracknutte vermute ich in unserem Fall als die treibende Initiatorin, wahrscheinlich bekommt sie im Erfolgsfall eine Prämie. Ich fühle meinen Puls, er ist erstaunlich ruhig, vielleicht 60 Schläge pro Minute. Ich frage mich, wie es Rudi wohl ergehen mag. Er weiß, dass ich ihn nicht im Stich lasse. Ich werde zurückkommen, allerdings mit der Kavallerie. Aber zuerst muss ich aus dieser verkommenen Gegend weg.

Ich passiere einen spärlich beleuchteten Blumenladen und eine Meile aus Imbissständen, alles wirkt verlassen. Lediglich ein paar übel aussehende Gestalten schleichen umher, ansprechen will ich hier niemanden. Einige hundert Meter weiter entdecke ich eine verwaiste Tankstelle und frage mich, ob ich in einer Geisterstadt gelandet bin. Ich setze meinen Marsch fort, ein Bullterrier springt von innen zähnefletschend gegen ein rostiges Gittertor. Im Hintergrund erheben sich düstere Hochhäuser bedrohlich in die schwarze Nacht. Zügig laufe ich etwa zwei Kilometer in Richtung Innenstadt, nach wie vor hält niemand. Plötzlich entdecke ich ein verbeultes schwarzes Taxi am Straßenrand. Ich werfe einen Blick durch die Seitenscheibe. Der Fahrer liegt auf seinem zurückgestellten Sitz und schläft. Kurzerhand klopfe ich kräftig gegen das Fenster und wecke ihn auf.