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Der Stau-Irrsinn und seine Ursachen

Wenn ich mit dem Mountainbike unterwegs bin, bleibe ich gerne mal auf einer Autobahnbrücke stehen, um mit einer Mischung aus Mitleid und Häme die Wahnsinnigen zu beobachten, wie sie dort unten in ihren Blechkisten im Stau stehen. Gerade zu Ferienbeginn stürzen sich alljährlich erneut Horden von minderintelligenten Urlaubswütigen, wider besseren Wissens, wie die Lemminge ins Verderben. Heute hat es mich auf dem Arbeitsweg wieder einmal selbst erwischt. Ich bin keine Minute auf der Autobahn und schon geht es ohne ersichtlichen Grund nur noch mit Schrittgeschwindigkeit voran. Ich sitze wie eine Maus in der Falle. Aussteigen ist verboten und wer beim Benutzen einer „schwarzen Abfahrt“ zum Zweck der Selbstbefreiung erwischt wird, dem droht mindestens eine Geldstrafe. Letzteres ist besonders paradox, da man meinen sollte, dass jedes sich entfernende Fahrzeug zur Entlastung beitrüge.

Alles in allem bleibt zu konstatieren, dass es sich hierbei um einen äußerst menschenunwürdigen Zustand handelt. Bestenfalls ist der Blechsarg noch klimatisiert und verfügt über ein Automatikgetriebe, wer allerdings unter klaustrophobischen Zuständen leidet oder einem körperlichen Bedürfnis nachgehen muss, der hat schlechte Karten. Auch auf eine finanzielle Entschädigung durch den Stau-Verursacher kann man vergeblich hoffen. Aus diesem Grund sollte es zumindest legal sein, seine Notdurft als Zeichen des Protests, mitten auf dem Asphalt der Autobahn zu verrichten. Im Stau zu stehen ist die höchste Form der Vergeudung von Lebenszeit. Einzig bleibt die Möglichkeit, die anderen Autofahrer in der Blüte ihrer Einfältigkeit zu beobachten, in ihren teils überteuerten Blechkübeln sitzend, einer dämlicher als der andere. Da ist der schweißgetränkte Fettsack im Maßanzug und mit kreisrundem Haarausfall in seiner Hunderttausend-Euro-Limousine eben auch nicht schneller als ich mit meiner jämmerlichen Rostlaube.

Die Ursache für den jeweiligen Stau bleibt oftmals unklar

Sich schadenfroh am Leid der anderen zu ergötzen fällt dennoch schwer, wenn man selbst mit drin hängt. So wälzt sich die Blechlawine mit qualvoller Langsamkeit voran, unter der sengenden Hitze der Juli-Sonne, die nächste rettende Ausfahrt kilometerweit entfernt. Da ich mich auf dem linken Fahrstreifen befinde, halte ich mich nah an der Leitplanke, um Platz für eventuelle Rettungs- oder Bergungsfahrzeuge frei zu lassen. Ein Zustand welcher unter anderem als Rettungsgasse bekannt ist. Damit bin ich allerdings alleine, denn der schlichte Verstand des deutschen Durchschnitts-Autofahrers scheint nicht auszureichen, diese Vorschrift aus eigenem Antrieb umzusetzen. Als sich schließlich ein gelber Abschleppwagen hupend seinen Weg bahnt, beginnen die unterbelichteten Trottel damit, ihre Fahrzeuge panisch nach links und rechts zu lenken.

Jedoch wohl nicht aus der Notwendigkeit heraus, eine Rettungsgasse zu bilden, sondern vielmehr aus Angst um ihre Außenspiegel. Die Unversehrtheit des eigenen Vehikels hat im germanischen Kleinhirn bekanntlich oberste Priorität. Etwa sieben Kilometer und eine geschlagene Stunde später, löst sich der Stau plötzlich auf, ohne seine Ursache preiszugeben. Einmal mehr wird mir bewusst, dass der motorisierte Individualverkehr mit dem Pkw keine Zukunft mehr hat. Über Jahrzehnte hinweg wurde er in voller Maßlosigkeit bis zum Exitus getrieben und das deutsche Straßennetz hat die Grenze seiner Belastbarkeit längst überschritten. Der gemeine Autofahrer ist nicht imstande zu begreifen, dass seine lächerliche Kfz-Steuer nur einen kleinen Bruchteil der jährlich durch Autos verursachten Kosten und Schäden zu deckt. Jeder Eigner eines Pkws kostet die Allgemeinheit deshalb etwa 5000 Euro pro Jahr.

Das Problem wird natürlich nicht besser dadurch, dass heutzutage jeder glaubt mit 17 seinen Führerschein machen zu müssen und im Anschluss von den Eltern sein eigenes, null-prozent-finanziertes Auto hingestellt bekommt. Ein Umdenken wird stattfinden müssen.

Mangelnde Alternativen sind ein Problem

Die Gründe für das wachsende Verkehrschaos sind vielschichtig. Während man in der Großstadt wenigstens noch öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad unter dem Einsatz seines Lebens nutzen kann, ist dies auf dem Land ein Problem. Besonders das Reisen mit der Bahn ist in Deutschland mehr als unerschwinglich und unattraktiv. Verspätungen, schlechte Taktung, ausfallende Klimaanlagen und defekte Zugtoiletten stehen an der Tagesordnung und dafür soll man auch noch horrende Preise bezahlen. Für den Preis eines Zugtickets der Deutschen Bahn kann ich die gleiche Strecke dreimal mit dem Auto fahren und bin, abgesehen vom Stau-Risiko, noch immer günstiger. Geschuldet ist dies auch dem Privatisierungswahn der letzten Jahrzehnte und dem Verkauf von Teilen des öffentlichen Streckennetzes an gewinnorientiert arbeitende Unternehmen. Im Vordergrund steht längst nicht mehr der Kunde oder die soziale Verantwortung, sondern einzig der Profit. Ohne schlechtes Gewissen kann man den führenden Köpfen dieser Transportunternehmen und auch der Politik vorwerfen, auf der ganzen Linie versagt zu haben.

Auch der Trip mit dem Fahrrad wird schnell zum lebensgefährlichen Himmelfahrtskommando. Mangelhaft ausgebaute Radwege, die in Schnellstraßen oder gleich im Nichts münden sind nur eines von vielen traurigen Beispielen, für welche man Politik und Gemeinden rigoros in die Schuld nehmen muss. Anstatt in den Ausbau eines zusammenhängenden Netzes von sicheren Fahrradstrecken zu investieren, wird der Großteil des Geldes doch nur wieder in die Straßen für den motorisierten Verkehr gepumpt. Die ewiggestrigen und lobbygesteuerten deutschen Verkehrsplaner haben die Zeichen der Zeit längst nicht erkannt. Ein Ausweg aus dem totalen Verkehrsinfarkt führt nicht über achtspurige Autobahnen, sondern nur über alternative Verkehrsmittel und Sammelbeförderung. Die Antwort der Autoindustrie auf das wachsende Problem hingegen sind schwachsinnige Erfindungen wie „Stau-Assistenten“, die man den Kunden als die neueste Innovation andreht. Es müssen dringend Anreize für die Nutzung öffentlicher oder umweltfreundlicher Verkehrsmittel geschaffen werden.

Eine ganzer Wirtschaftszweig partizipiert an dem Elend

Das Auto stehen zu lassen oder gar zu verkaufen muss attraktiv werden. Entgegen den Interessen einer staatlich geförderten und höchst kriminellen Autoindustrie, die jüngst mehr durch Abgasbetrügereien und die Ausbeutung von Rohstoffen und Menschen in der Dritten Welt als durch sinnvolle Innovationen auf sich aufmerksam gemacht hat. Es liegt an jedem Einzelnen, den inneren Schweinehund zu überwinden, das faule Hinterteil aufs Fahrrad zu schwingen oder die hundert Meter bis zur Bushaltestelle zu Fuß zurückzulegen. Obendrein hätte dies sogar noch weitere positive Effekte: Zum einen die Entlastung des durch die Volkskrankheit Bewegungsmangel überstrapazierten Gesundheitssystems. Zum anderen würde einer aufgeblähten und in Glaspalästen hausenden Instandhaltungs-Mafia, die für den Kundendienst an einem Auto den halben Monatslohn eines Durchschnittsverdieners nimmt, langsam der Nährboden entzogen.

Stau
In Österreich scheint man zu wissen, wie eine Rettungsgasse funktioniert. Offensichtlich sind unsere Nachbarn doch in mancher Hinsicht intelligenter. Bildquelle: Robert Reischl

Anmerkung: Der ursprünglich aus dem Jahr 2018 stammende Artikel wurde kürzlich (03/2022) etwas überarbeitet. Neben kleinerer Textkosmetik wurden auch themenverwandte Links ersetzt, die nicht mehr aktuell waren. Außerdem wurden die Auswahlmöglichkeiten in der Umfrage teilweise abgeändert.

Immerhin kostet das Nichtbilden einer Rettungsgasse inzwischen bis zu 320 € + einen Punkt in Flensburg. Dank Jobwechsel und beruflicher Neuorientierung ist es dem Autor zwischenzeitlich möglich, nicht mehr auf ein Auto angewiesen zu sein.

Dem Stau-Irrsinn entgegenwirken

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